Ende 2020 starb mit Franz Joseph van der Grinten der letzte der beiden ersten Sammler und Weggefährten von Joseph Beuys. Gern erinnern wir uns an ein wundervolles Gespräch, dass wir bei ihm daheim über seine Jahre mit Beuys führen durften. Hier exklusiv Teil 4: Joseph Beuys als Zeichner.

KunstArztPraxis: Herr van der Grinten, warum sollte man sich eigentlich heute noch Beuys-Zeichnungen anschauen?

van der Grinten: Aus demselben Grund, aus dem man sich eine Zeichnung von Rembrandt anschauen sollte! Das ist zeitlose Zeichenkunst auf höchster Höhe.

Wenn man an Kunst interessiert ist, gibt es eigentlich ohnehin keinen Grund, nicht auch an Beuys interessiert zu sein. Im Grunde nutzt sich das Werk ja nicht ab, auch so viele Jahre nach Beuys‘ Tod nicht. Und gerade bei den Zeichnungen verbinde ich mit Ausstellungen wundervolle Erlebnisse.

Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006
Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006

KunstArztPraxis: Welches Erlebnis denn besonders?

van der Grinten: Da ist tatsächlich vor allem eines: Wir hatten im letzten Jahr der anderen Republik eine große Beuys-Ausstellung in Ost-Berlin und Leipzig. Über 200 Zeichnungen aus 20 Jahren aus unserer Sammlung. Die Ausstellung hatte Johannes Rau initiiert. Und die DDR-Regierung konnte sie in ihrem Zustand nicht ablehnen – so gerne sie das auch getan hätte.

Für mich war es ergreifend zu sehen, mit welcher Andacht die Leute vor den Bildern standen. So etwas von Stille, so etwas von einer ganz und gar vereinnahmenden Angerührtheit habe ich selten in meinem Leben erlebt.

„Beuys‘ Zeichnungen führen den Betrachter
selbst in diese Stille.“

Franz Joseph van der Grinten

Die DDR-Bürger kannten Beuys ja nur aus dem Fernsehen, von Aktionen wie dem Einbaum auf dem Rhein und so. Aber sowas wie die Zeichnungen hatten sie noch nie gesehen, das war für sie ein ganz ergreifendes Erlebnis. Der Katalog war am zweiten Tag schon ausverkauft.

In der DDR war man ungeheuer begierig auf Beuys. Aber nicht in einem sensationellen Sinne. Die Sachen sind ja nicht sensationell. Sondern sie führen den Betrachter selbst in diese Stille. Das ist eine der Qualitäten der Zeichnungen. Diese meditative Qualität.

Van der Grinten bei der Aktion „Celtic“ 1971 in Basel (Foto: Michael Ruetz). Wer findet Beuys?

KunstArztPraxis: Die von Beuys‘ Zeichnungen in den Raum strömende Stille: War die atmosphärisch auch in den Ausstellungen in der BRD zu spüren?

van der Grinten: Ja. Das ist uns schon auf unseren ersten Beuys-Ausstellungen in Kleve aufgefallen. Da hingen dann auch so kleine, oft ganz schäbige Zettelchen, da hatte Beuys ganz wenig draufgeschrieben. Aber immer so geheimnisvolle Sätze, die nicht begreifbar waren. Und auch das verstärkte wieder diese meditative Qualität.

„Vielleicht bin ich ein wiedergeborener Höhlenzeichner.“

Joseph Beuys

Als wir dann 1963 wieder eine Ausstellung gemacht haben, da hatte sich bereits der allgemeine Stilwandel vollzogen mit Fluxus und Pop-Art. Da war das Eis auch bei denen, die viel zu sehen gewohnt waren, gebrochen. Da hatte sich das Blatt gewendet.

Zuvor waren die Leute zum Teil zornig aus den Ausstellungen mit den Zeichnungen herausgelaufen. Jetzt war da großer Respekt. (28.02.2021)

Joseph Beuys‘ Ausstellung früher Zeichnungen – mit Betrachter-Reaktionen (1990)

Anmerkung: Das rund vierstündige Gespräch mit Franz Joseph van der Grinten fand Anfang Januar 2006 aus Anlass von Beuys‘ 20. Todestag im Haus des Sammlers am Niederrhein statt. Das Interview wird in der KunstArztPraxis in loser Folge in sechs Teilen veröffentlicht. Es wurde vom Sohn, dem Galeristen Franz van der Grinten, 2021 zusätzlich noch einmal autorisiert.

Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?
Joseph Beuys reloaded (III): Der Lehrer

Meinung: Joseph Beuys: Krise & Heilung (KunstArztPraxis)
Beuys2021: Informationen zum NRW-Jubiläumsjahr

Joseph Beuys reloaded (4)

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4 Gedanken zu „Joseph Beuys reloaded (4)

  1. Herzlichen Dank an Franz van der Grinten für die umfassende Antwort.
    Und auch Ihnen, liebe KunstArztPraxis, sei Dank,
    Sie haben es ihm abverlangt.

  2. Den Mann mit Hut auf dem „Celtic“-Foto zu erkennen ist easy peasy, aber was macht er da mit dem Stock? Ist das der Eurasienstab und steckt er ihn vorsichtig dem Mann vor ihm in den Kragen, der das mit mongolischer Schicksalsergebenheit (frei nach F.Mühlenweg)geschehen lässt?
    Vielleicht war ja ein Leser dieses schönen Interviews in Basel dabei und kann berichten. Danke für die gar nicht bittere Pille!

    1. Liebe Frau H., haben Sie herzlichen Dank für Ihre interessante Frage! Wir haben sie an den Sohn von Franz Joseph van der Grinten, den Galeristen Franz van der Grinten, weitergereicht. Hier kommt seine Antwort: „Der Stab ist ein ‚Hirtenstab‘, Beuys hat so etwas schon als Kind bei seinen Wanderungen benutzt. Ein Stab beim Wandern ist ja vieles in einem: Gehhilfe, Zeichen (Hirtenstab, Bischofsstab), Verbindung zur Erde (Konzentration) und unter schamanistischen Aspekten ‚Axis mundi‘ (Standortbestimmung, Übergang, Übermittlung). Bei Beuys kann man sicher sein, das mindestens alles zutrifft.“ Wir hoffen, das war hilfreich. Im Übrigen sind wir froh, dass Sie Fritz Mühlenweg erwähnen. Er wird unserer Meinung nach viel zu wenig gelesen. Aber da ist, wie wir fürchten, keine Hilfe. Ihre KunstArztPraxis.

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