Vor 15 Jahren haben wir das Angebot, Benjamin Katz bei seiner Autobiografie zu unterstützen, ausgeschlagen. Blöd. Jetzt machen wir den Fehler zumindest etwas wieder gut und bringen mögliche Passagen. Hier zur Zeit mit Sigmar Polke – rechtzeitig zum 12. Todestag des Künstlers am 10. Juni 2022.

Mit Sigmar Polke war ich gelegentlich befreundet. So muss man das wohl formulieren. Wenn wir uns zum Fotografieren trafen, dann waren wir Freunde, getragen von gegenseitigem Respekt und großer Sympathie. Ich habe seine Bilder bewundert und er hat meine Fotos gemocht.

Es hing natürlich immer etwas davon ab, in welchem Zustand Polke war. Wenn man ihn an einem schlechten Tag erwischte, konnte er auch unangenehm sein. Das habe ich aber selten erlebt. Vor allem habe ich mit Polke immer viel Spaß gehabt, es war immer sehr vergnüglich. Ich schätzte seinen Humor – am Menschen und an seinen Gemälden.

Polke war es auch, der mir den wegweisenden Rat gab, mit einer Leica zu fotografieren. Und das erste Bild, dass ich mit dieser Leica gemacht habe, habe ich von Polke gemacht.

Katz‘ erste Leica-Aufnahme von Sigmar Polke, verfremdend gesehen durch Katz‘ Foto-Lupe (Detail)

Gehört hatte ich schon früh von Polke. Kennengelernt habe ich seine Bilder dann Mitte der 1960er Jahre: im „Modus“, einem Geschäft für Designermöbel in der Nähe des Ku’damms, mit dessen Besitzer ich befreundet war. Der stellte Gemälde von Galeristen aus, da konnte auch ich gastieren. Im „Modus“ habe ich die ersten Bilder von Polke gesehen und mir erstmals Gedanken über die Qualität seiner Arbeit gemacht.

Viele Polkes für leere Wände

Das war sehr beeindruckend. Aber intensiveren Kontakt hatten wir erst 1972 nach meinem Umzug nach Köln. Damals bin ich in die Wohnung des Fotografen Chargesheimer in die Jülicher Straße gezogen, der sich gerade das Leben genommen hatte. Plötzlich hatte ich viele nackte Wände.

Da war Polke der erste, der mir spontan in den Sinn kam. Also bin ich am Abend zu seiner Wohnung am Ring gegangen. Polke war nicht da, aber seine Freundin hat mir einiges gezeigt, und ich habe mir drei, vier Bilder für wenig Geld mit nach Hause genommen.

„Unsichtbar“ ist wunderbar.

Darunter waren auch Rasterbilder, die ich später wieder verkaufen musste  – ich lebte damals wie viele von der Hand in den Mund. Aber ein Stoffbild habe ich immer noch – es ist von Polkes Sohn Georg signiert und ich habe eine besondere Liebe dazu entwickelt: „Unsichtbar“.

„Unsichtbar“ in Benjamin Katz‘ Wohnung – sichtbar gemacht durch die KunstArztPraxis?

„Unsichtbar“ hat Georg Polke nach eigener Aussage im Alter von acht Jahren gemalt und dann als Elfjähriger signiert. Aber das Bild hat eine Reife, die eindeutig die Handschrift Sigmars verrät.

Für mich hat sich Sigmar Polke auf dem Bild buchstäblich unsichtbar gemacht, indem er seinen Sohn gebeten hat zu malen. Darauf spielen der Titel und der Schriftzug auf dem Bild an: Wieder so ein witziger, kluger Einfall des Künstlers. Das ist meine persönliche Theorie.

„Unsichtbar“ ist wunderbar. Jeder, der es bisher sehen durfte, war begeistert. Auch ich erfreue mich täglich daran. Als Jan Hoet Gründungsdirektor des Marta Herford wurde, hat er mich 2005 gebeten, ihm das Stoffbild für die Eröffungsausstellung „(my private) Heroes“ auszuleihen. Da hing es dann neben einem von Sigmar signierten Bild: Vater und Sohn künstlerisch vereint.

Was ist Georg, was ist Sigmar?

Großes Omelette für alle

Nach meinem Bilderkauf habe ich Polke immer wieder getroffen, auf dem Gaspelshof in Willich, wo er bis 1978 lebte, aber vor allem auch in Köln. Das geschah oft ganz zufällig – und nachts: im „Roxy“ zum Beispiel, oder im „EWG“, wo er viel mit Freunden rumhing und ich ihn als Billard-Spieler porträtierte. Die Herrschaften waren ja immer bis in die Puppen unterwegs.

Hin und wieder besuchte mich Polke auch in die Jülicher Straße. Einmal überraschte er mich mit einem Geschenk: einem mir gewidmeten Skizzenheft mit circa 30 Zeichnungen, das ich später leider ebenfalls wieder verkaufen musste. Das war ein Moment großer Wärme.

Ein andermal klingelte er mich, wohl auch etwas berauscht, mitten in der Nacht mit drei, vier Freunden aus dem Bett und wollte Frühstück. Ich habe dann gesagt: Ja, gut, Frühstück, kann ich machen, aber vorher spülen. Dann hat die ganze Clique erstmal brav gespült, und danach gab’s ein großes Omelette für alle. Das war eine sehr schöne, vergnügliche Nacht.

Ein Pas de deux des Porträtierens

Das waren einige der vielen Begegnungen aus den frühen 1970er Jahren, in denen es in Künstlerkreisen noch viel lockerer zuging als heute. Zwischen 1976 und 1978 haben wir uns besonders oft getroffen, und uns dabei auch immer gegenseitig fotografiert oder gefilmt. Polke hatte ja ebenfalls ständig seine Kamera dabei. Für ihn war die Kamera auch ein Schutzgerät, hinter dem er sich bei Vernissagen oder Abendessen gern versteckt hat.

Polke fotografiert Katz fotografiert Polke, fotografiert von der KunstArztPraxis

Wie das war, Polke zu fotografieren? Das war ganz einfach. Ein bisschen wie ein Pas de deux: Wir waren zwei perfekt aufeinander abgestimmte Tänzer. Polke war ja selbst ein großer Fotograf. Die Aufnahmen, die er in Pakistan gemacht hat, sind ganz phantastisch.

Zudem schätzte er die Fotografie, auch als Kunstform. Das hat unserer Zusammenarbeit gut getan. Und dass ich zumeist sehr entspannt fotografiere, hat ihm sicher auch gefallen.

Sigmar Polke macht nicht auf

Als ich 1984 von Kaspar König den Auftrag bekam, im Rahmen der Ausstellung „Von hier aus. Zwei Monate neue deutsche Kunst in Düsseldorf“ beteiligte Künstler zu porträtieren, gehörte auch Sigmar Polke dazu.

Damals war es extrem mühselig, einen Termin mit ihm zu bekommen. Ich bin rund ein Dutzend Mal zu seiner Wohnung in der Kölner Altstadt am Rhein gelaufen. Ich wusste genau, dass er da war, aber er hat einfach nicht aufgemacht. Er hat die Leute ja oft vor der Türe stehen lassen. Das hat er irgendwie genossen – auch für andere unsichtbar zu sein.

Irgendwann bin ich aus lauter Frust mit der Fähre ein paar Mal von Rheinufer zu Rheinufer gefahren, um es danach nochmal zu versuchen. Und als ich zurückkomme, wer steht da auf dem Ponton am Kai und sieht mich grinsend an? Der Herr Polke! Er wollte gerade selbst die Fähre nehmen und die Galeristin Ingrid von Oppenheim besuchen, die auf der anderen Rheinseite eine Wohnung hatte.

Er war sehr überrascht, mich zu sehen, und hat die Situation lachend überspielt.

Polke lacht

Alles spontane Ideen

Ich bin einfach auf der Fähre geblieben und wir sind gemeinsam rübergefahren und haben die bekannte Fotosequenz gemacht, in der Polke „auf Motivsuche“ in den Mülleimer schaut oder seinen Kopf an einen Telegrafenmasten schmiegt. Ich denke, Polke wollte sich damit auch bedanken für meine Hartnäckigkeit. Das hat ihn schon beeindruckt. Und so haben wir an diesem Tag viel Spaß gehabt.

1986 hatte ich selbst eine große Ausstellung im Belgischen Haus in Köln, die zuvor schon in Hannover und Hamburg zu sehen gewesen war. Wir haben uns am Neumarkt getroffen und sind gemeinsam hingegangen. Ich habe Polke fotografiert, wie er sich in aller Ruhe meine Fotos angeschaut hat. Und wie er plötzlich im Stechschritt durch die Räume gegangen ist.

Das waren alles seine Einfälle, seine spontanen Ideen, die er mir geschenkt hat. Ich habe ja nie etwas inszeniert. Wenn ich Künstler fotografiert habe, dann wusste ich, dass sie eine Wunschvorstellung von dem im Hinterkopf hatten, wie sie sich positionieren wollen. Die Jungs – und Damen! – hatten immer genug Ideen. Und genügend Phantasie. Darauf konnte ich mich auch bei Polke verlassen.

Katz & Polke bzw. Polke & Katz, fotografiert 1979 vom Galeristen Paul Maenz im Kölner „EWG“

Verlassen konnte ich mich auch darauf, dass Polke wusste, was für ein großer Künstler er war. Künstler wissen sowas, sie spüren das, das habe ich bei einigen erlebt. Bei Polke war das ebenso.

Nicht von ungefähr hießt seine Ausstellung 1984 in der Kölner Josef Haubrich Kunsthalle „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eines Tages gute Bilder gemalt werden, wir müssen die Sache selber in die Hand nehmen!“. Das war bei aller Ironie auch ernst gemeint.

Die eigene Ausstellung besuchen

Seine eigenen guten Bilder jedenfalls hat sich Polke selbst gerne angeschaut. In die Ausstellung in der Kunsthalle ist er fast täglich gegangen. Da waren ja viele Leihgaben von Sammlern darunter, und Polke freute sich verständlicherweise, diese Bilder wiederzusehen.

Auch da habe ich ihn fotografiert. Ebenso in der Kneipe „Bei d’r Tant“ gegenüber, mit seinem Sohn Georg bei der Vernissage-Feier im ersten Stock. Da ist ein sehr schönes melancholisches Porträt der beiden im Profil entstanden.

Georg und Sigmar bei d’r Tant, Köln 1984

Ich kann mich noch gut erinnern, dass Polke nach einem Gespräch mit einem Sammlerehepaar aus Stuttgart in der Kunsthalle sehr verärgert war – zumindest nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen. Er konnte da sehr empfindlich sein, und er hätte sicher nicht diese großartigen Gemälde geliefert, wenn er nicht so sensibel gewesen wäre.

Vom Künstler weggeschubst

Das Ego ist bei Künstlern ja grundsätzlich besonders ausgeprägt, und wenn man sie nicht ständig küsst, sind sie gekränkt. Auch bei mir war Polke sofort beleidigt, wenn ich nicht direkt auf etwas von ihm angesprungen bin. Wenn er einen Kakao mit mir trinken wollte und ich hatte einen Termin und keine Zeit dazu, dann war er sauer, dass ich die Einladung des großen Sigmar Polke zum Kakao einfach so ausschlage.

Manchmal fühlte er sich auch belästigt von meiner Kamera. Tatsächlich konnte ich ziemlich rücksichtslos sein. Wenn ich fotografiere, vergesse ich meine Umwelt und stecke ganz drin im Apparat. Da ist der Weg zum Paparazzi-Idioten nicht weit.

Einmal habe ich Polke mit seiner Mutter auf dem falschen Fuß erwischt, da hat er mich weggeschupst. Aber das waren absolute Ausnahmen, das ist höchsten zwei, drei Mal passiert. Im Grunde hat er es genossen, von mir fotografiert zu werden.

Die ausgeschlagene Einladung

Eine Sache hat mir in diesem Zusammenhang sehr lange leidgetan: Mitte der 1980er Jahre traf ich Polke am Neumarkt und er lud mich ein, ihn so um drei, vier Uhr morgens in seinem Atelier zu besuchen: Er wolle mir ein paar Bilder von sich zeigen. Ich habe dann mit der Begründung, dass ich um diese Zeit schon müde sei und schlafen müsse, abgelehnt.

Selfie vor einer verschlafenen Gelegenheit: Katz trifft Polke zufällig auf dem Neumarkt

Aus heutiger Sicht war das ein großer Fehler, denn Polke experimentierte gerade am „Athanor“-Zyklus mit seinen feuchtigkeitssensiblen Farben für die Biennale in Venedig, für den er 1986 den Goldenen Löwen bekommen hat. Das ist eine extrem faszinierende Arbeit, die ich dann erst später im Museum Abteiberg in Mönchengladbach gesehen habe. Diese Bilder haben für mich eine unglaubliche Strahlkraft – genauso wie Polkes unglaubliche Kirchenfenster in der Schweiz.

Immer, wenn ich im Museum Abteiberg war, dass ja damals für die internationale Kunstwelt eine viel größere Bedeutung hatte als heute, ist mir die ausgeschlagene Einladung wieder schmerzlich ins Gedächtnis gekommen.

Nie im Atelier

Überhaupt habe ich Polke nie im Atelier fotografiert. Ich war mal dabei, wie er in Krefeld an Rasterbildern gearbeitet hat, aber das war noch während meiner Galeristen- und vor meiner Fotografenzeit. Festgehalten habe ich das nie.

Das waren so unglückliche Momente in unserem Verhältnis, die ich lange Zeit bereut habe. (06.06.2022)

Anmerkung: Natürlich wäre es schön & angemessen gewesen, die nie geschriebene Autobiografie von Benjamin Katz mit seinen großartigen Fotos zu bebildern. Aber das verhindert mal wieder die Unsichtbarkeits-Maschine. Deshalb zeigen wir nur unsere Schnappschüsse. Geht ja auch.

Aus unserer lyrischen Hausapotheke: Wenn Polke lacht. Eine lyrische Hommage

Benjamin Katz in der KunstArztPraxis:
Katz & Penck: „Mit Ralf war es ein Wechselspiel“
Katz & Richter: „Die Chemie mit Gerhard stimmte eben“
Katz & Baselitz: „Mit Pinsel ist Georg nicht mehr da“
Katz im Marta: „Sie werden überrascht sein!“

Katz & Polke: „Mit Sigmar habe ich viel Spaß gehabt“

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