Monde aus Pusteblumen, Kuppeln aus Grasstengeln und Flechtröhren aus Pferdehaar: Christiane Löhr schafft aus Natur neue Welten. Im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden kann man das bestaunen. Und in ihrem Kölner Atelier.

Christiane Löhr, Atelier, Köln, 2018; Foto: Thomas Köster

Volumen, Größe, Abstand, Leere, Fülle: Das sind die Probleme, die Christiane Löhr interessieren. „Im Grunde arbeite ich an den klassischen Themen der Bildhauerei“, sagt die Kölner Künstlerin Allerdings beschäftigt sich Löhr nicht mit Marmor, Bronze oder Stahl, sondern mit Distelsamen, Pusteblumen, Grasstengeln und Pferdehaar. Es sind Werke, die sich das Kleben der Kletten oder das Zusammenballen der Distelsamen zu Eigen machen, um daraus neue Architekturen zu formen.

Denn Löhr ist nicht daran interessiert, die Welt in einem Verfahren des künstlerischen Naturalismus nachzuahmen. Sie folgt der Logik des Bausteins, um daraus Komplexe zu komponieren, die sich vom Natürlichen entfernen und, auf die Eigenschaften des Ausgangsmaterials aufbauend, nach ganz eigenen Gesetzen funktionieren.

Christiane Löhr, Atelier, Köln 2018; Foto: Thomas Köster

Titel als Identitätsstifter

„Wenn ich in den Wald gehe und eine Arbeit pflücke, nehme ich sie aus dem Kreislauf des Werdens und Vergehens“, sagt Löhr. Mindestens zwei Tage lässt sie ihre Materialien im Atelier trocknen, dann sind sie reif für die künstlerische Zeitlosigkeit.

Außer den vorgefundenen Materialien verwendet Löhr nichts, nicht einmal Kleber. Die an die Wand gehefteten oder in ihre Sockel gesteckten Objekte sind also genauso zerbrechlich, wie sie erscheinen. „Alles ist sehr einfach und bodenständig“, sagt Löhr. „Bei mir gibt es keine Tricks, und wenn man genau hinsieht, kann man sogar den Prozess sehen, nach dem ich gearbeitet habe.“ Bei Löhr ist alles Handarbeit, selbst Pinzetten kommen selten zum Einsatz. „So, wie man es sieht, ist es passiert.“

Christiane Löhr, Atelier, Köln 2018; Foto: Thomas Köster

Selbst die Titel verklären nichts, sondern sind nur dazu da, den unglaublich präsenten Arbeiten „eine Identität zu geben“. Nach einem strengen Grundplan geschaffen, entfalten Löhrs Werke ihre Wirkung, die sich gerade in diesem Oszillieren zwischen Nähe und Distanz, Struktur und Freiheit, natürlichem Impuls und künstlerischer Aneignung vollzieht.

Poesie der Weichheit

„Weichheit“ hat Jannis Kounellis, dessen Meisterschülerin Löhr war, diesen permanenten Übergang im Werk der Künstlerin genannt. Mit Kounellis verbindet Löhr die Meisterschaft, vermeintlich „arme“, kleine Materialien zu lyrischer Größe zu treiben. In ihrer Konsequenz ist sie dabei vielleicht noch ein wenig radikaler als der 2017 verstorbene griechische Meister der „arte povera“.

Und tatsächlich kommt man bei den Arbeiten der Kölner Künstlerin eigentlich nur mit Metaphern weiter. Wären die Werke Löhrs nicht Skulptur-Texturen, dann wären sie wohl Gedichte. (02.03.2018)

Zuerst auf wdr3.de.

Homepage von Christiane Löhr

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