Süße Kätzchen auf Sperranlagen im Westjordanland, Kelche mit Vogelfüßen, ein Döner aus Bronze oder ein Schädel mit Erdnusshaut: Christoph Knecht bringt mit brillanter Technik Unmögliches auf logische Weise zusammen. So auch bei seinem Bildzyklus „Plants of Opportunities“.

Im Jahr des Tigers vollendet Christoph Knecht seinen ersten Wald. Er steht vor einer Leinwand, auf der nach der Vorlage eines botanischen Lehrbuchs aus dem 19. Jahrhundert auf dunkel orangenem Bildgrund andeutungsweise eine Wermutspflanze vorgezeichnet ist – „Artemisia absinthium“, auch „Bitterer Beifuß“ oder „Alsem“ genannt, in der griechischen Antike der Jagdgöttin Artemis zugeteilt, im Mittelalter ein wirksames Kraut gegen Mäusefraß, Hexerei und Schlaflosigkeit, zu Zeiten der Moderne Grundzutat eines berauschenden Bohème-Getränks –, als es wie wild zu wuchern beginnt. Zuerst im Kopf, steht zu vermuten, dann aber, vor allem, auf der Staffelei. 

Knecht rückt dem Wermut mit einem Stahlschwamm zu Leibe, löscht aufgetragene Bereiche, verwischt dabei Vorder- und Hintergrund; und lässt sich durch das halb zufällige Ergebnis zu neuen, auch abstrakten, an Trichter, Fächer oder Eicheln gemahnende Formen inspirieren. So sprießen aus dem Rhizom der Wirklichkeit phantastische Gewebe, die weder Blattwerk sind noch Stiel noch Blüte, aber vorgeben, eben dies zu sein.

Allein beim Himalaya

In einem Prozess zwischen automatischem Malen, kontrolliertem Zufall und komponierender Gesamtschau wächst es weiter, treibt selbst im Geäst des Krautstocks merkwürdige Triebe aus, schießt alles in den Bildraum hinein ins Kraut bis an die Grenzen. Bis eben kein „Bitterer Beifuß“ mehr da ist, sondern ein Wald, der aus einer einzigen Luftwurzel entsprungen ist. 

2010 geschieht das, während Knechts zweitem Aufenthalt in China, im großen, lichten, zum Atelier umfunktionierten Wohnzimmer einer Professorenwohnung auf dem Campus einer verlassenen Universitätsstadt, 45 Autominuten entfernt von der 14-Millionen-Megalopole Chengdu, wo Knecht als Studienstipendiat Monate zuvor angekommen ist.

Die lärmende Hauptstadt der Provinz Sichuan hat er hinter sich gelassen, nun lebte er mutterseelenallein mit ein paar Schwänen, einer Hand voll Hühnern und einigen Straßenkötern nahe beim Himalaya, am Ende der Welt, ohne Internet und Telefon, ohne Postadresse, ohne Heizung, ohne kollegiales Korrektiv. Auf diesem riesigen Gelände, in diesen eiskalten, zugigen Räumen ist er buchstäblich ganz bei sich.

Christoph Knecht. Plant of Opportunities, Malkasten, Düsseldorf 2018; Foto: Thomas Köster

Sechs Tage Selbstgespräche

Manchmal fährt er mit dem 125er Crossbike, das er gegen ein Bild getauscht hat, ins benachbarte Bauerndorf und lässt sich vom leicht schielenden Friseur die Haare schneiden. Manchmal besprüht er mit seiner einheimischen Graffiticrew, der ersten ihrer Art in Sichuan, Wände und Brücken. Sechs Tage in der Woche spricht er mit sich selbst, am siebten kommt sein Sprachlehrer, Freund eines Freundes. Und bleibt ein paar Stunden, um Knecht jenen Traum zu erfüllen, den er seit seiner Kindheit hegt: Chinesisch zu sprechen und zu schreiben.

In der absoluten Einsamkeit der Fremde, so könnte man sagen, in China findet Christoph Knecht 2010 zu sich, mit der Aneignung der fremden Sprachzeichen entwickelt er eine ganz eigene Zeichensprache: eine Malschrift, die über die Zeiten der Rückkehr hinaus weiter trägt.

Christoph Knecht. Plant of Opportunities, Malkasten, Düsseldorf 2018; Foto: Thomas Köster

Sechs Jahre und viele Reisen nach Israel oder Südamerika später wird er von kubistisch manierierten Händen gehaltene Pflanzen malen, deren zarte Schatten sich zu arabischen und chinesischen Schriftzeichen formen: Bilder, die nach diesen Wortschatten „Alhamdullilah“ (2015) oder „Allahu Akbar“ (2015) heißen oder „Guangxi“ (2016). Jetzt, im Jahr des Tigers, auf dem verlassenen Campus in der Stille Sichuans, beginnt eine Reihe, die Knecht „Plants of Opportunities“ nennt.

Die ersten Zähne

Rund zwei Dutzend dieser Bilder hat Knecht bis heute gemalt, und das Motiv dabei immer wieder neu ausformuliert. Dabei wuchern die Formen in ihrer künstlichen Evolution von Bild zu Bild anatomisch weiter, bekommen Wirbelsäulen, Brustkörbe, erste Zähne oder Handys (aber keine Münder oder Ohren!), entledigen sich per Spielbein ihrer Bodenhaftung oder schweben gar mit halbantiken Joggerwaden als Pflanzenmenschen in die Ferne; verbinden sich also zu neuen Lebewesen, die nicht der Gen-Schere zu verdanken, sondern – zumeist – den Farbtuben entsprungen sind. 

Mit ihren Leibern aus feinsten, aufwendig aufgetragenen Hautschichten bleiben diese anatomischen Gewächse mit ihrem Augenblättern, Armblüten, Knochentrieben und Arterienstämmen trotz alles Faunischen stets Flora. Und sind doch mehr als Wald- und Wiesenstücke – schließlich ist Knecht kein Wald- und Wiesenmaler, sondern Schöpfer eines eigenen vegetabilischen Kosmos mit carnivorischen Zügen.

Christoph Knecht. Plant of Opportunities, Malkasten, Düsseldorf 2018; Foto: Thomas Köster

Neue Welten entspringen aus der Wurzel, oder, auf den neuesten Arbeiten, auch aus einem Fuß oder aus einem Herzen. Teils sind die Bilder groß-, teils kleinstformatig, teils unentwirrbar düster wie die Dschungel Südamerikas, teils rötlich licht und aufgeräumt wie ein Gemüsegarten. Auf letzteren Gemälden zeigt sich am klarsten, dass Knecht eher von der Zeichnung und der Linie kommt als vom großen, expressiven, malerischen Gestus.

Aus der Architektur des Bildes evident

Manchmal vergeht ein halbes Jahr, bis eine dieser Möglichkeitspflanzen fertig ist. Dabei will sich der Künstler, den selbst langwierige altertümliche Verfahren nicht schrecken, vom technischen Gesetz der Serie nicht beschränken lassen. Das freie Ranken, Wuchern, Sprießen und Mäandern der Formen soll der einzige Rahmen sein.

Die Verfahren bleiben autonom, experimentell, flexibel: Mal kratzt und beizt Knecht grob überschüssige Farbe auf Bitumenfeldern ab; mal lässt er die Wälder aus dem leuchtenden Malgrund dadurch wachsen, dass er den umreißenden Hintergrund, die Schablone für das „Eigentliche“, in einer Umkehrung des Malakts erst im Nachhinein hinzufügt, die Regeln von Positiv und Negativ verkehrt  – und so, was bei der Vorzeichnung noch hinten war, nach vorne rückt.

Christoph Knecht, Atelier, Düsseldorf 2019; Foto: Thomas Köster

Mal ätzt, mal brennt, mal zeichnet er, bis aus den Teilen die chaotische Harmonie des Ganzen entsteht. Geschult am Blick der Wirklichkeit, passt am Ende alles eigentlich nicht zusammen; und doch erscheint alles aus der Architektur des Bildes heraus vollkommen evident. 

Der Relativismus des Natürlichen

In Knechts Düsseldorfer Atelier entstehen immer noch Pflanzenwelten, die beruhigend fremd sind und zugleich bisweilen unheimlich vertraut. Das ist nur logisch, denn die kulturellen Quellen, in denen Knechts Malerei wurzelt, sind eben sowohl chinesischer als auch spezifisch deutscher Natur. Seit seinem zweiten Aufenthalt in China ist Zhuangzi, Meister Zhuang, Knechts Lieblingsphilosoph: jener um 365 vor Christus geborene legendäre Heilige des religiösen Daoismus, dessen geheimnisvolle Parabeln die Lehre vom Relativismus des Natürlichen kultivieren.

Im Grunde gibt es kein Gut und kein Böse, kein Werden und Vergehen, kein Trennen und Vereinen, kein Oben und kein Unten, kein Vorne und kein Hinten, lehrt Zhuangzi: Alles ist Übergang, alles Bewegung, alles Fluss. Dieser Gedanke treibt die Malerei und Grafik der „Plants of Opportunities“ in luftige Höhen. Und strahlt bis auf die Form zurück. 

Geerdet werden Knechts eigentümlich im Unergründlichen gründelnde Bilder von historischen Pflanzendarstellungen: Einige Inspirationsquellen entspringen der „Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz“ (1885) des Kölner Botanikers, Illustrators und Pädagogen Otto Wilhelm Thomé (1840-1925). Entdeckt bei der Internetrecherche, hat Knecht eine Auswahl dieser Zeichnungen in Kopie mit auf den verlassenen chinesischen Campus genommen: Die Vorlage für die erste „Plant of Opportunities (Absinth)“ von 2010 stammt aus diesem Buch.

Christoph Knecht, Atelier, Düsseldorf 2019; Foto: Thomas Köster

Bronze-Döner und Kartoffelhandgranate

Bei Thomé finden sich aber auch jene zackig verkürzenden Verformungen von zusammengestauchten Stängeln wieder, die Knecht auf seinen jüngsten „Plants“ gezeichnet hat: Was dort offenbar dem Missverhältnis zwischen Proportionen und Blattgröße geschuldet war, wird etwa bei Knechts acrylener Handwurzelpflanze auf Papiergrund (o.T., 2017) ein probates Mittel, um das Heimische – und damit Heimelige – bäuerlicher Getreideähren zu verunheimlichen. Überspitzt und ihrer ursprünglichen Funktion als zeichnerische Notlösung beraubt, entsteht eine ganz eigene, originelle, ornamentale Geometrie.

Bei seiner Rückkehr von einem ersten Chinaaufenthalt, namentlich aus Shanghai, wo er im Alter von 19 ein Jahr lang als Englischlehrer gearbeitet hatte, habe er sich zum ersten Mal mit dem ihm ursprünglich fremden Begriff der Heimat auseinandergesetzt, sagt Knecht. Dass eines der ersten Zeugnisse dieser Auseinandersetzung, neben einem Wild penetrierenden Jäger und einer Kartoffelhandgranate, ausgerechnet ein Bronze-Döner ist, sagt viel aus über unsere kulturell gemixte und alles verschlingende globale Gegenwart.

Christoph Knecht. Plant of Opportunities, Malkasten, Düsseldorf 2018; Foto: Thomas Köster

Dem entsprechend sind drei Aquatinta-Arbeiten der „Plants of Opportunities“ von 2011 und 2012, die an mittelalterliche Kräuter- oder Arzneibücher gemahnen, auf Tortenspitzen beziehungsweise auf eine plattgedrückte Pommes-Schale gedruckt: In Knechts alchemistischem Surrealismus trifft noch das Zauberhafte aufs Profanste, Schädel auf Erdnuss, Kelch auf Entenfuß, Kopf auf Zehe, altertümliche Tuschätzung auf Fast-Food-Pappe, edles Kunstkraut auf Kaffeekränzchen. 

Heimat im Exotischen

An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig zu erwähnen, dass der 1983 in Karlsruhe geborene und in der süddeutschen Provinz aufgewachsene Knecht, der seit Jugendzeiten einen Schwarzen Gürtel in Taekwondo besitzt, schon als Kind von allem Asiatischen fasziniert war. Der Kung-Fu-Filme ebenso liebte wie die grafische Qualität der Schriftzeichen; der für Auftragsgraffitis chinesische Motive auf Garagentoren und Firmenfassaden sprühte; und der sein erstes Erspartes in keinen Commodore 64, sondern in eine Statue von Buddha investierte.

Christoph Knecht, Atelier, Düsseldorf 2019; Foto: Thomas Köster

Das Chinesische, Koreanische, Japanische, kurz: Andersartige, Andersdenkende, Anderslebende war bei Knecht seit jeher Teil jener Erinnerungen, aus denen sich beim Heranreifen Gefühle von Identität, Heimat und Verwurzelung formen. Exotisch war da vielleicht eher die kleinbürgerliche Spießigkeit in Fachwerkhäusern.

Aber: Wo ist man heute noch zuhause? Was bedeutet dem globalen Stadtnomaden kulturell noch Heimat? Eine Antwort auf diese höchst aktuelle Frage findet Knecht – natürlich! – im China des vierten (vorchristlichen) Jahrhunderts, eben bei Meister Zhuang, der postulierte, dass „im Dao allein unsere Heimat“ sei. „Die Bäume auf dem Berg berauben sich selbst, das Fett über dem Feuer brät sich selbst. Zimt kann man essen und daher werden die Zimtbäume gefällt.

Von der Nützlichkeit des Unbrauchbaren

„Lack ist nützlich, deshalb werden die Lackbäume abgehackt“, heißt es in Zhuangzis 742 unter Kaiser Xuanzong zum „wahren Buch vom südlichen Blütenland“ geadelten Schrift: „Jeder Mann kennt die Brauchbarkeit des Nützlichen, doch niemand weiß um die Nützlichkeit des Unbrauchbaren.“

Christoph Knecht, Atelier, Düsseldorf 2019; Foto: Thomas Köster

„Von der Nützlichkeit des Unbrauchbaren“: So hat Christoph Knecht 2012 eine Ausstellung im freien Projektraum „Bruch & Dallas“ am Kölner Ebertplatz genannt. Im Umfeld des heruntergekommenen U-Bahn-Brutalismus der 70er Jahre standen auch drei „Plants of Opportunites“ im Schaufenster, die mit einigem Augenzwinkern zu einer Art chinesischem Paravent zusammengebaut waren.

Zhuangzis „Nützlichkeit des Unbrauchbaren“ beschreibt nämlich auch metaphorisch treffend den gesellschaftlichen wie individuellen Wert von Kunst im Allgemeinen; und im Besonderen der Knechtschen Kunst, die bei aller Abstrahierung vom „Wirklichen“ nicht in der Abstraktion eines interesselosen Wohlgefallens vertrocknen will. 

Im erstaunlich reifen, und immer noch jungen Werk von Christoph Knecht finden sich viele unbekannte, fruchtbare, unbrauchbar-nützliche Kontinente, die es zu entdecken gilt. Wer zu entdecken anfängt, kann bei den Einwurzelwäldern der „Plants of Opportunities“ gut beginnen. (21.02.2018)

Erschienen als Beilage zu Knechts Soloshow „Plant of Opportunities“, Malkasten Düsseldorf 2018.

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