In „Marta Maps“ schlägt das Marta Herford Besucher*innen drei Wege zur Erkundung seiner Sammlung vor. Aber in den großartigen Bildern und Skulpturen liegt natürlich noch viel mehr Potenzial. Wir versuchen also einfach mal einen vierten Weg – mit mythischen Geschichten zu unseren Lieblingswerken.

Im Marta selbst sind drei von Texten flankierte Serviervorschläge am Boden markiert: einer folgt der Sicht von Kindern, einer den Gedanken des großartigen Schriftstellers Wladimir Kaminer – und einer lenkt den Blick auf das, was in fertigen Ausstellungen normalerweise verborgen bleibt.

Wir sind alles abgegangen und können deshalb sagen: Jede der vorgeschlagenen Routen lohnt sich. Aber in den Werken schlummern noch viele weitere Angebote. Denn jedes Gemälde und jede Skulptur ist hinlänglich geheimnisvoll, um die eigene Phantasie anzukurbeln.

Wir von der KunstArztPraxis zum Beispiel haben versucht, alle drei Marta-Routen zu verbinden und mit naiver Unbefangenheit fiktive Mythen sichtbar zu machen, die sich hinter den Werken verbergen könnten. So irgendwie.

Ach, egal. Wir fangen einfach einmal an.

Norbert Schwontkowski: „Licht an“ (2010)

Und Gott sprach: Es werde Nachtlicht

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.

Nun also gab es Hell und Dunkel, aber die Idee mit Sonne, Mond und Sternen war Gott noch nicht gekommen: Das geschah ja erst am vierten Tag. Aber Gott hatte bereits gemerkt, dass für seinen sportlichen Sechstagesplan Nachtschichten dringend vonnöten wären.

Um also selbst in der Finsternis genug Licht zum Schöpfen zu haben, erschuf Gott kurzerhand die Glühbirne, die er dann, als er sah, dass alles sehr gut war, im letzten Akt vorm siebten Tag wieder rückstandsfrei entsorgte – zum Ausruhen braucht man ja bekanntlich Finsternis. Erst 1880 wurde sie von Thomas Alva Edison (wie wir jetzt wissen: zu Unrecht!) patentiert.

Norbert Schwontkowski hat die Erde in der zweiten Schöpfungsnacht gemalt, also kurz bevor Gott im Licht seiner Birne Wasser und Boden voneinander geschieden hat. Übrigens hat Caspar David Friedrich um 1809 dieselbe Stelle gemalt, allerdings im Querformat und ein paar Schöpfungstage später.

Denn wie man beim Romantiker unschwer erkennen kann, hatte Gott da sogar den Mönch schon erschaffen.

Patrick Tuttofuoco: „Velodream (Massimiliano)“ (2001)

Der zweite Sturz des Ikarus

Entgegen der landläufigen Meinung überlebte Ikarus seinen Sturz ins ikarische Meer – wenn auch schwer verletzt. Und als seine Brüche und Blessuren hinlänglich verheilt waren, ging er (immer noch humpelnd) daran, sich seinen Traum vom Fliegen doch noch zu erfüllen.

Als Sohn eines Ingenieurs hatte Ikarus aus seinen Fehlern gelernt. Diesmal konstruierte er ein neuartiges Fluggerät mit Fuß- statt Armantrieb und ummantelte es mit einem vor der Sonne schützenden Lamellenpanzer aus gegossenem Zinn, das er zuvor den Minen der Kassiteriden entnommen hatte. Nur auf die Wachsflügel wollte er aus Nostalgiegründen nicht verzichten.

Dann leerte Ikarus einen großen Krug des schon bei Homer gepriesenen pramnischen Weins, stieg auf einen der Hügel des Atheras-Gebirges und erhob sich von dort aus mit erstaunlicher Leichtigkeit strampelnd in die Lüfte.

Im Marta steht Patrick Tuttofuocos Rekonstruktion des fast völlig zerstörten Gefährts, mit dem Ikarus ein zweites Mal vom Himmel fiel: so, wie es der Baggerführer Massimiliano S. im November 1993 bei Aushubarbeiten zur Start- und Landebahn des Flughafens der Insel Ikaria entdeckte.

Die Flügel aus Wachs und Federn waren da natürlich nicht mehr vorhanden.

Yvonne Roeb: „Housed“ (2016)

Xerons nutzlose Arme

Schlimm und grausam ist der Mythos der vielköpfigen Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf bekanntlich zwei neue wachsen. Nicht minder schrecklich aber ist die Legende vom blendend weißen und sagenhaft schönen Ungeheuer Xeron, das den bis zur Unsichtbarkeit schmalen Pfad zum Quell der Erkenntnis bewacht.

Wie die Todesgöttin Kali, so hat auch Xeron vier oder zehn Arme – und gilt als unbesiegbar. Denn immer, wenn ein unerschrockener Wissbegieriger dem Ungeheuer im Kampf einen Arm abschlägt, behauptet die Sage, wachsen ihm vier oder zehn neue, am Ende blendend weiße nach.

Yvonne Roeb hat den abgeschlagenen Arm des Xeron nach allen Vorgaben der Überlieferung exakt nachmodelliert. Und sie macht deutlich, dass wir uns keineswegs fürchten müssen, den Kampf um mehr Erkenntnis aufzunehmen. Im Gegenteil:

Bis die Fötenarme des Xeron zu wehrhafter Weiße herangewachsen sind, dauert es offensichtlich unendlich lange. Und die Fötenarme des Xeron wachsen ja nichtmals am Körper des Xeron neu, sondern behausen völlig nutz- und harmlos die Faust der schon abgeschlagenen Hand.

DeAnna Maganias: „Then it will be as if I were already in the air“ (1999-2001)

Diese unfassbare Bläue

In der Vorstellung der Messa hat der Himmel eine schier unerträgliche Bläue: Ob man das Jenseits als Paradies oder als Hölle empfindet, hängt maßgeblich davon ab, ob es der in die Lüfte entschwebten Seele gelingt, mit diesem Unfassbaren umzugehen.

Nach Jahrhunderten entsprechender Experimente mit blauer Farbe haben die Schamanen der Messa deshalb in den Feuchtgebieten von Diffa sieben Grotten mit unterschiedlichen Graden der Unerträglichkeit ausgemalt. Hier können sich Gläubige schon zu Lebzeiten in der Fähigkeit schulen, das Jenseits als jenes Paradies zu empfinden, das es unter anderem ist.

Das Angebot reicht von Blaustufe 1 für Anfänger („otogo t’imbulu“ = sehr angenehm) bis zu Blaustufe 7 für Fortgeschrittene („otogi ’n fuga“ = schier unerträglich).

Natürlich liegen die naturverbundenen Messa in ihren Grotten auf dem nackten Boden. Gäbe es aber in Europa einen Ort, um seine Seele für die unfassbare Bläue des Himmels zu präparieren, dann sicher mit jenem abgezirkelten Übermaß an Annehmlichkeiten, das wir von Wartezonen in Abflughallen kennen.

Genau das wollte DeAnna Maganias uns mit ihrer Installation im Marta begreiflich machen – natürlich schonend (deshalb im Bild: Blaustufe 1: „otogo t’imbulu“ = sehr angenehm).

Mark Dion: „On the Topic of Hunting“ (2015)

Vom krummen Lauf der Geschichte

Im Grunde ist es für uns Erdlinge unbegreiflich, aber die Jagd und der Krieg sind der Bevölkerung des Planeten Xera nicht auszutreiben. Zwar gibt es in xeranischen Apotheken diverse Salben und Tinkturen, die versuchen, das Übel zu lindern. Aber irgendwann bricht die Krankheit doch immer wieder bei Jedem durch.

Kein Haus auf Xera, das nicht Tage nach dem Richtfest schon Ruine, kein Kind, dass nicht kurz nach der Geburt schon Waise wäre – von ausgestorbenen Tieren ganz zu schweigen. Kurzum: Die Lage ist verzweifelt.

Ein wenig ist es auf Xera so wie einst auf unseren Osterinseln, deren Bewohner im vollen Bewusstsein der drohenden Ödnis sogar den letzten Baum noch fällten, um ihre steinernen Götzenbilder an die Klippen zu rollen. Nur sprechen wir bei Xera eben nicht von einer weltfremden Insel, sondern von einem ganzen Planeten. Und wir sprechen nicht von hehrer Religion, sondern von niederem Trieb.

Dabei gibt es eine simple Lösung: Der Künstler Mark Dion hat ein Gewehr entwickelt, dessen Lauf nicht nur genauso krumm ist wie der der xeranischen Geschichte, sondern rettend auch. Mit ihm lassen sich die dunkelsten Rituale des Kampfes exerzieren, ohne dass Irgendjemand oder Irgendetwas Schaden nehmen muss.

Die Xeranier*innen könnten sich wie gewohnt aufs Übelste beschimpfen, mit den lächerlichsten Beschuldigungen und abstrusesten Bedrohungen überschütten, fußstampfend und wutschnaubend mit der ganzen Potenz ihres Militärapparats voreinander auf- oder abprotzen und schamlos aufeinander zielen.

Ja: Sie könnten sogar den Abzug der Gewehre drücken, und es würde dank des krummen Laufs trotzdem nicht passieren: nichtmal den Maulwürfen und Regenwürmern in der Erde, denn Maulwürfe und Regenwürmer gibt es auf Xera nachweislich nicht.

Jetzt gebricht es nur noch an der Möglichkeit, Dions Waffe nach Xera auszuliefern. Danach wäre selbst auf diesem kriegerischsten Planeten des Universums endlich Frieden.

(14.03.2022)

„Was man nicht selber weiß,
das muss man sich erklären.“

Jürgen von Manger

Anmerkung: Wir haben die Geschichten hinter den Werken in „Marta Maps“ nach bestem Wissen und Gewissen hervorgeholt. Sollten uns dabei Fehler unterlaufen sein, entschuldigen wir uns ausdrücklich bei den betroffenen Künstler*innen.

„Marta Maps. Neue Routen durch die Sammlung“ ist noch bis zum 29. Mai 2022 im Marta Herford zu sehen.

Literarischer Bonus-Track: Kleine Galerie geographischer Wunder (1996)

Das Marta Herford in der KunstArztPraxis:
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Homepage des Marta Herford

Neue Routen durch die Sammlung: „Marta Maps“

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Ein Gedanke zu „Neue Routen durch die Sammlung: „Marta Maps“

  1. 🔥Danke für die phantastischen Gedanken zu Housed. I❤️it!

    KunstArztPraxis: Wir haben zu danken. Und sind hocherfreut.

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