Pro & Contra Yayoi Kusama 1: Die Punkte nerven!
Eigentlich ist die KunstArztPraxis ja immer unisono einer Meinung, aber bei Yayoi Kusama scheiden sich dann doch unsere drei Geister. Wir bringen deshalb anlässlich der Schau im Museum Ludwig einen Diptychon aus Lob & Tadel. Heute: Tadel, vom Trypophobiker KunstArzt3: dem Nörgler aus der Wissenschaft.
2022 stand die japanische Künstlerin Takako Saito (1929-2025) Im Vorfeld ihrer Performance im Klangkleid im Museum Ludwig vor Yayoi Kusamas „Compulsion Furniture“ (1966) – einem der Gründungswerke des Museums vor genau 50 Jahren.* Ein guter Freund kann das bezeugen.
*die Retrospektive von Yayoi Kusama versteht
sich auch als Jubiläums-Ausstellung.


In ihren frühen Jahren habe sie ebenfalls Punktebilder gemalt, sagte Takako Saito vor dem Zwangsmöbel-Stück: 1956 habe sie damit angefangen.
Dabei sei sie vom Meister-Maler Ei-Kyu beeinflusst worden, der seit den frühen Dreißigerjahren mit Punkten gearbeitet habe: genauso wie, man ahnt es längst – natürlich! Yayoi Kusama.
Wenn Punkte öde werden
Das wisse sie, weil sie und Kusama sich im New York der Sechzigerjahre ständig über den Weg gelaufen seien. Die Kunst-Welt dort war klein.
Bild oben: Das Universum in der Nusschale: Takako Saito, „Ohne Titel“ (1957)

„Aber mir sind die Punkte nach ein paar Jahren langweilig geworden. 1963 habe ich deshalb damit aufgehört.“
Das hat Takako Saito laut besagtem Freund, mit dem auch wir von der KunstArztPraxis locker Freundschaft pflegen, vor Yayoi Kusamas „Compulsion Furniture“ im Museum Ludwig gesagt.

„Punkte sind ein Weg zur Unendlichkeit . Wenn wir die Natur und unsere Körper mit Punkten überziehen, werden wir Teil der Einheit unserer Umwelt.“
Yayoi Kusama

Yayoi habe wegen des Erfolgs trotzdem immer weiter gemacht. Und dann soll Takako Saito gesagt haben: „Bei den ‚Polka Dots‘ von Yayoi fällt alle Welt auf diese Krankheits-Geschichte herein.“
Die Punkte fluppen immer noch
Zur Erklärung: Laut Yayoi Kusama gehen ihre „Polka Dots“ auf Halluzinationen ihrer Kindheit zurück, in denen sich die Welt plötzlich mit Punkten überzog.
Bis heute hat sie nach eigener Aussage Ängste, lebt & malt freiwillig in einer Nervenklinik in Tokio.
Und: Offenbar hatte sie wirklich gute Berater aus dem Marketingeltangel! Nach über 60 Jahren unentwegtem Punkte-Malen ist Yayoi Kusama die berühmteste Künstlerin der Welt.

Foto oben: Takako Saito durchblättert in ihrem Atelier
ihre Punkt-Gesichter und Punkte-Himmelsscheiben. Düsseldorf 2024


Zur New Yorker Kunstszene der Sechzigerjahre gehörten übrigens auch Yoko Ono und Mary Bauermeister.
Erstere schlägt, wie Yayoi Kusama, in den Instructions ihrer „Grapefruits“ (1964) die Brücke vom Punkt zur Unendlichkeit, letztere auf ihren Bildern auch.
Die Amnesie der Kunstgeschichte
ALLE Künstlerinnen haben in New York damals Punkte gemalt, das war meditative Praxis. Und ALLE haben zum Punkten damals von Love, Peace und Universe gesprochen.
Nur hat die Kunstgeschichte das vergessen. Sind ja zur Hälfte tote Frauen. Da kriegt die Kunstgeschichte bekanntlich gerne Amnesie.
Foto oben: Punkte-Bilder aus dem New York der Sechzigerjahre
in Mary Bauermeisters Atelier-Haus, Rösrath 2015

Egal. Wichtig ist, dass Yayoi Kusama mit dem Punktieren der Welt immer weiter gemacht – und den Punkt irgendwie zur künstlerischen Eigenmarke entwickelt hat. Deshalb glauben heute alle, der Punkt gehöre ihr alleine.
Aber man ist ja nicht deshalb einmalig, weil man immer dasselbe macht. Das, was man macht, sollte auch schon einmalig SEIN.
Punkte, Performance, Klamotten, Schachspiel
Tatsache ist, dass sich die Werke von Yayoi Kusama, Takako Saito und Yoko Ono – Dots, Performance, Klamotten, Schachspiel – in so vielen Punkten ähneln.*
*Sogar den Kürbis-Fetisch teilte sich Yayoi Kusama mit Takako Saito! Ständig hat sie
Kürbisse gemalt! Aber eben nur eine Zeit lang. Dann wurde es ihr öde.

Was wissen denn wir?
Kann es also sein, dass Yayoi Kusama deshalb zur berühmtesten Künstlerin der Welt avancierte, weil wir so wenig über das New York der Sechzigerjahre und die künstlerischen Traditionen Japans* wissen?
*das mit den „Traditionen Japans“ gilt ja wohl
eher für die Instructions von Yoko Ono
und Takako Saito, KunstArzt3, oder?!?
Und: Ist ein bescheidenes, individuelles Klangkleid von Takako Saito nicht viel sympathischer als Yayoi Kusamas 450-teilige Überpunktungs-Kollektion – Taschen-Punkte! Turnschuh-Punkte! Luxus-Punkte! – für Louis Vuilleton?*
*auch das sehen wir anders! Siehe die
tollen 1968er-Kleider auf dem Foto!

Foto oben: „Yayoi Kusama“, Ausstellungsansicht,
Museum Ludwig, Köln 2026. Tolle Kleider. Von 1968. Aus New York!


Das ist gar nicht der Punkt!
Aber das ist gar nicht der Punkt. Auch sonst kann ich mit dem „Polka Dot“ von Yoyomi Kusama nämlich nicht viel anfangen.
Ich habe einfach kein Auge dafür – gerade dort nicht, wo er das Ding millionenfach übertüncht. Oder den Raum. Denn dieses heute so beliebte „Immersive“ liegt mir fern.
Das liegt aber vielleicht auch daran, dass ich von Kunst nicht überwältigt werden will. Kunst soll mich nicht an die Hand nehmen. Ich hätte gern, wenn sie auf Distanz bleibt zu mir.
Das hat auch etwas mit Respekt mir als Betrachter gegenüber zu tun. Alles andere ist Penetranz.
Foto oben: Wirkt wie Kunst der Aborigines. Ist aber Yayoi Kusamas
„Every Day I Pray For Love“ (2023), Museum Ludwig, Köln 2026
Aber das sehen die beiden anderen KunstÄrzte vielleicht anders.*
*nö, lieber KunstArzt3: Mit DIESEM Punkt sind wir dann doch d’accord.
Haben wir aber auch schon SO oft drüber gesprochen zusammen!
Schöne Grüße!!! Deine KunstÄrzte1&2

Nichts gegen Konzept-Kunst!
Nichts gegen Konzept-Kunst, die immer das Gleiche macht. Peter Dreher, On Kawara, Erwin Hapke: alles tolle Sachen. Weil sie mein Denken animieren, das Denken mit dem Knie.
Hier aber sehe ich nur Überreizung. Effekt. Ich kann mir da nicht helfen, aber für mich ist Yoyomi Kusamas punktuelles Grenzen-Überschreiten Mode-Trip.
Für mich schaffen Yoyomi Kusamas „Polka Docs“ aalglatte Oberflächen, sind Punkte-Fashion ohne Reibungspunkte, Pop-Art-Deko. Sie führen trotz vermeintlich poetischer Titel nicht zu poetischer Erkenntnis, sondern von der Ausstellung direkt in den Museums-Shop.

Foto oben: Museums-Shop in der Buchhandlung König
im Museum Ludwig, Köln 2026. Fürs Kusama-Mechantising
gibt’s extra zusätzlich noch einen Sonder-Stand im Foyer.

Einfach nur Wow!
Die Grenzen zwischen Körper und Raum auflösen, Grenzen überschreiten, das wollen ja Viele. Das man das will, das kann man lernen. Es ist doch immer noch die Frage, wie man es macht.
Und die Inbesitznahme der Welt durch Kunst ist in meinen Augen beispielsweise Günther Uecker mit seinen Nägeln viel besser geglückt. Und Louise Bourgeois das mit der Angst.


Was soll’s. Die Massen werden ins Museum strömen – vermutlich auch die jungen Massen, die sonst nicht ins Museum gehen. Niederschwellig ist das, was Yoyomi Kusama macht, ja auf jeden Fall.
Diese jungen Massen werden dann Yayoi Kusamas immersive Räume stürmen und sie als Staffage für ihre Selfies per Film & Foto auf Insta & TikTok ins mediale Universum spülen, während sich das echte Universum ganz klein fühlt dabei.
Denn so sehr Yayoi Kusama das Publikum auch einlädt, das eigene Ego dank Dots im Kosmos aufzulösen: Ihr Werk wird von einer Generation Z konsumiert, die nurmehr das eigene Ich, wenn’s hochkommt, im Raster ihrer Punkte ins Unendliche vergrößert.
Foto oben: Yayoi Kusama, „Infinity Mirrored Room – Illusion Inside the Heart“ (2025),
Herz-Innenansicht, Museum Ludwig, Köln 2026
Ein Werk wird Inszenierungskunst für Social Media – und das Museum zur Personenkultstätte für narzisstische Influencer. So gesehen: doch wieder analoger Spiegelsaal der Gegenwart.

Von Berufswegen sympathisch
Ach ja: Yayoi Kusamas Gedanke, dass Kunst heilen könne, ist mir als KunstArzt schon von Berufswegen sehr sympathisch – und wenn ich das richtig sehe, dann hat es bei Yayoi Kusama selbst, zumindest um zu überleben, ja auch ganz gut geklappt.
Allerdings sind Yayoi Kusamas „Polka Docs“ nicht die Art von Kunst, die mich persönlich heilen könnte. Punkt und Aus. (15.03.2026)

„Yayoi Kusama“ läuft noch bis zum 2. August 2026 im Museum Ludwig in Köln; es muss online ein Zeitfenster-Ticket gebucht werden, denn es wird, da muss man kein Prophet sein, voll.
Man kann das Ganze nämlich auch ganz anders sehen als unser ansonsten hochgeschützter KunstArzt3-Kollege in seinem trypophobischen Wahn! Und natürlich sind bei den über 300 Arbeiten – von der ersten Zeichnung Mitte der Dreißigerjahre bis zu heutigen Werken – weitaus mehr als Punkte zu sehen. Und auch die Ausstellungs-Architektur ist richtig klasse – wie man hoffentlich an den Fotos von KunstArzt1 erkennen kann!
Dazu aber wie oben schon versprochen übernächste Woche mehr.

„Live in peace or leave the galaxy.“
Mary Bauermeister
Das Museum Ludwig in der KunstArztPraxis:
Die Alchemist*in: Ursula im Museum Ludwig
Aus dem Erzähl-Automaten: Francis Alÿs in Köln
Sommerloch-Porträts 2: Pierre Huyghes Hund
Kasper König: Porträt der Schenkung als ihr Schenker
Gerhard Richter Retro: „Neue Bilder“ in Köln (2017)
Zur Entfremdung bei der Kunstbetrachtung:
Der Herr im Kunstpalast. „Elias Sime. Echo“


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