Vor langer Zeit haben wir das Angebot, Benjamin Katz bei seiner Autobiografie zu unterstützen, ausgeschlagen. Blöd. Jetzt machen wir den Fehler etwas gut und bringen nie gedruckte Passagen. Hier zur Zeit mit Gerhard Richter – rechtzeitig zum 90. Geburtstag des großen Malers am 9. Februar 2022.

„In meinem relativ langen Leben gibt es viele Anekdoten, die sich in meiner Erinnerung zu einem großen Ganzen zusammenhäufen, und viele haben mit Gerhard Richter zu tun. Da gibt es zahllose Begegnungen, die sehr fruchtbar für mich waren. Und die meisten davon habe ich in meinen Porträts festgehalten. Ich hatte die Kamera ja immer dabei.

Das Porträt eines Menschen zu machen ist eine hochdiffizile Angelegenheit. Entweder funktioniert es, oder eben nicht. Bei Richter hat es sofort funktioniert. Wir haben uns auf Anhieb ausgezeichnet verstanden. Da gab es keine großen Diskussionen: Ich konnte sofort mit dem Fotografieren beginnen – ganz egal, ob beim Malen oder beim Boule-Spiel. Die Chemie stimmte einfach ausgesprochen gut zwischen uns.

Gerhard Richter fotografiert seinen alten Freund Benjamin Katz im Museum Ludwig, Köln 2016

Meine Porträts von Gerhard Richter sind also auch Zeugnisse einer schönen Freundschaft. Selbst wenn wir uns längere Zeit einmal nicht gesehen haben, haben wir uns nicht entfremdet, sondern waren sofort wieder vertraut miteinander.

Ein Sammler auf Zeit

Zum ersten Mal begegnet bin ich Richter 1964 bei der Eröffnung der Documenta 3 in Kassel. Zu der Veranstaltung war er mit Konrad Lueg gekommen, mit dem er – zusammen auch noch mit Sigmar Polke und Manfred Kuttner – gerade in einer ehemaligen Metzgerei in Düsseldorf die erste Ausstellung deutscher Pop Art organisiert hatte. Von der Documenta-Begegnung existiert noch ein Gruppenfoto: Das erste Bild, auf dem wir gemeinsam zu sehen sind.

Ich erinnere mich, dass wir uns sofort sympathisch waren. Wir haben auch Adressen ausgetauscht, aber daraus hat sich zunächst nichts entwickelt: Ich war ja noch kein Fotograf, sondern Galerist, und Gerhard Richter war bei René Block.

Ich habe Richter nie ausgestellt, aber wenn er nicht bei Block gewesen wäre, hätte ich es vermutlich getan. Ich hatte immer eine gute Nase für gute Künstlerinnen und Künstler. Ich wusste bei Besuchen nach ein paar Minuten, ob ich sie ausstellen sollte oder nicht. Was bei mir bedeutet: Ob ich ihre Bilder gerne für eine Weile um mich gehabt hätte in meinen Räumen. Als Galerist war ich eher ein Sammler auf Zeit.

Richters Gemälde um mich zu haben jedenfalls hätte mir viel Freude gemacht.

Erstes Kennenlernen: Katz & Richter auf der Documenta 3 in Kassel

Konversation durch die Kamera

Einmal hat mich Richter zu sich nach Düsseldorf eingeladen und ich habe im Beisein seiner damaligen Frau Isa Genzken jene amüsante Fotoserie gemacht, bei der er mit dem Fahrrad durch sein Atelier fährt. 1983 ist Richter nach Köln umgezogen. Da war ich dann oft bei ihm in der Bismarckstraße. Anders als Sigmar Polke habe ich Richter ja auch intensiv im Atelier bei der Arbeit fotografiert. Die Bilder sind oft publiziert worden, in zahlreichen Katalogen vertreten und zum Teil ja auch berühmt.

Das lief immer nach einem ähnlichen Schema ab: Erst haben wir zum Aufwärmen Fotos gemacht bei einem gemeinsamen Kaffee oder Tee, dann beim Gang durchs Atelier, beim Witzemachen, im Gespräch über die neuesten Bilder. Und so wurde es immer mehr eine Konversation durch die Kamera. Bei den besten Fotos ist die Energie dieser Momente gespeichert, und der sensible Betrachter kann sie erkennen.

„Wenn Richter malte, war ich für ihn nicht da“

Richter zu fotografieren war einfach. Wie bei Polke, aber auf eine andere Weise. Polke hat sich selbst für das Objektiv in Szene gesetzt, Richter war konzentriert auf das, was sein Job war im Atelier. Wenn Richter malte, war ich für ihn nicht da. Sobald er den Pinsel oder den Rakel in die Hand nahm, hatte er mich im Großen und Ganzen vergessen. Etwas ähnliches habe ich zum Beispiel auch bei Georg Baselitz erlebt.

Poster mit Richter-Porträt in Katz‘ Wohnung, Köln 2022

Was nicht heißt, dass nicht auch Richter spontan Faxen vor der Kamera machen konnte! Auch das ist bekanntlich dokumentiert. Es war ja generell meine Absicht, den eher steifen und in meinen Augen oft langweiligen Künstlerporträts der Zeit etwas Ironie und Witz entgegenzusetzen. Das entspricht meiner Mentalität, und so habe ich es auch bei Richter gehandhabt.

Auf diese Weise sind in Richters Atelier unzählige Fotos entstanden, von denen die meisten noch gar nicht veröffentlicht sind. Vielleicht wird das ja eines Tages noch geschehen.

Gerhard Richter weitermalen

Offenbar hat Richter meine Fotos sehr geschätzt. Einmal hat er sogar einen Abzug von mir genommen, meinen Namen durchgestrichen und auf die Rückseite geschrieben, dass dieses Foto nicht von Benjamin Katz gemacht worden sei: Es sei in Wirklichkeit „mit Selbstauslöser gemacht“. Das war natürlich nur ein Jux, aber es zeigt, wie Richter zu meinen Fotos stand.

Gerhard Richter schmückt sich mit fremden Federn

Hin und wieder hat Richter den Spieß auch umgedreht und Fotos von mir gemacht. Einmal hat er mich gebeten, eines seiner Gemälde weiter zu malen. Da habe ich Farbe genommen und mich mit einem Pinsel an die Leinwand gestellt. Natürlich nur einen kurzen Augenblick. Und diesen „entscheidenden Augenblick“ hat Richter im Foto festgehalten.

Spaß und Lockerheit

Überhaupt war mir Spaß und Lockerheit auch in der Beziehung zu Richter sehr wichtig. Einmal habe ich ihn in der Kölner Galerie von Rudolph Zwirner getroffen und ihn gebeten, mir eine Widmung in das Buch mit seinen „48 Portraits“ für die Biennale in Venedig 1972 zu schreiben. Da hat er gesagt: Na gut, Benjamin. Aber was soll ich schreiben? Diktier mal!

Da habe ich ihm Folgendes diktiert: Hiermit vermache ich mein Gesamtwerk dem Herrn Benjamin Matthias Katz. Das hat er dann auch geschrieben. Er hat zwar ein bisschen gezuckt, aber er hat es geschrieben. Den Katalog besitze ich noch.

Am 19. Dezember 1972 vermacht Gerhard Richter Benjamin Katz sein Gesamtwerk

Zwei alte Herren

Inzwischen treffen wir uns natürlich nicht mehr so häufig wie früher. Richter ist jetzt 90 und hat sich etwas zurückgezogen in sein Schneckenhaus. Man schont sich ja ein bisschen, und auch ich habe nicht mehr diese physische Intensität, um Porträts zu machen. Heute fokussiere ich mich auf Blumenstillleben und Landschaften. Blumen und Bäumen gegenüber hat man aus fotografischer Sicht keine Verantwortung, das ist leichter.

2021 haben wir noch einmal eine gemeinsame Ausstellung gehabt, in der vorzüglichen Ungarischen Nationalgalerie in Budapest, mit einigen seiner Gemälde und Richter-Porträts von mir. Da haben wir uns aber nicht mehr gesehen.

Gesehen haben wir uns zum letzten Mal 2018. Und haben uns gegenseitig als alte Herren bezeichnet. Das sind wir ja inzwischen: zwei alte Herren.“ (13.02.2022)

Gerhard Richter fotografiert Benjamin Katz beim Weitermalen von Gerhard Richter

Anmerkung: Natürlich wäre es schön & angemessen gewesen, die nie geschriebene Autobiografie von Benjamin Katz mit seinen großartigen Fotos zu bebildern. Aber das verhindert mal wieder die Unsichtbarkeits-Maschine. Deshalb zeigen wir nur unsere Schnappschüsse. Geht ja auch.

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