Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an: Wir sind in Urlaub. Als Überbrückungsmusik erzählt Ihnen deshalb unser AB in einer Mini-Serie, was uns mit einigen der von uns porträtierten Künstler*innen verbindet. Heute: Ai Weiweis Sonnenblumenkern als Missing-Link.

Bekanntlich haben wir an anderer Stelle schon begonnen, allerdings eher harmlose KunstArztPraxis-Geheimnisse auszuplaudern, aber hier kommt jetzt etwas wirklich Heftiges, echt Verbotenes, komplett Kriminelles: Wir haben nämlich mal ein Kunstwerk Ai Weiweis gestohlen!

Naja, eigentlich war es nur ein Fast-Diebstahl. Und es war auch gar kein ganzes Kunstwerk, sondern nur ein Teil davon. Ein 60 Millionstel Teil, um genau zu sein. Dafür waren wir aber wild entschlossen, wir schwören! Aber dann kam es wie gesagt anders.

Statt zu Dieben wurden wir zu verkappten Hehlern, Opfern eines Kunstfälscher-Ringes und letztendlich selbst zum Teil eines noch viel größeren Kunstwerks, von dem bisher kaum jemand weiß. Tolle Geschichte, oder?

Doch erzählen wir lieber erst einmal der Reihe nach.

Hier sind wir zwar noch nicht mutterseelenallein, dafür aber schon ganz weit unten

Alles begann im Mai 2019 im K20 in Düsseldorf. Dort hatte Ai Weiwei auf rund 650 Quadratmetern in der Klee-Halle in einem zweiten Aufguss 60 Millionen handbemalte, ursprünglich für die Londoner Tate gefertigte Keramik-Sonnenblumenkerne aufschütten lassen.

1.600 Menschen in Chinas Porzellan-Hauptstadt Jingdezhen hatten sie in über zweijähriger Handarbeit mühsam und geduldig für die Installation „Sunflower Seeds“ (2010) gebrannt und bemalt. 60 Millionen Unikate, die jetzt in Düsseldorf in der Masse zu versanden drohten.

„Everything is art.
Everything is politics.“

Ai Weiwei

Von Berufs wegen waren wir schon zwei Tage vor Ausstellungseröffnung mutterseelenallein und unbeobachtet in der großen Halle. Die Möglichkeit zum Diebstahl war also da, als die Idee in uns keimte. Und tatsächlich hatte Einer von uns das Korn schon fast in der Hand.

Wir waren zum vermeintlichen Schnürsenkel-Binden vorm Kunstwerk niedergekniet, besagter Einer sollte das Korn im Schuh verschwinden lassen. Die Saat des Verbrechens steckte in Gedanken schon zwischen Socke und Leder. Der Rest indes war moralinsaures Scheitern.

Dabei waren wir damals unisono überzeugt, dass der Diebstahl eine konzeptionelle Aktion im Sinne Ai Weiweis gewesen sein würde. Immerhin hätten wir das Individuum vom zermahlenden Druck der Masse befreit und damit (symbolisch) ein Hauptziel der politisch-anarchistischen Idee des Künstlers erfüllt. Oder etwa nicht?

Das schreit förmlich nach Befreiung: „Sunflower Seeds“, Düsseldorf 2019

Später erfuhren wir, dass Ai Weiwei ganz anders – nämlich in bürgerlichen Eigentumskategorien – dachte: Nicht zuletzt wegen des Massendiebstahls seiner Kerne in der Londoner Tate hatte er 2010 aus der zunächst begehbaren Installation nach kurzer Zeit eine rein beschaubare gemacht.

Vom Fast-Dieb zum Hehler?

Massendiebstahl? Diese Information weckte unser neuerliches Interesse. Wir recherchierten. Und tatsächlich wurden wir bei einem bekannten Online-Auktionshaus fündig. Hier bot man uns ganz offiziell aus verschiedenen Quellen Pakete von je 100 angeblich in der Tate gestohlenen Sonnenblumenkernen an. Wir beschlossen, zumindest diesen Kunstraub honorierend zu belohnen und wurden so zu Hehlern.

Wie groß aber war das Erstaunen, als uns die Sonnenblumen nicht wie angekündigt aus London, sondern aus Jingdezhen selbst zugesandt wurden – die heiße Ware unter falscher Deklarierung als „ceramic melon seeds“ am Zoll vorbei also aus dem Herkunftsland China herausgeschmuggelt worden war!

Auf der Rückseite steht: „Von zollamtlicher Behandlung befreit“

Offenbar saßen in Chinas Keramik-Hochburg noch immer Menschen, die von der Produktion Ai Weiweischer Sonnenblumenkerne lebten. Ob der Künstler davon wusste? Ob er es tolerierte? Wir jedenfalls waren aus krimineller Gier offenbar Kunstfälschern aufgesessen.

Das unterirdische Leben der „Sunflower Seeds“

Bei uns sorgte der Vorfall dafür, noch einmal grundsätzlich über Konzeptkunst im Allgemeinen und die „Sunflower Seeds“ im Speziellen nachzudenken.

Hätte zum Beispiel unser dann doch nicht gestohlener Sonnenblumenkern seinen Kunst-Status verloren, sobald wir ihn aus den „Sunflower Seeds“ heraus in den Schuh gesteckt hätten? Und wäre das 60-Millionen-Kunstwerk Ai Weiweis durch die Neugestaltung unserer Entnahme im Gegenzug nicht auch irgendwie unser 59.999.999er-Kunstwerk geworden?

Waren die „echten“ Sonnenblumenkerne in Düsseldorf eher Kunst als die „falschen“ aus Jingdezhen? Und schrieben die Jingdezhener*innen nicht dadurch, dass sie weiterhin Sonnenblumenkerne nach der Vorgabe Ai Weiweis brannten und bemalten, die „Sunflower Seeds“ im Geheimen weiter?

Ai Weiwei, „Sunflower Seeds“ (2010), Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2019

Oder schufen ebenjene Jingdezhener*innen sogar dadurch, dass sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit Hilfe des Internets ihre Kerne in aller Herren Länder verschicken, ein eigenes, noch viel größeres, phantastischeres, weltumspannendes, trotz seiner Materie immaterielles Kunstwerk?

Ein Kunstwerk, das Ai Weiweis Frage nach Individuum und Masse, Kreativität und Gleichschaltung. Kommunikation und Propaganda, Natur und Kultur noch viel eindrücklicher stellte als das vom umweltzerstörenden Kapitalistenkonzern Unilever gesponserte Original?

„Made in China Made in Germany“

Wenn all dem so wäre, wie wir es hier imaginieren, dann wären wir sehr stolz darauf, dieses geheime globale Kunstwerk der „Extended Sunflower Seeds“ nicht nur als Mäzene, Hehler und Opfer, sondern auch als Partizipatoren vergrößert zu haben. Unsere kriminelle Energie hätte sich dann aus unserer Warte in etwas moralisch Gutes, Großes, Einmaliges „Made in China Made in Germany“ verwandelt. Und daran wollen wir gerne glauben. (11.07.2022)  

Anmerkung: Bis heute ist uns schleierhaft, wie es für einen ausgewiesenen Staatsfeind wie Ai Weiwei möglich gewesen sein kann, ein ganzes Dorf in eben diesem auf komplette Kontrolle ausgerichteten Staat dafür einzuspannen, staatskritische Kunst zu produzieren. Wie geht so etwas, Ai Weiwei? War das wirklich so? Aber wenn ja, dann: Hut ab!

Sommerloch-Porträts der KunstArztPraxis:
Sommerloch-Porträts (4): Karin Kneffels Kuh
Sommerloch-Porträts (3): Robert Wilsons Mund
Sommerloch-Porträts (2): Pierre Huyghes Hund
Sommerloch-Porträts (1): Tim Burtons Hand

Homepage der Kunstsammlung NRW

Joseph Beuys auf dem Sprung in Ai Weiweis Sonnenblumenkerne-Bad, Sommer 2022
Sommerloch-Porträts (5): Ai Weiweis Kern

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