Im Beuys-Jahr wäre der 80. Geburtstag von Sigmar Polke beinahe untergegangen. Zum Glück gibt es gerade die sehenswerte Schau „Produktive Bildstörung“ in der Kunsthalle Düsseldorf. Und das dichterische Geburtstagsständchen der KunstArztPraxis! Im fünffüßigen Jambus. Garniert mit Fotos der Ausstellung.

Als Highlight zum Polke-Jubiläum kombiniert die Kunsthalle Düsseldorf Werke des magischen Raster-Punkte-Meisters mit zeitgenössischen Positionen, die er beeinflusst hat. Dort ist auch Max Schulze ausgestellt, dem wir ja zum Auftakt der Schau einen Hausbesuch abgestattet haben.

Im Folgenden wollen wir uns nun poetisch mit jeweils einer Strophe pro Dekade einem Aspekt im Werk Polkes widmen, der uns immer am meisten beeindruckt hat: dem Humor. Wobei Scherz, Satire und Ironie unserer Meinung nach bei Polke nicht nur am Grabbeplatz, sondern stets auch tiefere Bedeutung haben (wenn uns dieser literarische Jux hier erlaubt ist).

Und: Obacht! Im Gedicht haben wir rund 20 Werke Sigmar Polkes versteckt – darunter auch zwei bis fünf Gemälde, die momentan in der Kunsthalle Düsseldorf hängen. Findet Ihr sie?

Wenn Polke lacht.
Eine lyrische Hommage

Wenn Polke lacht, verwandeln sich die Bilder.
Ein Punkt wird Mörder und aus Omas Klecks.
Die Gischt der Farbe macht uns Biedres wilder.
Nur schwarz bleibt weiß und 2 + 3 = 6.

Wenn Polke lacht, routieren die Kartoffeln
Im Hocker-Orbit einer andren Welt.
Dann haut es Bauern nicht nur aus Pantoffeln.
Und nackig pflügen sie per Pferd das Feld.

Wenn Polke lacht, befehlen höhre Wesen
Den Dreiecksscheitel Hitlers in die Ecken.
Auch sonst wird Böses oft banal zerlesen,
Wo Sensibellose beim besten Willen kein Hackenkreuz entdecken.*

Wenn Polke lacht, dann blickt man durch die Sterne,
Die rasterschwarz vorm Rahmenfenster stehn.
Und epidiaskopisch, in der Ferne,
Kann man Druckfehler aus der Zeitung sehn.

Wenn Polke lacht, sollte man Maske tragen:
Es stinkt nach Phosphor, Lebenden, Kopien.
Nach Säure stinkt‘s, nach Reihern und Versagen,
Nach Grün aus Schweinfurt und nach Wurst aus Wien.

Wenn Polke lacht, dann muss man sich beeilen.
Die Wolken zieh’n, schon kommt das nächste Bild.
Die Farben – ach! – sie wollen nicht verweilen,
Derweil der Alchemistenofen überquillt.

Wenn Polke lacht, dann lernen wir die Dinge
(Erstmals?) so sehen wie sie (wirklich?) sind.
Sein Witz legt uns um unsre Augen Ringe
Die sie vergrößern wie bei einem Kind.

Die andern wollen fetten oder filzen
Und ziehen Schamanismus in Betracht.
Wir lecken nur an Polkes Purpurpilzen
Und sind im Ernst geheilt. Weil Polke lacht.

* Jaja, der mit dem beim besten Willen nicht entdeckten Hakenkreuz war Martin Kippenberger. Geschenkt. Deshalb spielt an dieser Stelle ja auch das Versmaß verrückt. Trotzdem: Schauen Sie sich „Konstruktivistisch“ und „Moderne Kunst“ doch einfach mal an! Na? Eben.

(20.12.2021)

An dieser Stelle hab es mal eine Fotostrecke der Ausstellung „Produktive Bildstörung“ zu sehen. Doch dann kam die Unsichtbarkeits-Maschine und hat sie leider aufgefressen. Tut und leid.

„Produktive Bildstörung“ ist noch bis zum 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen.

Anmerkung 1: Wir haben eine sehr gute Freundin, in deren Elternhaus hing Polkes „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ jahrelang im Treppenhaus. Besagte Freundin sagt, sie habe schon als Sechsjährige begriffen, dass das Bild sehr witzig sei. Und gedacht: Das hat der Polke richtig gut gemacht! Ein größeres Kompliment kann man einem Künstler eigentlich nicht machen. Frühreife Klugheit besagter Freundin hin oder her.

Anmerkung 2: Zu Ehren Sigmar Polkes zeigt unsere Fotostrecke ausschließlich Polke-Werke. Die Werke der anderen ausgestellten Künstler aus „Produktive Bildstörung“ reichen wir noch nach. Versprochen.

Anmerkung 3: Wir hätten viele schöne Fotos von den Polke-Ausstellungen „Die Vervielfältigung des Humors“ (2013) im Museum für Gegenwartskunst Siegen, „Leben im Pop“ (2013) in der Kunsthalle Düsseldorf, „Alibis“ (2015) im Museum Ludwig und „Schöne Bescherung“ (2016) im Museum Morsbroich. Aber da hält die Unsichtbarkeits-Maschine ihre Krallen drauf. Zeigen wir also die Fotos von „Produktive Bildstörung“, bevor sie sich im März in Luft auflösen.

Der lachende Polke stammt aus dem Giftschrank des Fotografen Benjamin Katz, dessen Ausstellung im Marta wir ja andernorts schon gewürdigt haben.

Hier ist Polke als Kontaktabzug durch Katzens Lupe zu sehen. Und unseres Wissens auch exklusiv zum ersten Mal.

Max Schulze: „Als Phantom war Polke immer da“
Homepage der Kunsthalle Düsseldorf

Aus der lyrischen Hausapotheke der KunstArztPraxis:
Intuition statt Kochbuch. Ein Joseph-Beuys-Editions-Gedicht
Zum 110. Geburtstag: Ode an Jackson Pollock

Wenn Polke lacht. Eine lyrische Hommage

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