Zum 85. Geburtstag hatte Gerhard Richter dem Museum Ludwig ein Geschenk gemacht. In seiner Jubiläumsschau waren alle Arbeiten von 2016 zu sehen. Und die Richter-Werke aus den Beständen des Museums hatte der Maler auch noch umgehängt. Grandios. Wie erinnern uns in Wort und Bildern.

© für alle Gemälde: Gerhard Richter

Anamnese: So war „Neue Bilder“ im Kölner Museum Ludwig

„Wie wäre es, wenn Ihr zum Geburtstag einfach meine neuesten Arbeiten zeigt?“ So oder ähnlich wird die Frage beim spontanen Anruf Gerhard Richters Ende 2016 im Museum Luswig gelautet haben. Danach hatte das Team nur drei Monate Zeit, die Schau zusammenzustellen. Wie gut, dass Richter mithalf.

In Köln versammelt waren 25 klein- und großformatige Bilder, die fast alle 2016 entstanden sind. Überwältigende Farbflächen, denen Richter nicht nur dem berühmten Rakel, sondern auch mit Spachtel, Holzstielen und Küchenmessern zu Leibe rückte. Zu sehen waren sie zum ersten Mal.

Gemalt wurden die Bilder, die frisch aus Richters Atelier um die Ecke kamen, nur in einem kurzen Zeitabschnitt während des Sommers 2016. Ein bis zwei Bilder pro Woche müssen da entstanden sein. Wo der 85-jährige diese unglaubliche Produktivität hergenommen hatte, blieb ein Rätsel.

„Wahnsinnig facettenreich und unglaublich vielschichtig“

Wer die Farbenfülle im Museum Ludwig sah, begriff, dass diese Bilder unbedingt in der hellen Jahreszeit entstanden sein mussten. Wer genau hinschaute, glaubte sogar, Flüsse, Horizonte, oder Felder zu erkennen. Tatsächlich hatte Richter zum Teil realistisch gemalte Landschaften abstrakt übermalt.

Richters Verfahren, mit dem breiten, flachen Rakel von links nach rechts über die zuvor mit dem Pinsel aufgetragenen Farben zu ziehen, diente Jahrzehnte lang dem Zweck, die subjektive Handschrift des Malers buchstäblich zu verwischen. Bei den Arbeiten von 2016 war Richter allerdings hin und wieder doch nochmal mit dem Pinsel über die Farbflächen gezogen. Die so entstandenen Striche wirkten wie eine Signatur.

„Wahnsinnig facettenreich und unglaublich vielschichtig“ nannte Kuratorin Rita Kersting die Arbeiten. Und man konnte ihr nur zustimmen: selbst, wenn man das zweifellos auch Dekorative des Spätwerks nicht mag. Die „Neuen Bilder“ zeigten Richter einmal mehr auf dem Höhepunkt seines abstrakten Schaffens.

Streben nach innen

Eine zusätzliche Facette bekamen die in der „Museumsstraße“ im ersten Stock gezeigten Arbeiten noch dadurch, dass sie zu den strengen Werken von Zeitgenossen in Dialog treten konnten. Zu den Datumsbildern On Kawaras etwa, die mit ihrer meditativen Wirkung einen schönen Kontrapunkt bildeten.

Wie stark sich Richters Abstraktion in 35 Jahren entwickelt hatte, zeigte unter anderem die direkte Konfrontation mit „Krieg“ von 1981: Wo dort alles explosiv den Rahmen sprengt, strebten die neuen Bilder klar nach innen. Bezeichnenderweise haben sie keinen Titel: Der Betrachter soll in keine Richtung gelenkt werden, das Gemälde sollen für sich sprechen.

„Krieg“ gehörte zum zweiten Teil der Kölner Schau, in dem Richter am Museumsmodell im Maßstab 1:50 die Bestände des Museums Ludwig neu arrangiert hatte. Darunter waren Klassiker wie „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966: eine Hommage an Marcel Duchamp, und das erste Bild, das Richter nach einem eigenen Farbfoto gemalt hat.

„Ema“ stammt noch aus der Sammlung des Museumsstifters Peter Ludwig, der das Bild bereits ein Jahr nach seiner Entstehung als Pendant zu seinen amerikanischen Pop-Art-Bildern erstand. Ebenso wie die „5 Türen“ (1967), von denen in Köln erstmals auch Vorzeichnungen zu sehen waren.

So dokumentierte „Neue Bilder“ auch die tiefe Verbundenheit von Künstler und Museum. Wer damit wem zu Richters 85. das größere Geschenk gemacht hatte, ließ sich eigentlich nicht so richtig sagen. Die Schau jedenfalls war toll. (12.02.2022)

Anmerkung: Text und Bilder erschienen in abgewandelter Form zuerst im Februar 2017 auf den Internetseiten des WDR

Gerhard Richter in der KunstArztPraxis:
Gegen.Bilder.Terror, 1989: Richters „18. Oktober 1977“
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Das Gerhard-Richter-Geburtstags-Quiz
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Homepage des Museums Ludwig

Gerhard Richter Retro: „Neue Bilder“ in Köln (2017)

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