Der Transformator. Günther Uecker in Remagen
In einer fulminanten Schau im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigen rund 50 Arbeiten von Günther Uecker (1930-2025), dass der rote Faden im Werk des Künstlers keineswegs der Nagel ist. Nein, weit gefehlt! Der rote Faden ist die Transformation von Welt & Wirklichkeit in Kunst. Also von Banalität & Grausamkeit in Poesie.
Im Tagebuch von Hermann Melville haben wir eine Lieblingsstelle. Sie stammt aus einer Zeit, in der sich der Autor auf seine Farm „Arrowhead“ in Massachusetts verkrochen hatte, um „Moby Dick“ (1851) zu schreiben.
„Jetzt, da alles mit Schnee bedeckt ist, habe ich hier auf dem Lande das Gefühl, als wäre ich auf hoher See“, heißt es dort. „Morgens, wenn ich aufstehe, schaue ich aus dem Fenster wie aus dem Bullauge eines Schiffs auf dem Atlantik.“
Wintergerste, Wind und Wellen
Wir mögen die Vorstellung, dass sich die Aggregatzustände der Welt im Blick des Betrachters poetisch verwandeln können. Dass sich etwas wie Schnee in Meer transformieren kann für den, der eine Sehnsucht in sich trägt.
Eine Sehnsucht nach Heimat zum Beispiel, in Form von Erinnerung. Und, ja: Uns geht es bei den poetischen Nagelfeldern von Günther Uecker ganz ähnlich.
Wenn wir an denen vorüberziehen, dann ist uns, als sähen wir plötzlich die Wintergerste unserer Kindheit im Sauerland wieder: aus der Luft, wie weiße Vögel.
Wogend als Wellen im Wind. Und im Licht.

Foto oben: Günther Uecker, „Weisser Vogel (1-5)“ (2000, Detail), in Japan
entstanden. Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026.
Ach ja. Auch über Günther Ueckers Reisen ließe sich viel sagen.

Der Vater! Der Krieg! Die Russen!
Wie wir vermuten, wird es beim Vorüberziehen an Ueckers Nagelfeldern einigen so ergehen.
Selbst Günther Uecker erging es, als er 1957 in Düsseldorf erstmals Nägel in eine gleißend weiße Leinwand schlug, im Hinblick auf seine Bauernhofs-Kindheit auf der Halbinsel Wustrow in der Mecklenburger Bucht, mit Wind & Licht & Ähren transformatorisch vorm fertigen Bild nach eigener Aussage ebenso.
Auch wenn diese Kindheit – Der Vater! Der Krieg! Die Russen! – schön gar nicht war.
„Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit ein Widerstand erzeugt wird, sodass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben.“
Günther Uecker


Auch in Remagen wehte für uns einmal mehr die Wintergerste.
Wir schritten staunend durch einen kleinen Wald aus Totholz-Stämmen, die Ueckers Nagel-Kronen zum Blühen brachten.
Vom Konsum- zum Nagel-Fetisch
Wir haben zu einer wundervollen, federleichten „Weiße Kugel“ (1961) hinaufgeschaut: ein Miniatur-Planet, um den für uns ein ganzer Kosmos kreist.
Und wir blickten bewundernd auf „TV auf Tisch“ (1963), mit dem Günther Uecker einen Banalitäts-Fetisch in einen einmaligen, spezifisch westlichen Nagel-Fetisch verwandelt hat.
Wie Voodoo mit Nadeln eben. Nur ganz anders.
Foto oben: Günther Uecker, „TV auf Tisch“ (1963),
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026
Der durch seine zweite Haut mittels Zerstörungs- UND Schöpfungsenergie in Personal-Union zu einem halbbarocken Irokesen-Faszinosum geworden ist.
Poetische Transformation in einen neuen Aggregatzustand. Schnee und Meer. Siehe Melville.

Verletzungen – Verbindungen
Es gibt also auch in Remagen viele Nägel. Aber es gibt auch eine Leinwand, die Günther Uecker mit Pfeilen durchbohrt hat wie die numidische Bogenschützen dem Heiligen Sebastian die Haut.
„Arrowhead“! Capisce?
Und es gibt Tucharbeiten, deren zerrissene Grundlage Uecker mit Holz-Prothesen neu verknotet hat: „Verletzungen – Verbindungen“ (1982), Textile Transformationen, die den Ausstellungs-Titel: „Verletzlichkeit der Welt“, mindestens eben so gut illustrieren wie die brutaleren Nägel.
Und die zeigen, wie vielseitig Günther Ueckers Kunst im Grunde war.

Foto oben: Weltpremiere! Günther Ueckers „Tanzende Nadel für Pina Bausch“ (2019) ist im
Arp Museum erstmals im Einsatz. Die Nähmaschine nähte früher
tatsächlich die Kleider für Pina Bauschs Tänzerinnen.

Eins haben wir in Remagen gelernt: Die Nägel sind gar nicht der rote Faden in Günther Ueckers Werk! Sie sind nur EIN – wenn auch zentrales – Mittel zur Verwandlung von Welt & Wirklichkeit.
Einer Verwandlung übrigens, die 1964 auch den Bahnhof Rolandseck mit einband: nämlich, als Ueckers Freund Johannes Wachsmuth beschloss, aus dem ruinösen Gemäuer einen Künstlertreff zu machen.
Inbesitznahme durch Umformung
Damals nahm Uecker das Haus mit einer Nagel-Spur in Besitz, die sich vom Vorplatz des spätklassizistischen Gebäudes durch den innenliegenden Treppen-Turm bis ins oberste Stockwerk zog: die Aneignung des Raums mit Hilfe der Kunst für die Künste.
So schließt sich am Rolandseck der Kreis.


Vorm Aufzug, der zur Ausstellung nach oben in den Meier-Neubau führt, läuft der Schwarz-Weiß-Film „Die Treppe“, der die Aktion von damals dokumentiert und dabei zeigt, wie beeindruckend schnell & stilsicher Ueckers Inbesitznahme verlief.
Am Himmel flirrt die Wolke
Und im Zentrum der Schau selbst steht Günther Ueckers „Bett zum Aufwachen“ (1965), das der Künstler Herrn Wachsmuth baute, als im Bahnhof noch die Ratten wohnten.
An seinem Himmel flirrt eine Wolke aus Nägeln, die Johannes Wachsmuth beim Erwachen sah. Und die sich, bis zu den Augen, am Scheitel verlängert.
Erzeugter Widerstand gegen den Schutt der Realität am Boden.
Foto oben: Man muss die Matratze mitdenken!
Günther Uecker, „Bett zum Aufwachen“ (1965),
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026

Günther Uecker hat einmal gesagt, er habe der grausamen Absurdität der Welt – Der Vater! Der Krieg! Die Russen! – die Sinnlosigkeit der Kunst entgegenstellen wollen: Noch so eine Transformation ins Poetische, die ihm gelungen ist.
Bestes Sinnbild hierfür ist in unseren Augen die „Sandmühle“ (1969/2014), die im Arp Museum jetzt ihre Furchen durch einen fruchtlosen Rund-Acker aus Mineralkörnern zieht – ganz ohne Esel oder vielleicht ja sogar glücklichen Sisyphos. Sehr reiche arte povera.
Mal melancholisch, mal Humor
Dass diese Sinnlosigkeit nicht immer derart melancholisch ein muss, sondern bei Uecker oftmals mit Humor einhergeht, kann man am besten an seinen Krachmaschinen sehen, die lauter gegen die Phrasendresch-Apparaturen der Macht anschreien als ihre oftmals pompöseren Pendants bei Jean Tinguely*.
*auch dazu hatten wir schonmal etwas in der KunstArztPraxis.
Aber dann kam die Unsichtbarkeits-Maschine und hat es gefressen.


Wie Humor beim Künstler selber aussah, durften wir bei einem Foto-Shooting zur großen Retrospektive 2015 im K20 in Düsseldorf hautnah erleben.
Für uns machte Guenther Uecker sich unterm Toupet einer übermannshohen Rasenmäher-Dame unsichtbar. Er spielte über Kopf die eher sanft gestimmte Massage-Schreibmaschine wie Mozart hinterrücks Klavier.
Er dirigierte seine Plastik „New York Tänzerin“ (1962), deren – natürlich von einem Nagel! – auf dem Motoren-Sockel gehaltenes Tuch per Fußdruck wirbelnd in die Lüfte abhob wie ein Derwisch.
Und er hatte, immer & immer wieder, eine unbändige Freude daran.

Auch diese unbändige Freude dachten wir bei unserem Besuch im Arp Museum selbst dort noch mit, wo es dank der zumeist dann doch mit hämmernder Schlagkraft erzeugten Transformationen zauberhaft leise war.
Und mit jedem Verstummen einer zuvor von Irgendjemand in Gang gesetzten Krachmaschine – in Remagen steht mit Ueckers „Dynamischem Paar“ (1965) ein gleich doppelt lautes Exemplar! – noch ein bisschen zauberhafter leiser wurde.
Ein Schraubstock aus Zeichnung
Und dann gibt es in Remagen auch noch Günter Ueckers riesige Zeichnungen.
In Düsseldorf schwebten sie 2015 in Bahnen von der Decke, man konnte sich zwischen ihnen vollends verlieren. Im Arp Museum bilden zwei von ihnen an den Wänden eine Schneise wie die offenen Backen eines Schaubstocks.
„Brief an Peking“ (1994), mit der Günther Uecker halb unter Farbe verborgene Worte der Menschenrechtserklärung per Ausstellung trojanergleich nach China schmuggelte.
Und „Große Zeichnung“, an der er im selben Jahr, wie immer in weißer Latzhose und ohne Oberteil, mit Finger-Pinseln gewerkelt hat (auch der Künstler-Körper lässt sich transformieren).

Foto oben: „Brief an Peking (Menschenrechte)“ (1994, hinten),
hier: Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2015

Hätte Herman Melville von der Erde abheben können wie Günther Ueckers New Yorker Tänzerin, damals, im Winter, im Bett beim Aufwachen, als er auf seiner Farm „Arrowhead“ an „Moby Dick“ geschrieben hat – und hätte er vom Himmel hinab auf die zum Meer verschneiten Felder geschaut wie durch das Bullauge eines Schiffs:
Genau so wie auf Günther Ueckers „Großer Zeichnung“, da sind wir uns sicher: Genau SO wirbelnd & wehend hätte der Atlantik von Massachusetts dann in seiner poetischen Verwandlung aus der Vogelperspektive ausgesehen.
(22.02.2026)
„Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ ist noch bis zum 14. Juni 2026 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Es ist die letzte Schau, an der der Künstler noch mitarbeiten konnte. Und es ist die letzte Schau von Kuratorin Jutta Mattern, die uns viele schöne Ausstellungen geschenkt hat. Danke, Jutta Mattern! Den umwerfend schöne Katalog, zu dem wir auch ein Porträt-Foto von Günther Uecker beisteuern durften, hat übrigens Franziska Nast gestaltet, die in den selben Räumen wie jetzt Uecker 2023 auch eine Ausstellung hatte. Wow.! Noch so ein am Rolandseck sich gerade schließender Kreis.
Bonus-Track: „Günther Uecker“, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2015
Das Arp Museum in der KunstArztPraxis:
Romantik in cold blood. Hausbesuch bei Axel Hütte
Reine Bildgebung 24: Kiki Smith im Arp Museum
Unser Totem: der Wolf. Kiki Smith in Remagen
Was die Natur vergaß: Christiane Löhr in Remagen
Die Haut der Seele: Berlinde De Bruyckere in Remagen
Stella Hamberg: Kraft und Sinnlichkeit
Überall Tatoos: Franziska Nast in Remagen
Freiheit durch Weglassen: Rodin und Arp in Remagen
Wir sind geheilt! “Goldene Zeiten” in Remagen
Paula Modersohn-Becker in Remagen: Frau = Birke
Warum überflüssig? “Luxus und Glamour” in Remagen


Danke, liebe Kunstärzte, für diesen schönen Bericht zur Uecker-Ausstellung. Ich war bei der Eröffnung, da war natürlich ziemlich viel los. Jetzt hab ich Lust, nochmal hinzufahren, um in Ruhe und mit euren Worten im Hinterkopf alles anzusehen.
Viele Grüße von Anke