Ende 2020 starb mit Franz Joseph van der Grinten der letzte der beiden ersten Sammler und Weggefährten von Joseph Beuys. Gern erinnern wir uns an ein wundervolles Gespräch, dass wir bei ihm daheim über seine Jahre mit Beuys führen durften. Hier exklusiv Teil 5: Wie wird man Beuys-Sammler?

KunstArztPraxis: Herr van der Grinten, 1951 haben sie als 18-Jähriger begonnen, Joseph Beuys zu sammeln. Warum?

van der Grinten: Das kam durch die Bekanntschaft mit dem älteren Dresdener Maler Hermann Teuber, der nach dem Krieg nach Kalkar evakuiert worden war. Der hat uns zum Sammlen ermutigt.

Wir hätten damals lieber Klee und Kandinsky gesammelt, aber Teuber hat gesagt: „Jede Zeit hat ihren Kandinsky! Sie müssen nur den Ihren finden.“ Und: „Sie kennen doch den Beuys. Fangen Sie mit dem mal an.“ Und das war ein guter Tipp.

„Das Sammeln beginnt ja immer
mit dem dritten Stück.“

Franz Joseph van der Grinten

KunstArztPraxis: Und wie ging es weiter?

van der Grinten: Na, wir haben dann den Beuys darauf angesprochen. Und Beuys hat uns Sachen vorgeführt und dann haben wir jeder ein Blatt gekauft für 20 Mark. Mit dem nächsten Blatt waren wir dann Sammler. Das Sammeln beginnt ja immer mit dem dritten Stück.

Und dann hat Beuys irgendwann gesagt: „Ihr solltet große Querschnitte sammeln. Das kann kein Museum machen. Und wenn ihr das mit mir machen wollt, dann mache ich Euch eine Mappe und die kauft ihr dann.“

Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006
Franz Joseph van der Grinten in seinem Haus am Niederrhein, 2006

Zwölf Jahre Pachtzins

KunstArztPraxis: So viel Geld hatten Sie damals?

van der Grinten: Nein, so viel Geld hatten wir damals nicht. Deshalb hat Beuys vorgeschlagen, ihm immer zehn Mark zu schicken, sobald wir diese übrig hätten – bis die Mappe abgezahlt sei. Bei diesem Modus sind wir lange geblieben.

Als Beuys Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie wurde, hat er gesagt: „Ich muss einen Haufen Zeugs los werden, das beengt mich, ich will das nicht mehr bei mir haben. Ich mache euch einen Preis und wir überlegen eine Jahresrate, und die bezahlt ihr dann ab!“

Da hatten wir mit einem Schlag zwischen 2.000 und 3.000 Arbeiten. Den entsprechenden Pachtzins haben wir dann zwölf Jahre abbezahlt.

Michael Ruetz und Peter Sevriens. Im Dialog mit Joseph Beuys, Van der Grinten Galerie, Köln 2021
Joseph Beuys als Koch und Gastgeber, Düsseldorf, Herbst 1972 (Foto: Michael Ruetz)

Ein Feiertag wie Weihnachten

KunstArztPraxis: Und wie war das, wenn sie Beuys das Geld gebracht haben?

van der Grinten: Das war immer ein wunderbar festlicher Tag für uns alle! Das war meist in den Weihnachtsferien, und Beuys empfing dann keinen anderen Besuch. Und er kochte für uns und wir waren den ganzen Tag zusammen.

„Das mit uns und Beuys war
die perfekte Symbiose.“

Franz Joseph van der Grinten

Wundertüte Premiumblock

Einmal brachte er am Ende einen großen Packen zum Vorschein und sagte: „Das ist der Premiumblock. Den sollt Ihr auch bekommen!“.

Im „Premiumblock“ waren Kunstwerke, die er mit Kollegen getauscht hatte. Und Fotografien. „Ihr müsst auch Fotos sammeln“, hat Beuys dann gesagt. „Das gehört zum heutigen Verständnis von Grafik unbedingt dazu.“ Auf diese Weise sind auch einige tausend Fotografien in unsere Sammlung gekommen im Laufe der Jahre.

So hat Beuys unsere Sammlung sehr intensiv mit aufgebaut und ihre Form mitgeprägt. Das mit uns und Beuys war die perfekte Symbiose. (25.02.2021)

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Foto-Porträts von Joseph Beuys sammeln!

Anmerkung I: Insgesamt sammelten die Brüder van der Grinten rund 6.000 Werke von Joseph Beuys, die heute den Grundstein für die Sammlung im Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau bilden. Die früheste Arbeit stammt aus den späten 1930er Jahren. Unter den Werken sind Zeichnungen, Aquarelle, Ölmalerei, die vollständige Druckgrafik, plastische Bilder, Objekte, frühe Skulpturen und Entwürfe, Auflagenobjekte und Multiples. Ein Archiv versammelt Tausende von Briefen, Fotografien, Drucksachen, Veröffentlichungen und Texte.

Anmerkuing II Das rund vierstündige Gespräch mit Franz Joseph van der Grinten fand Anfang Januar 2006 aus Anlass von Beuys‘ 20. Todestag im Haus des Sammlers am Niederrhein statt. Das Interview wird in der KunstArztPraxis in loser Folge in sechs Teilen veröffentlicht. Es wurde vom Sohn, dem Galeristen Franz van der Grinten, 2021 zusätzlich noch einmal autorisiert.

Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?
Joseph Beuys reloaded (II): Der Lehrer
Joseph Beuys reloaded (IV): Der Zeichner

Meinung: Joseph Beuys: Krise & Heilung (KunstArztPraxis)
Beuys2021: Informationen zum NRW-Jubiläumsjahr
Museum Schloss Moyland

Joseph Beuys reloaded (5)

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