Eberhard Havekost: Porträt des Malers als sein Sofa
Einmal hätten wir fast ein Werk von Eberhard Havekost angekauft. Im Museum Kurhaus Kleve haben wir es nun endlich im Original gesehen: unbegreifbar wie alle 200 dort versammelten Gemälde und Grafiken der Retrospektive, die die Filter unserer Wahrnehmungs-Speicher im digitalen Raum erproben. Toll.
Wir waren nie im Berliner Atelier von Eberhard Havekost. Wir haben ihn weder je gesprochen noch gesehen, wir glauben, wir kennen nichtmals ein Porträt-Foto von ihm. Für uns ist Eberhard Havekost immer ein Phantom geblieben. Null Materie. Eins Schatten.
Genauso wenig greifbar wie die Techno-Beats jener Clubs, in denen er als DJ zur Jahrtausendwende aufgelegt haben soll. Genauso wenig greifbar wie seine Bilder.
Wohl weil leichter fassbar
Dabei hätte es Gelegenheit genug gegeben. Wir haben in den Nullerjahren nämlich mehrmals kurz davor, eins seiner Werke für die Hammer Sammlung Blöhme anzukaufen. Eine Serie. Oder doch zumindest eine Grafik.
Dafür waren wir aber nur mit Eberhard Havekosts Galeristen in Dresden und München im Gespräch. Nichtmals mit denen in New York.
Aber dann entschied sich Herr Blöhme, lieber die „Neue Leipziger Schule“ zu sammeln als „Dresden Pop“. Lieber Tim Eitel & Jochen Plogsties als Eberhard Havekost & Thomas Scheibitz.
Wohl weil, auch stilistisch, leichter fassbar.

Bild oben: Wahrscheinlich unhaltbar, aber für uns trotzdem ein Selbst-Porträt von
Eberhard Havekost: „Raum 6, B 06“ (2006), Museum Kurhaus Kleve, 2026


Eine der uns damals von den Dresdner Galeristen Eberhard Havekosts angebotenen Gemälde-Serien haben wir jetzt in der Ausstellung „Benutzeroberflächen. Arbeiten 1994-2009“ im Kunstmuseum Kurhaus Kleve im Original gesehen.
Zumindest vermuten wir das. Es gibt wohl zwei Varianten.*
*die andere hängt dauerhaft
im Musée de Grenoble
Oberfläche: meisterlich!
Das Angebot von damals ist ein Vierteiler und hat ein sündhaft teures La-Sede-Design-Ledersofa in den für Havekost typischen, ungewöhnlichen An- und Ausschnitten als Motiv.
Foto oben: Eberhard Havekost, „Shimmery Mauve, B 07“
(2007, Detail), Museum Kurhaus Kleve, 2026
Wir erinnern uns noch, wie fasziniert wir damals von der malerischen Gestaltung der ledrigen, fast durchschimmernden Oberfläche waren. Sofern sich dies auf dem Galleristen-pdf – dem digitalen Bild des analogen Bildes eines Sofas – überhaupt sagen ließ.
Vor Ort in Kleve fühlten wir uns dann aber in unserer Faszination von damals voll bestätigt. Die Ausgestaltung der ledrigen, fast durchschimmernden Oberfläche IST meisterlich. An den Kunstakademien der DDR hat man ja noch handwerklich zu malen gelernt.

Künstler. Nicht Krösus
Inzwischen wissen wir, dass wir dieses Sofa in den Nullerjahren wohl im Atelier von Eberhard Havekost gesehen hätten: Hier soll das Vorbild für die Gemälde gestanden haben.
Havekost hat es natürlich secondhand erworben. Er war ja Künstler. Nicht Krösus.
Wie wir dem Katalog zur Ausstellung entnehmen, gehörte von allen Dingen im Atelier das Sofa zu den fünf liebsten.
Neben Terpentin-Dosen, Bananenkisten, Adidas-Kartons, einem Plastik-Weihnachtsbaum und einem Selbstporträt der Tochter als kleine Hexe.

Bild oben: Könnte das Bild des Plastik-Weihnachtsbaums im Atelier sein:
Eberhard Havekost, „Glück, B08“ (2008), Museum Kurhaus Kleve, 2026


Startplatz für Weltraum-Abenteuer
Das Sofa sei der fremdeste Gegenstand in seinem Atelier, hat Eberhard Havekost der Kunsthistorikerin Susanne Altmann laut Katalog verraten – sie war im Gegensatz zu uns 2009 direkt vor Ort.
Es funktioniere „als Starthilfe, um gedanklich ins Weltall aufzubrechen, und als guter Schlafplatz.“
Zudem wirke es „als bürgerliches Accessoire wie ein Hinweis darauf, dass ich möglicherweise auch ein bequemes Leben führen könnte.“
So klug durchdacht hat Eberhard Havekost, nach allem, was man hört & liest, gesprochen.
Bild oben: Vielleicht Ergebnis eines Weltraum-Abenteuers vom Atelier-Sofa aus,
auf jeden Fall ungreifbar: Eberhard Havekost, „Mondsteine“ (2012, Detail),
Museum Kurhaus Kleve, 2026. Fulminant gemalt, wie die Palme daneben.
Und eben unser Sofa.

„Eines Tages wurde das Sofa zum Objekt der Faszination. Es war, als würde ich einen Elefanten im Dschungel beobachten. Ich freundete mich damit an. Ich wusste, dass ich es malen musste.“
Eberhard Havekost
Das Sofa ist eine von den im Klever Ausstellungstitel erwähnten „Benutzeroberflächen“, aber im übertragenen Sinne, also buchstäblich; sprich: analog, für ECHTE Körper.
Das unterscheidet es von vielen der anderen Oberflächen, die Eberhard Haverkost auf seine coole, entlarvende Art so irritierend wie stilistisch vielfältig „abgebildet“ hat. Farbfeld & Flagge inklusive. Und gestisch gibt es auch.
Man könnte jetzt sagen: Das abgebildete Sofa existierte WIRKLICH, es stand ja in Eberhard Havekosts Atelier, und dies hier ist das Bild davon. Aber das zu sagen ist bei Eberhard Havenkost zu wenig. Ein Sofa ist ein Sofa. Aber für Eberhard Havekost wird es erst bei ein Sofa ist ein Sofa ist ein Sofa interessant.

Platons Feuer heißt jetzt Photoshop
Wir sehen nämlich gar kein Bild vom Sofa, zumindest vermutlich nicht. Wir sehen das Bild vom Bild eines Sofas, und zwar vermutlich das analoge Bild eines digitalen Bildes eines analogen Sofas.
Bevor er mit dem Malen anfing, hat Eberhard Havekost offenbar Fotos vom Designer-Stück gemacht, in den für Havekost typischen, ungewöhnlichen An- und Ausschnitten. So sieht kein Mensch. So sieht ein Apparat.
Und dann ist er unterm Wummern der Beats aus dem Atelier virtuell hinab in seine digitale Dunkelkammer gestiegen, um die Oberflächen so lange zu manipulieren, bis das Materielle daraus entwichen war.

Foto oben: Eberhard Havekost, „Shimmery Mauve, B 07“
(2007, Detail), Museum Kurhaus Kleve, 2026
Platons Feuer heißt ja heutzutage Photoshop. Und seine flackernden Schatten sind bunt.

„Eigentlich geht es mir eher darum, darüber nachzudenken, wie etwas abgespeichert wird.“
Eberhard Havekost

So ist das nämlich: Eberhard Havekosts Sofa hängt in Platons Höhle an der Wand, es gehört zum Inventar. Und zeigt uns auf diese Weise, dass wir wohl noch sehr viel tiefer in der gut möblierten Höhle stecken als erhofft.
Dass wir nichtmals die Schatten der Dinge sehen, sondern höchstens die Schatten der Schatten, das Bild des Bildes des Sofas: Die Vorlagen der Bilder Eberhard Havekosts kommen vorrangig aus Filmen, von Videos, aus Magazinen und dem Internet.
Und manchmal sehen wir sogar lediglich den Filter, die nackte Höhlenwand: den leeren Screen, das auf Leinwand gespeicherte Medium. Blinde Anschauung. Null Begriff.
Bild oben: Medium & Speicher. Eberhard Havekost, „Kosmos, B 11 (3/7)“
(2011, Detail), Museum Kurhaus Kleve, 2026
Ach, was sagen wir: Wir sehen nichtmals den leeren Screen, sondern oft nur eine Idee, einen Teil davon. In An- und Ausschnitten eben! Vielfach beschränkte Erkenntnis: Ja, das ist auch ontologisch toll gemacht.
Und hätte vielleicht sogar dem ollen Platon, der die Künstlerei bekanntlich nicht besonders schätzte, gefallen.

„Ich entmaterialisiere diese alltäglichen Bilder durch meine Augen und erschaffe etwas Neues.“
Eberhard Havekost
Hat es das Sofa je gegeben?
Seit Kleve fragen wir uns trotzdem: Hat es das Sofa, dessen mehrfach bespiegeltes Abbild aus Farbe auf Leinwand wir angeblich sehen, wirklich gegeben?
Diese brillant gemalten Palmen? Die ganzen Vorstadthäuser, die Sniper, die Drohnen, die Schrottplatz-Autos, die Frauen hinter den Gesichtern?
Auf allen diesen Bildern (von den Bildern (von den Bildern (von den Bildern)))?
Eberhard Havekost, das Phantom, der Schatten, dieser Apparat: Der rezeptorische Auflösungs-Filter auch seiner selbst kann uns ja viel erzählen.

Bild oben: Wahrscheinlich unhaltbar, aber für uns trotzdem ein Selbst-Porträt
von Eberhard Havekost: „Raum 8, B 06“ (2006), Museum Kurhaus Kleve, 2026

Egal. Heute leben wir ohnehin an einer Schwelle zur kompletten Sofalosigkeit. Wir werden das reale Sofa bald nämlich nicht mehr nötig haben: mit einem VR-Chip im Hirn, der uns jederzeit vorgaukeln kann, dass wir uns auf ein Sofa setzen. Vorausgesetzt, wir setzen uns dann überhaupt noch – wo ewiges Liegen doch bequemer ist. Das ist ja in der Sofa-Matrix noch nicht klar.
Wir werden uns auf IRGENDETWAS setzen, was in unserer Wahrnehmung wie ein Sofa aussehen KANN, und jedes Mal wird dieses Setzen anders sein. Anders aussehen. Sich auch anders anfühlen.
In Platons virtueller Höhle haben wir die freie Wahl.

Wenn wie in dieser Höhle wohnen
Nur eins steht fest: Wenn WIR dereinst in dieser virtuellen Höhle wohnen, dann werden wir uns endlich doch noch auf Eberhard Havekosts Sofa setzen. Es wird ein sündhaft teures La-Sede-Design-Ledersofa sein, das uns die KI akkurat aus den Gemälde-Serien des Künstlers zusammengeneriert hat. Natürlich secondhand. Versteht sich.
Dieses abgeranzte Sofa wird in Eberhard Havekosts einstigem Berliner Atelier stehen. Und Eberhard Havekost wird sich leibhaftig zu uns setzen und mit uns reden: auf seine klug durchdachte Art.
Und wenn sich im Gespräch dann zeigt, dass es das Sofa, das Atelier & Eberhard Havekost, dass es Techno & Berlin & die Nullerjahre tatsächlich gegeben hat, dass Irgendetwas greifbar wird von alledem, vom Ding, vom Ort, vom Tag, vom Menschen: Dann kaufen wir der Hammer Sammlung Bloehme unterm Wummern der Beats stante pede doch noch ein Bild. (05.07.2026)
„Eberhard Havekost. Benutzeroberflächen. Arbeiten 1994-2019“ ist noch bis zum 18. Oktober 2026 im Museum Kurhaus Kleve zu sehen. Ein Katalog soll erscheinen.
Appendix: Tim Eitel in der Hammer Sammlung Bloehme
Im Dezember 2025 haben wir hier in der KunstArztPraxis einen Adventskalender mit Werken aus der Hammer Sammlung Bloehme zum Thema „Werden und Vergehen“ gemacht – Anlass war eine entsprechende, von uns kuratierte Ausstellung in Herrn Bloehmes Bibliothek. Türchen #7 war Jochen Plogsties, der ja eher ein Kind der „Neuen Leipziger Schule“ ist, gewidmet, Türchen #8 Tim Eitel.
Dieses achte Türchen öffnen wir jetzt aus gegebenem Anlass noch einmal. Voilà:

Wir bleiben kurz beim publikumswirksamen Revers-Etikett der „Neuen Leipziger Schule“, namentlich bei Tim Eitel, der auf jeden Fall berühmter als Jochen Plogsties aus Advents-Kalender-Türchen #7 ist. Die „Zeitungen“ hat unser Gastro-Sammler sogar schon einmal an eine Eitel-Retrospektive nach Südkorea ausgeliehen: Soviel zum Ruhm, der Kontinente überspannen kann. Wie das Gerücht.
Die „Zeitungen“ seien in Los Angeles entstanden, sagte uns, glaube ich, Eitels eigenartige Galeristin, aber wir wissen es nicht mehr. Fest steht, dass die Farbe damals im Sonnenstaat aus der Palette des Malers entwichen ist wie der Teufel aus den Besessenen.

Trotzdem stellen wir uns vor, dass Eitel das Gemälde im Glücksspiel-Sumpf Las Vegas gemalt hat, wo die Obdachlosen bekanntlich in endlos dunklen Tunneln unter der Erde hausen müssen.
Für uns zeigt das Bild nämlich nur vordergründig Gazetten, die der Wind an die Gitter der New Yorker U-Bahn geweht hat wie im Gangsterfilm.
Für uns zeigt es vor allem die Wohnstatt von Einem, der keine Wohnstatt mehr hat. Der auf der farblosen Schattenseite dieser Glitzer-Glitter-Welt am Boden liegt. Den die Menschheit vergessen hat wie die Neuigkeit von neulich.
Und der vor 15 Minuten vielleicht noch selbst in der Zeitung stand.

Leider nicht in der Hammer Sammlung Bloehme, aber:
Eitels „Untitled (Coat)“ (2010) soll unterstreichen,
warum wir bei „Zeitungen“ denken, wie wir denken.
Hier: Schnee von Gestern
Noch ist es mit dem Ruhm des Künstlers Eitel Sonnenschein. Aber der Künstler denkt weiter.
Denn wenn man seine „Zeitungen“ schräg gegens Licht hält, dann kann man erkennen, dass eines der „Zeitungs-Fotos“ ein verschwommenes Abbild von Tim Eitels fünf Jahre früher entstanden Gemälde „Krümmung“ (2002) ist: eines von jenen wundervollen Großformaten, auf der die Welt noch bunt & in Ordnung scheint.
Hier, auf „Zeitungen“: Schnee von gestern.

Für uns ist „Zeitungen“ ein Emblem für die Vergänglichkeit von Allem, ein Vanitas-Stillleben, ein Memento Mori. Und wir sind sehr froh, es für die Hammer Sammlung Bloehme erworben zu haben. (08.12.2025)
Das Bilder der Bilder (der Bilder) in der KunstArztPraxis:
Gegen.Bilder.Terror, 1989: Richters „18. Oktober 1977“
Auf der Grenze: Die Malerei der Vivian Greven
Vivian Greven: Die Kunst der Stunde
An der Schnittstelle: Louisa Clement in Bonn


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