Neben Köln und Essen huldigte auch Bonn dem großen Maler Gerhard Richter 2017 zum 85. Geburtstag. Zu sehen waren frühe Gemälde und Skulpturen, die Richters Changieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion illustrieren. Wir erinnern uns in Wort und Bildern.

© für alle Gemälde: Gerhard Richter

Anamnese: So war “Über Malen” im Kunstmuseum Bonn

Zu seinem 85. Geburtstag 2017 waren Gerhard-Richter-Festspiele in NRW: Das Kölner Museum Ludwig zeigte “Neue Bilder” des Künstlers, im Essener Folkwang-Museum waren die kompletten Editionen zu sehen. Und das Bonner Kunstmuseum machte mit “Über Malen. Frühe Bilder” das Triple komplett.

In Bonn versammelt waren rund 25 Werke der 60er und 70er Jahre, die einen Überblick über die frühen Entwicklungen Richters gaben. So offenbarte sich die ganze Bandbreite, mit der der Künstler von Anfang an die Frage nach dem Realitätsgehalt der Kunst hinterfragte und die Trennung der Moderne zwischen Gegenstand und Abstraktion überwand. Und immer wieder die Frage stellte, was ein Bild überhaupt ist.

Was ist wirklich?

Dabei war der doppeldeutige Untertitel der Ausstellung – “Über Malen” – durchaus programmatisch zu verstehen. Denn nicht zuletzt durch Übermalungen von vorgefundenem Material aus Fotos regt Richter den Betrachter dazu an, über das Malen nachzudenken.

Im Zentrum der Bonner Schau standen die Tür-, Vorhang- und Fensterbilder der 60er Jahre, die vom Versprechen der realistischen Kunst erzählen, einen Blick durch den Spiegel auf die “echte”, tatsächliche Wirklichkeit zu eröffnen.

Nicht zuletzt das Motiv des Vorhangs verweist dabei auf den antiken Wettstreit der griechischen Meister-Maler Pharrasios und Zeuxis, den ersterer gewann, weil Zeuxis mit seinen illusionistischen Trauben zwar die Vögel täuschte, Pharrasios den Konkurrenten aber dazu brachte, den gemalten Vorhang beiseiteschieben zu wollen. Warum uns diese Geschichte nicht einleuchtet, haben wir an anderer Stelle einmal beschrieben.

Hinter dem Vorhang: nichts

Egal. Denn bei Richter ist selbst diese Anspielung Illusion. Jegliche malerische Tiefe ist aufgehoben, und es ist klar, dass sich weder hinter den Vorhängen noch hinter den Türen irgendetwas verbirgt. Der Vorhang bleibt, ganz theatralisch, geschlossen, und alle Fragen offen.

“Die Türen, Vorhänge, Oberflächenbilder, Scheiben und so weiter sind vielleicht Gleichnisse einer Verzweiflung über das Dilemma, dass zwar unser Sehen uns die Dinge erkennen lässt, dass es aber gleichzeitig die Erkenntnis der Wirklichkeit begrenzt und partiell unmöglich macht”, formulierte Richter dementsprechend schon 1971. So sind auch Richters Verfremdungen “realistischer” Motive zu verstehen.

Deshalb spielt auch der vermeintliche Gegensatz zwischen gegenständlichen und abstrakten Bildern bei Richter keine Rolle mehr: “Beides sind Bilder, das heißt: Egal was sie darstellen, sie tun es mit den gleichen Methoden: Sie scheinen; sie sind nicht das Dargestellte, sondern der Anschein davon.”

Ganz schön philosophisch. (10.02.2022)

Anmerkung: Text und Bilder erschienen in abgewandelter Form zuerst im Februar 2017 auf den Internetseiten des WDR

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