Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an: Wir sind in Urlaub. Als Überbrückungsmusik erzählt Ihnen deshalb unser AB in einer Mini-Serie, was uns mit einigen der von uns porträtierten Künstler*innen verbindet. Den Auftakt macht Karin Kneffels Kuh als Missing Link.

Das Tollste an unserem Studium in Münster war der Westfälische Kunstverein, der uns unter anderem in Form von Jahresgaben phantastische Offerten machte. 1991 waren grandiose Nutz- und Schlachtvieh-Porträts einer recht unbekannten Malerin namens Karin Kneffel im Angebot, wofür wir uns als Sauerländer sofort bewarben.

Wir erhielten den Zuschlag und entschieden uns beim Fleischbeschau vor Ort für eine Kuh in Frontalansicht, die uns der damalige Kunstvereinsleiter Friedrich Meschede persönlich verpackte. Wir hätten auch ein Schaf im Profil haben können, aber das wollten wir nicht.

Denn wenn ein paarhufiger Wiederkäuer unsere Erinnerungslandschaft bis heute beweidet, dann ist es die von ihren Kindern getrennte, da zur Milchproduktion für Menschen bestimmte und uns auf ihrer Wiese hinterm Stacheldraht mit trauriger Neugier anstarrende Kuh.

Ströme der Ställe, Ströme der Tränen

Kneffels Kuh schlossen wir sofort ins Herz. Unentwegt erfreuten wir uns an ihrer majestätischen Würde, denn für uns war sie nie Teil jener seriellen Herde, für die Kneffel sie geschaffen hatte. Sie war immer eine stolze Persönlichkeit, ein Individuum von animalischem Adel, mit den Königinnen und Päpsten der Museumswände auf Augenhöhe.

Irgendwann mussten wir unsere Sammlung ausmisten und warfen unsere Kuh in die gierigen Klauen des Kunstmarkts. Bis heute besteht eine unserer herkulischsten Taten im Verarbeiten dieser Trennung, und die Flüsse unserer Tränen fließen dabei durch unsere Herzen wie weiland die vom griechischen Heros umgeleiteten Ströme durch die Rinderställe des Augias.

Immer noch dasselbe Vieh?

Vor ein paar Jahren sahen wir unsere Kuh plötzlich auf der Art Cologne wieder. Wundervoll ausgeleuchtet, hing sie an einer Extra-Wand in der Koje eines bekannten Kunsthändlers und sah deshalb stattlicher aus denn je. Erkannt haben wir sie trotzdem sofort: Sie war nicht gealtert. Firnissen kann Karin Kneffel gut.

Wieviel sie jetzt wohl kosten mochte? Wir hätten sie gern zurückgekauft und haben deshalb neugierig nachgefragt, denn die Kühe des Kunstmarkts tragen ab einer bestimmten Marke kein Preisschild mehr am Revers. Die Antwort hat uns offen gestanden ziemlich überrascht.

Vom Viertel Rind zur ganzen Herde

Um unserer Überraschung Ausdruck zu verleihen, haben wir die diversen Preise unserer Ex-Kuh einmal in jene Tauschwährung umgerechnet, die ihrem Gegenstand entspricht:

Beim Kauf von Kneffels Kuh hätten wir 1991 fürs gleiche Geld ein Viertel Rind vom Münsteraner Fleischer bekommen, beim Verkauf vom Metzger in München immerhin schon ein halbes. 25 Jahre später wollte der Viehhändler der Art Cologne ein gutes Dutzend junger Milchkühe im besten Alter dafür haben – lebendige, wohlgemerkt.

Inzwischen war aus unserer Ex-Kuh ein goldenes Kalb geworden, dessen Preis auf keine Kuhhaut ging. Rinderwahnsinn einmal anders.

Hätten wir die Kuh noch besessen, dann hätten wir mit ihr also eine Existenz als Viehbauern im Rheinland begründen können. Was aber riskant gewesen wäre, denn irgendwie sind wir ja längst auf den Weg in eine milch- und fleischloses Epoche.

Ende des Carnivorozäns

Vielleicht werden unsere veganen Enkel die Milch- oder Schlachtkühe unserer Jugend also nur noch von jenen alten Schinken kennen, von denen auch Kneffels Kuh dann einer geworden ist. Dann wächst auf den Weiden unserer Erinnerung im Sauerland nur noch Hafermilch. Und Fleischzucht findet, wenn überhaupt, ausschließlich im 3D-Drucker oder in der Petrischale statt.

Ob Kneffels Kuh dann noch einen Pfifferling wert ist auf dem Kunstmarkt? Uns wäre es egal. Wir würden ihr jederzeit wieder ein Heim herrichten – diesmal standesgemäß an den Wänden unserer KunstArztPraxis. (04.07.2022)

Kneffels Kuh in unserer Studenten-WG, Münster 1992 (oder 1993?)

Anmerkung: Für unsere Kunsterziehung war der Westfälische Kunstverein auch unter Meschedes Nachfolger Heinz Liesbrock wegweisend, und hätten wir als Studenten nur etwas mehr Geld für Jahresgaben besessen, dann hätten wir uns bis zum Ende unseres Studiums eine stattliche Sammlung mit Arbeiten von Ulrich Erben, Eduardo Chillida, Stephen Shore, Franz Erhard Walther, Günther Förg, Josef Albers, John Cage, Ernst Wilhelm Nay, Claes Oldenburg, Marina Abramovic, Eduardo Chillida, Hans Haacke, Andreas Gursky, Nam June Paik, Dan Graham, Tony Cragg, Roni Horn oder Per Kirkeby aufbauen können. Deshalb posaunen wir es hiermit in die Welt: Veräußert Eure Deutsche-Bank-Aktien! Kauft Jahresgaben!!

Karin Kneffel in der KunstArztPraxis:
Von surrealer Gegenwart: Karin Kneffel in Brühl
Reine Bildgebung (10): „Im Augenblick“ in Brühl

Sommerloch-Porträts der KunstArztPraxis 2021:
Sommerloch-Porträts (3): Robert Wilsons Mund
Sommerloch-Porträts (2): Pierre Huyghes Hund
Sommerloch-Porträts (1): Tim Burtons Hand

Homepage des Westfälischen Kunstvereins

Sommerloch-Porträts (4) Karin Kneffels Kuh

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Ein Gedanke zu „Sommerloch-Porträts (4) Karin Kneffels Kuh

  1. Sehr schön! Ich freue mich schon auf weitere Tiergeschichten im Sommerloch!

    Antwort KunstArztPraxis: Danke schön! Allerdings kommen nur noch Geschichten zu einem Kern (Ai Weiwei) und einer Gurke (Erwin Wurm)! Aber die Pflanzen sind ja ohnehin die Tiere von heute.

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