Ein Jahr auf der Couch: Wie wir 2025 verarztet haben
Wir heilen ja durch Sichtbarmachung. Das hat es uns die Unsichtbarkeits-Maschine 2025 nicht immer leicht gemacht. Aber wir sind trotz Trump, dem Deutschen Roten Kreuz und diversen Erb*innen wacker geblieben. Und haben der Kunst einmal sogar das Leben gerettet.
Für Takako Saito (1929-2025)
Anfang November 2025 erhielten wir Post von Mary Bauermeisters Galerie aus New York.
Man fände unser „Hexenbuch“ über Mary Bauermeisters Märchenreich auch nach Jahren noch toll, hieß es darin. Jetzt stünde eine große Bauermeister-Retrospektive an: Ob wir nicht nach New York kommen wollten, um unser masterpiece einer breiteren US-Öffentlichkeit im Rahmenprogramm vorzustellen?
Wir sagten mit großem Bedauern seufzend ab. Wir haben nämlich Sorge, dass wir wegen unserer Trump-Kritik in diesem Internet bei der Einreise abgewiesen oder sogar verhaftet worden wären, wie es einem uns bekannten Wissenschaftler tatsächlich geschah.
Personae non graetae?
Schließlich hatten wir Donald Trump 2025 gleich zweimal auf der KunstArztPraxis-Couch, und was wir da über die Bande von William Kentridge & der Kunsthalle Düsseldorf im Hirn-Kasten dieses neuen König Ubu an Abgründen aufdecken mussten, hat uns in den USA womöglich für alle drei Lebzeiten zu personae non graetae degradiert.
Donald Trump, der frisch gewählte Präsident von Venezuela, hasst nun mal uns Europäer, vor allem die im Land seiner Ahnen, mit jeder Faser seiner an den Teufel verkauften Seele.
„Trump is a tool of Putin, has been since 1987.
Ruth Marten in einer Mail an uns aus New York, 21.03.2025
His supporters are all armed and take great pride in their stupidity.“

„Ich werde aus Protest alle meine Werke aus Amerika zurückholen.“
Mary Bauermeister im Gespräch mit uns nach Trumps erster Amtseinführung 2017
Personae non graetae sind wir offenbar auch bei den Erb*innen von Mary Bauermeister, mit denen wir uns zu Lebzeiten Mary Bauermeisters eigentlich immer ganz gut verstanden zu haben glaubten – das war deshalb für uns dann doch eine der größten Überraschungen des Jahres.
Wir haben jetzt sozusagen Hausverbot
Wir wollten 2025 nämlich nochmal ins Haus, wo wir ja jahrelang ein- und ausgegangen waren, um zu sehen, wie es sich gewandelt hat. Um Abschied zu nehmen.
So hatten wir es auch mit dem Garten gemacht, und so war es schon seit längerem abgemacht. Dann hieß es öfters, es würde (noch) nicht passen. Und dann wurde uns zu unserer Verwunderung durch die Blume ziemlich eiskalt mitgeteilt, dass wir sozusagen Hausverbot hätten.


Unser letzte Bauermeister-Beitrag sei – wieso denn bloß? – „schon grenzwertig“ gewesen, das würden übrigens alle hier so sehen. Und vorher hätten wir ja auch nur „Hofberichterstattung“ praktiziert.
So klar hatte uns zuvor noch niemand zu verstehen gegeben, dass auch wir nur ein unbedeutendes Rädchen im Betriebs-System des Kunst-Markts sind: ein Rädchen, das von anderen Rädchen je nach Interessenlage jederzeit – ganz legitim – herausgeschraubt werden kann.
Die neue Kralle
So war der Unsichtbarkeits-Maschine – schwupps! – eine neue Kralle gewachsen. Und zwar an einer Körperstelle, an der wir sie anatomisch nie & nimmer vermutet hätten.
Foto oben: Ob das Atelierhaus von Mary Bauermeister noch so aussieht
wie bis 2023? Oder ist alles schon in New York? WIR werden es wohl nie erfahren.
Unsere zahlreichen Mary-Bauermeister-Beiträge haben wir sicherheitshalber aus den Opertations-Räumen unserer KunstArztPraxis entfernt: Das mit dem Hofberichterstatten könnte ja stimmen.
Und hofberichterstatten möchten wir nun wirklich nicht.
Das Entfernen hatte allerdings auch mit einer weiteren Kralle der Unsichtbarkeits-Maschine zu tun, die wir zuvor zu Ehren Mary Bauermeisters & ihrer Sichtbarkeit willen etwas ignorierten. Aber das ist eine andere Geschichte, die vielleicht ein andermal erzählt werden soll.

Erb*innen sind für aufrichtige KunstArztPraktiker alter Schule immer dann desaströs, wenn im Nachlass-Streben statt lauteren, von wohlwollendem Respekt fürs Werk getragenen Sichtbarkeits-Wünschen nackter Reibach Küchenmeister ist.
Im Nachhinein drängt sich dabei oftmals der Eindruck auf, die bucklige Verwandtschaft habe das Ableben der oder des Nachlassenden kaum erwarten können, so stante pede wie sie nach dem jeweiligen Ableben in der Künstler*innen-Küche reibacht.
Ausgerechnet diese & jene Familie!
So scheint es bei der bedeutenden Fluxus-Künstlerin Takako Saito gewesen zu sein, die in der Nacht zum 1. Oktober 2025 in Düsseldorf verstorben ist (wir berichteten).
Ausgerechnet jene Familie, die sie, wie wir so hörten, einstmals verstieß, weil sie doch tatsächlich in der Ferne Kunst machen wollte anstatt – sagen wir mal: nahebei zu heiraten: ausgerechnet diese Familie hielt schon am 2. Oktober 2025 die Hände auf bei denen, die sich statt ihrer zu Lebzeiten um Takako Saito gekümmert hatten.
Und sich nach ihrem Tod, nach Takako Saitos erklärtem Wunsch, auch um ihren Nachlass kümmern sollten.

Foto oben: Wohn-Atelier von Takako Saito, vor dem Zugriff
des Düsseldorfer Kulturamts, Düsseldorf 2024

Gibt es groß etwas zu holen?
Allerdings ist fraglich, ob es bei Takako Saito monetär überhaupt groß etwas zu holen gäbe: Zumindest scheint sie schon zu Lebzeiten vom Betriebs-System des Kunst-Markts – noch so eine Kralle – vergessen worden zu sein. Anders können wir uns das Schweigen im medialen Blätterwald zu ihrem Tod selbst in den Kunstmagazinen nicht erklären. Allein die „Rheinische Post“ brachte einen Nachruf: Mitte November, geschlagene SECHS WOCHEN nach Takako Saitos Tod.
Dabei war ja gar nicht „erst jetzt bekannt“ geworden, dass Takako Saito gestorben war, wie es im Beitrag hieß. Im Gegenteil: Die KunstArztPraxis hatte die ganze Nacht danach traurig durchgebastelt, damit die Welt schon am nächsten Morgen die betrübliche Nachricht in einem Nachruf erführe. Mitte November, sechs Wochen später, hatten das immerhin schon über 10.000 geneigte KunstArztPraxis-Lesende gelesen*. Die „Rheinische Post“ gehörte offenbar nicht dazu.**
*nur unser 2025 aus gegebenem Anlass nochmals publizierter Beitrag,
in dem wir dem toten Hasen Joseph Beuys erklären, war bisher beliebter
**die Kunstmagazine sowieso nicht


Nicht Takako Saito. Aber Hede Bühl!
Mit Takako Saito wollten wir eigentlich 2026 ein Foto-Buch machen, die Bilder aus ihrem Wohn-Atelier hatten wir schon.
Bei unserem Hausbesuch waren aber leider die meisten Kunstwerke in einer Retrospektive im Kunstmuseum Bochum, deshalb war schon ein neuer Foto-Termin vereinbart.
Aber dann kam das Kulturamt Düsseldorf und zwang die Künstlerin zum Auszug, wir haben auch über diese Tragödie 2025 geschrieben. Und dann kam der Tod.
Aber 2025 haben wir noch ein Foto-Buch mit Hede Bühl (und mit Hartmut Kraft) gemacht. Ein Kunst-Foto-Buch sogar! Auch in der KunstArztPraxis nachzulesen.
Fotos oben & unten: Unser Foto-Buch in Hede Bühls Atelier, Düsseldorf 2025

Und was haben wir Drei von der KunstArztPraxis 2025 sonst noch so getrieben, um Kunst sichtbar zu machen?
Nun ja, wir haben mit Gregor Schneider in der Fremde gewohnt. Und wir haben uns anlässlich der Verleihung des „Nobelpreises der Kunst“ Praemium Imperiale im Oktober 2025 an Marina Abramović an unsere verstörendste Museums-Performance erinnert.

Und sonst?
Wir haben in Paderborn dem Wind & seinen Bräuten gelauscht. Wir sind bei Ulrike Theusner unseren Freund Cole besuchen gegangen. Und wir waren bei den Bienen und bei Nick Cave auf Betriebsausflug.
Wir hatten Hausbesuch bei Axel Hütte. Wir gruben beim letzten Inka Hans von Hoermann am Chiemsee Fetische aus. Und wir entdeckten in Duisburg Eva Aeppli.
Einmal haben wir der Kunst sogar das Leben gerettet. Und wir haben Mr. Brainwash gefragt, woher er Erwin Hapke kennt, den er in unseren Augen ein-deutig abgekupfert hat (wir warten immer noch auf Antwort, Herr Hirnwasch!).
Foto oben: Axel Hütte mit einem Teil seiner Rennräder, Düsseldorf 2025

Sowas haben wir noch nie gemacht!
Wir schliefen in Worpswede in Paula Modersohn-Beckers Atelier. Und wir haben uns für August Mackes Freund*innen in unsere drei Ichs zurückaufgespalten, um als Nur-Wissenschaftler (KunstArzt3), Nur-Fotograf (KunstArzt1) beziehungsweise Nur-Dichter (KunstArzt2) Werke denkend zu betrachten. Sowas – also das Zurückaufspalten, nicht das Denken! – haben wir vorher auch noch nie gemacht.
Und dann war, angeregt von unserem Lieblingsmuseum Marta Herford, Sammeln noch ein wichtiger Schwerpunkt im letzten KunstArztPraxis-Jahr. Siehe auch unseren Advents-Kalender mit Gastro-Sammler Bloehme aus Hamm im Dezember.

Ach ja, apropos „letztes KunstArztPraxis-Jahr“. Und nur, weil es uns 2025 fast die drei Köpfe – also der KunstArztPraxis ihre Existenz – gekostet hätte:
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das wir seit fast 20 Jahren mit Mitgliedschaft samt Spenden tatkräftig unterstützen, weil es das verdient, hat uns 2025 abgemahnt. Es ist nämlich jenem Teil der Menschheit, der nicht das DRK ist, markenrechtlich verboten, ein rotes Kreuz im Wappen zu tragen – wegen Verwechselungsgefahr! Und wir trugen ein solches rotes Kreuz bis 2025 in einem grauen Bilderrahmen im Header.*
*trotzdem ist in all den Jahren niemand mit Altkleider-Säcken,
für Erste-Hilfe-Kurse oder zum Blutspenden in unsere
Praxis-Räume gekommen! Das möchten wir betonen.
Ist das die Mühe wert?
Wir mussten 2025 nicht nur eine Unterlassungs-Erklärung unterschreiben, nie wieder rotbekreuzt zu erscheinen, sondern auch eine für uns sehr empfindliche Summe Geldes an eine vom DRK zum Unterlassungsklagen beauftragte Anwaltskanzlei blechen: So viel zumindest, dass wir uns zum ersten Mal seit unsrer Gründung vor fünf Jahren ernsthaft darüber Gedanken gemacht haben hinzuschmeißen. Ist das, so fragten wir uns, einander in die Augen blickend: Ist das die Mühe wert?
Wir haben uns DIESE Kralle der Unsichtbarkeits-Maschine dann aber eigenhändig wieder gegenseitig aus den geschundenen Brüsten gerissen. Denn, schließlich: Was soll die Welt denn machen ohne uns?
Bitteschön. Dankeschön. Ihre KunstArztPraxis. (04.01.2026)
Ach ja, nur zur Sicherheit & bevor Klagen kommen: Es ist das gute Recht aller Künstler*innenerb*innen, uns Hausverbote zu erteilen; es gibt ja Gründe. Wir finden es halt schade. Mary Bauermeister hätten wir gern sichtbar gehalten. Sie soll ja nicht dasselbe Schicksal ereilen wie Joseph Beuys.
Bonus-Tracks: Das waren unsere Fotostrecken 2025
© für die letzte Fotostrecke: AushilfsKunstArzt Philipp J. Bösel. Danke, Philipp J. Bösel!
Die Jahre auf der Couch der KunstArztPraxis:
Ein Jahr auf der Couch: Wie wir 2024 verarztet haben
Ein Jahr auf der Couch: Wie wir 2023 verarztet haben
Ein Jahr auf der Couch: Wie wir 2022 verarztet haben
(Davor haben wir zwar auch schon verarztet, hatten aber noch keine Couch.)


Die Geschichte mit dem Roten Kreuz gibt mir sehr zu denken. In einem Internet Logo darf man das ‚rote‘ Kreuz also nicht verwenden, darf man denn mit Medizinkästen mit dem roten Kreuz Kunst machen? Das sagt keiner etwas oder? Ich frage mich das tatsächlich. Oder eine ganz alte Fahne des Roten Kreuzes (vom Flohmarkt) darf man die überhaupt verwenden?
Wenn Ihr ein Medizinschränkchen (mit dem Roten Kreuz) fotografiert hättet und als Logo verwendet hättet.. wäre das möglich gewesen? Fragen über Fragen. Vielleicht hat jemand dazu eine Antwort.
Antwort KunstArztPraxis: Wir könnten uns sehr gut vorstellen, dass Kunst mit Rotem Kreuz von der Kunstfreiheit gedeckt ist. Aber wissen tun wir das nicht. Ihre KunstzArztPraxis
Guten Morgen und DANKE!!! Wieder ein wunderbarer, kritischer und doch positiver Beitrag. Alles Gute zum neuen Jahr und viel Energie!
Liebe Grüße Jutta
Danke das ihr die Praxis wieder geöffnet habt. Jetzt will ich mir erstmal den Puls messen lassen!
Großartiger und doch an so vielen Stellen trauriger Beitrag.
Verkehrte Welt und so viele machen dabei mit!
Danke, dass ihr standhaft bleibt!!!
ein gutes….. besseres neues Jahr für sie!
und vielen Dank für die schönen unabhängigen Berichte!
möchten sie, könnten sie nicht die Abmahnung Gebühren über Spendenaufruf finanzieren.
mit freundlichen Grüßen
Winfried Becker
Das finde ich eine gute Idee 👍
Guten Morgen! Danke, dass ihr euch nicht unterkriegen lasst! Eure Seh- und Denkanstöße sind wichtig und wunderbar.
In Vorfreude auf ein weiteres spannendes Kunstjahr
herzliche Grüße und allerbeste Wünsche
Claudia