Richter-Woche in der KunstArztPraxis: Zum 90. Geburtstag gratulieren wir jeden Tag anders. Heute erinnern wir uns an ein Kunst-Erlebnis, das uns einen echten Schock versetzte: unsere Wendejahr-Begegnung mit Richters Zyklus „18. Oktober 1977“ zum Fall der RAF im Haus Esters in Krefeld.

Zum ersten Mal trafen wir Ulrike Meinhof 1972 im Sauerland. Einer von uns stand ihr im Postamt gegenüber, ein anderer sah sie in der Deutschen Bank, der Dritte im Rathaus. Stets hielt sie den Blick schüchtern gesenkt: so, als wolle sie sich unserem Zugriff entziehen. Aber uns schlotterten trotzdem vor Angst jedes Mal innerlich die Knie.

Wir wussten ja aus „Spiegel“, „Stern“ und „Tagesschau“, dass die Schüchterne vom Steckbrief mit Andreas Baader und den knapp 20 anderen abgebildeten Anarchisten ihrer „Baader/Meinhof-Bande“ gerade dabei war, brandschatzend und mordend die ganze Welt in die Luft zu sprengen.

Warum also, fragten wir uns bei jeder der vielen Begegnungen immer wieder, nicht auch uns im Sauerland?

„Vorsicht! Diese Gewalttäter machen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch!“

SteckbrieF der „Baader/Meinhof-Bande“, 1972

Als uns Ulrike Meinhof 17 Jahre später doch noch in die Augen blickte, war sie deutlich jünger geworden und schon lange tot. Diesmal kam sie uns weniger schüchtern vor, dafür aber ganz zart und verletzlich: So, als habe sie ihre grausamen Taten schon bereut, bevor sie sie begangen hatte.

Oder als hätte die Folter, die die Staatsgewalt unserer – jetzt von anderen Bildern geprägten – Meinung nach inzwischen mit Licht und Lärm und Isolierung an ihr und ihren Kumpanen begangen hatte, ihr Antlitz im Nachhinein reingewaschen.

„Jugendbildnis (nach Gerhard Richter)“, Köln 2022

Es war ein Dienstag, der 14. Februar 1989, im letzten wirklich deutsch-deutschen Winter, unendlich lange nach dem Deutschen Herbst. An der Grenze herrschte noch Schießbefehl, und wir gehörten zu den Ersten, die die 15 Ölgemälde von Richters Zyklus „18. Oktober 1977“ in der unerhörten, durch keinen weiteren Besucher gestörten Stille im Museum Haus Esthers in Krefeld sahen.

Wir waren eher aus Zufall hineingeraten. Die uns bekannten Medien hatten noch nicht berichtet. Der Eindruck war frisch.

Zwei Tore zu den Totenbildern

Wir glauben uns noch genau zu erinnern, wie es damals im Haus Esters war: Die junge, noch als linke Journalistin friedlich aktive Ulrike Meinhof hing an einer Zwischenwand, links und rechts öffneten sich zwei holzumrahmte Tore zur Totenwelt.

Meinhof gegenüber hing großformatig „Beerdigung“ mit den drei markanten hellen Särgen; an der Wand links daneben hingen „Festnahme 1“ und „Festnahme 2“. Die ganze Vor- und Nachgeschichte der ersten RAF-Generation breitete sich kuratorisch auf dieser Bühne aus vier Gemälden aus.

Durch die vierte Wand warf die Sonne riesige Rauten aufs Fischgrätparkett. Und hinter den großen Fenstern machte der weiße Schnee alles gleich.

Gerhard Richters „18. Oktober 1977“ im Museum Haus Esters, Krefeld 1989 (Rekonstruktion)

Drinnen wurde aus Meinhofs Kolumnenporträt der Zeitschrift „konkret“ durch jenen Schleier, den Richter durch die noch feuchte Farbe gezogen hatte, ein „Jugendbildnis“. Die anderen Figuren wurden in der Abstraktion des Strichs zu „Tote“, „Erhängte“ und „Erschossener“.

Aber ein Teil der Bilder unterm Schleier war uns aus der Presse schon vertraut. Und der Titel des Zyklus war ohnehin verräterisch.

Richters Erschossener war Baader

Am 18. Oktober 1977 hatten die Justizbeamten der JVA Stuttgart-Stammheim die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen tot vorgefunden. Unserem Zeitungswissen konnte der Maler nichts vorgaukeln: Richters Erschossener war Baader, seine Erhängte Ensslin.

Und wir kannten auch den Grund der Tötung:

In der Nacht zum 18. Oktober 1977 war die Geiselnahme der Passagiermaschine „Landshut“ im fernen Mogadischu gescheitert, die zur Befreiung der inhaftierten Terroristen gekapert und schließlich vom deutschen Spezialtrupp GSG-9 in der „Aktion Feuerzauber“ erstürmt worden war. Auch das hatten wir medial fast miterlebt.

„Erschossener (nach Gerhard Richter)“, Köln 2022

Ulrike Meinhof hatte schon im Jahr zuvor, ebenfalls von uns beäugt, Selbstmord begangen. Von den drei Särgen auf „Beerdigung“ war keiner ihrer. Aber sie tauchte tot und lebendig im „18. Oktober 1977“ trotzdem auf. Wir erinnern uns, dass uns das damals vollkommen einleuchtend erschien.

An jenem 14. Februar 1989 im Haus Esters wussten wir weniger von Richter als von der RAF. Aber wir begriffen, dass der Maler durch die Verwischungen der verwendeten Polizei- und Pressefotos vor allem die Trauer um eine Handvoll junger Menschen hatte freilegen wollen, die einer wahnhaften Verblendung neben fremdem auch ihr eigenes Leben geopfert hatten.

Malen im Konjunktiv

Intuitiv erahnten wir durch den Nebel der Bilder, dass hier ein Maler zu Werke gegangen war, der – vielleicht durch die eigene Biografie? – gegenüber der Staatsgewalt ebenso skeptisch geworden war wie gegenüber Ideologien und dem Foto-Terror der Sensationspresse. Und wir ahnten, dass im malerischen Gestus auch die Vergänglichkeit des Vergangenen mit eingeschrieben war.

Es waren Bilder, wie wir sie noch nie gesehen hatten. Mit ihren melancholischen Verwehungen eröffneten sich uns Gedankenräume, historische Möglichkeiten. Es war ein Malen über eine vollendete Vergangenheit, über das Endgültige. Aber im Konjunktiv.

„Tote (nach Gerhard Richter)“, Köln 2022

Seit unserer Reise zu Caravaggio gab es in unserem Leben einige Initialzündungen, die mit Kunstbetrachtung unmittelbar in Zusammenhang standen. Der Anblick von Richters grandiosem Zyklus war eher eine Explosion. Es war das erste und einzige Mal, dass Kunst uns einen fast elektrischen Schock versetzte.

Klärendes Nebelgrau

Uns war, als sähen wir die angsteinflößenden Bilder unserer Kindheit, die Gesamtheit unserer mulmigen Gefühle zur RAF im Besonderen und zur Zäsur des Todes im Allgemeinen mit abgeschnittenen Lidern neu durch einen Tränenschleier. Die ganze Ambivalenz von Vergangenheit und Dauer trat uns im unscharfen Nebelgrau glasklar vor Augen.

Selbst dem Plattenspieler von Andreas Baader wohnte in Krefeld ein derart endgültiges Verstummen inne, dass wir vorm Bild regelrecht zusammenzuckten wie vorm Anblick einer ungarischen FÉG-Pistole.

Und die drei nebeneinander hängenden, immer kleiner werdenden Bilder der vom Fenstergitter ihrer Zelle abgehängten Ulrike Meinhof mit ihren seriellen Strangulationsmalen kamen uns in ihrer filmischen Folge an der weißen Wand beim Betrachten damals fast unerträglich vor.

Gerhard Richters „18. Oktober 1977“ im Museum Haus Esters, Krefeld 1989 (Rekonstruktion)

All dies empfanden wir natürlich vorrangig, aber nicht nur wegen Richters Bildern, sondern auch wegen dieser einsam machenden Stille in Mies van der Rohes Haus: jenem sachlich-kühlen Zeugnis der dann ja doch vor allem auch wieder erschreckend bürgerlichen Moderne.

Die Dialektik der Ausstellung

Später haben wir noch unzählige Gemälde Richters gesehen. Stets waren wir intellektuell erfasst, aber nie wieder emotional so ergriffen wie vor diesen schlauen Bildern. Und nirgendwo anders, so dachten wir damals, hätten diese Gemälde mit ihrer scharfen Dialektik ein besseres Zuhause finden können als hier.

Das denken wir, nach einem Wiedersehen in Frankfurt und New York, übrigens bis heute.

„Plattenspieler (nach Gerhard Richter)“, Köln 2022

Der GSG-9-Mann in der Küche

2003 erwarb einer von uns ein Haus in Köln und baute es um. Wir anderen halfen, aber die Elektrik und den Abriss einer Küchenwand überließen wir einem tätowierten Profi im Rocker-Look. Beim Pausenkaffee erzählte er, dass er am 18. Oktober 1977 als GSG-9-Mann bei der „Aktion Feuerzauber“ in Mogadischu ein Trauma erlitten und anschließend den Dienst quittiert habe. Fortan verdinge er sich mit Nebenjobs.

Dieser objektive Zufall war unsere letzte Begegnung mit der schon verblassten Baader/Meinhof-Bande unserer Kindheit. Ins Sauerland waren laut Internet ohnehin längst andere Terroristen eingezogen. Und das mit dem Terror verknüpfte Datum war inzwischen ein auf Ewigkeit ausgerichtetes und deshalb seiner Jahreszahl beraubtes, globales 9/11.

Aber beim Kaffee mit dem Ex-GSG-9-Mann in der Ruine der Küche kam uns wie aus dem Nichts plötzlich wieder Ulrike Meinhofs Gesicht in den Sinn. Nicht das schüchterne vom omnipräsenten öffentlichen Steckbrief 1972. Sondern Richters intimes, von der unerhörten Stille im Haus Esters umrahmtes von 1989. (11.02.2022)

„Beerdigung (nach Gerhard Richter)“, Köln 2022

Anmerkung 1: In unserem Katalog zur Ausstellung im Krefelder Museum Haus Esters steht ausdrücklich, Gerhard Richter habe viele Gemälde seines Zyklus aus ethischen Gründen zur Reproduktion nicht freigegeben. Das ist eine Facette der Unsichtbarkeits-Maschine, die wir akzeptieren können. Wir zeigen deshalb oben Abbildungen, die nur den Typ von Richters Zyklus wiedergeben. Und danken für ihre Erstellung einem Freud, der nicht genannt werden will.

Anmerkung 2: Jaja, schon klar: Wir haben Ulrike Meinhof 1972 im Sauerland NICHT gesehen, sondern nur ein BILD von Ulrike Meinhof. Geschenkt. Wir sind halt keine Ontologen.

Anmerkung 3: Wir haben recherchiert. Am 14. Februar 1989 waren es in Krefeld rund drei Grad über Null. Kein Schnee, wahrscheinlich; zumindest kein weißer, frisch gefallener. Aber die erinnerte Sonne war sicher da.

Gerhard Richter in der KunstArztPraxis:
Gerhard Richter Retro: „Über Malen“ in Bonn (2017)
Das Gerhard-Richter-Geburtstags-Quiz
Gerhard Richter Retro: „Leben mit Pop“ (2013)
Dietmar Elger: „Gerhard Richter ist kein Malerfürst“

Der echte Zyklus „18. Oktober 1977“
Homepage der Kunstmuseen Krefeld

Gegen.Bilder.Terror, 1989: Richters „18. Oktober 1977“

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2 Gedanken zu „Gegen.Bilder.Terror, 1989: Richters „18. Oktober 1977“

  1. Das ist für mich bis jetzt der beste Blogpost 2022! Er hat mich an vielen Punkten angepingt. Klar, die Kindheit und Jugend mit den allgegenwärtigen RAF-most-wanted-Plakaten. Dass diese Ausstellung euch so berührt hat. Ich habe 1989 ja noch in Krefeld gelebt, kann mich an diese Richter-Ausstellung überhaupt nicht erinnern. Aber ich habe mich damals auch nicht wirklich für Kunst interessiert. Haus Esters und Lange kenne ich natürlich gut. Ihr habt das so wahrhaftig beschrieben, dass ich diese Ausstellung jetzt am liebsten genau da sehen würde. 🙂

    KunstArztPraxis: Hach. Toll. Wir freuen uns!!!

  2. Ich bin selten neidisch, aber bei dieser verpassten Gelegenheit Gerhard Richters Zyklus im Haus Esther zu sehen, schon. Diese sehr gute Beschreibung lässt ein Bild entstehen, ähnlich den Richter Bildern wo die Vergangenheit eingewebt ist.

    KunstArztPraxis: Wir freuen uns! Und danken sehr.

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