Vergesst Versailles: Wir haben Morsbroich! Und damit ein Museum, das sich originell auf seine Tradition als Rokoko-Lustschloss beruft – und sich in der “spielzeit” unter neuer Leitung zugleich ganz bewusst für die Zukunft rüstet. Motto: Wie wird ein Museum der Gegenwartskunst ein gegenwärtiges Museum?

Im Frühling unseres Lebens reisten wir mit Stefan Zweigs Marie Antoinette belletristisch nach Versailles. Im Herbst waren wir leibhaftig da.

Wir sahen die Wasserspiele hinterm Schloss, die die gestutzte Natur auf der Sichtachse zum Spektakel machten. Wir sahen die Kutschen, in denen die höfischen Damen wegen ihrer grotesk à la mode hochtoupierten Haare am Ende knien mussten.

Und wir sahen Marie Antoinettes Neverland Hameau de la Reine: jenes von Stararchitekten entworfene und mit Schmuckbauern und Schmuckhirten ausstaffierte Fake-Dorf im englischen Garten hintern Lustschloss Petit Trianon, in dem sich die Königin als Milchmädchen verkleidet einfach träumte.

Oder bei Konzerten, Theateraufführungen und Gartenpartys ihren Käse feilbot.

„Ich habe Angst mich zu langweilen.“

Marie Antoinette

Aber das Milchmädchen hatte die Rechnung bekanntlich ohne das echte Volk gemacht: Das ging 1789 auf die Barrikaden, nachdem ihm sogar der Kuchen ausgegangen war. 1793 wurde selbst die Stadtresidenz französischer Könige als „Zentrales Kunstmuseum der Republik“, vulgo: Louvre, öffentlich. Für Menschen unter 26 Jahre – Völker, hört die Signale! – ist der Eintritt bis heute frei.

Kunststätten hungriger Bürger*innen

In Deutschland gab es immer reichlich Kuchen, weshalb Revolten bisher kläglich scheitern mussten. Trotzdem existieren auch hierzulande Ex-Herrschaftssitze, die inzwischen Stätten kunsthungriger Bürger*innen sind. Und sogar welche, die nicht den Adelsmuff aus tausend Jahren präsentieren, sondern Lustschlösser sind für aktuelle Kunst.

Das Neverland der Königin? Mitnichten: Mark Dions Hexenhaus in Morsbroich, Leverkusen 2022

„Die Leute glauben, es sei einfach,
die Königin zu spielen. Aber sie irren.“

Marie Antoinette

Das unter Napoleon säkularisierte Schloss Morsbroich – das älteste Museum für Gegenwartskunst der Republik – ist so ein Fall. Mit einem Wasserspiel von Jeppe Hein. Einer Licht-Theater-Bühne von Micha Kuball. Und seit Oktober offiziell mit einem Hexenhäuschen von Mark Dion, das Marie Antoinettes Neverland alle Ehre gemacht hätte.

Wir hatten da ja mal ein Mietangebot ans Schwarze Brett unserer KunstArztPraxis gepinnt. Jetzt wohnt, wie wir nachweisen konnten, eine echte Hexe drin.

Lustschlösser zu Luftschlössern!

Mit derlei zeitgemäßen Schloss-Preziosen besinnt sich das Museum Morsbroich spielerisch seiner Rokoko-Tradition. Dazu gehört auch, dass Ausstellungen neuerdings „spielzeiten“ heißen und durch opulente Kunst-Feste höfischen Ausmaßes eingeläutet werden – in diesen Jahr samt illuminierten Prozessionen, Fragonard-Schaukeln unter freiem Himmel sowie einem orchestral hochbesetzten Requiem – ganz zeitgemäß für einen toten Baum.

Und lecker Kuchen gab es auch.

„Wie wird aus einem Museum der Gegenwart
ein gegenwärtiges Museum?“

Jörg van den Berg
Demokratisches Rokoko: Projekt „Parklabyr“ (2022) von Margit Czenki & Christoph Schäfer

Gleichzeitig aber erfindet sich Morsbroich unter seinem neuen Direktor Jörg van den Berg gerade neu (wenn wir das Neue mal in diese abgedroschene Formulierung packen dürfen). Das ist ein langer Prozess, weshalb die „spielzeit #1“ des Frühjahres und Sommers jetzt um die „22/23: spielzeit“ vom Herbst über den Winter bis in den kommenden Mai verlängert worden ist. Das Neue baut auf dem Alten auf.

So sieht man die Fortschritte, die das von Margit Czenki & Christoph Schäfer konzipierte „Parklabyr“ unter dem Motto „Luftschlösser bauen!“ für die demokratische Neugestaltung des Schlossparks gemacht hat. Oder man kann verfolgen, wie unterschiedlich Tilo Schulz die Innenarchitektur des Museums mit ihren schwer bespielbaren Durchgangsräumen zu inszenieren versteht:

In der „spielzeit #1“ hatte er die eng geschnittenen Räume durch eine Skulptur an der Sichtachse miteinander verbunden und zum Spektakel gemacht; jetzt versperrt er den Besucher*innen Weg und Blick.

Verbindend, verbauend: Tilo Schulz in „spielzeit #1“ (oben) und „22/23: spielzeit“ (unten)

Wie das Leben wirklich ist

Neu ist unter anderem eine Wunderkammer des verdienstvollen Kölner Verlegers Gerhard Theewen, die sein editorisches Werk mit Beispielen aus seiner Sammlung verknüpft. Das Einhorn aus der „spielzeit #1“ ist (eingepackt) noch da.

Neu ist auch ein Raum, den die Künstlerin Antje Schiffers inszeniert hat. Schiffers malt Bilder der Höfe von Bäuerinnen und Bauern in Deutschland, Österreich. Spanien, Rumänien, Mazedonien, der Schweiz oder Südafrika  – und tauscht die Bilder gegen Filmmaterial, mit denen die Hofbesitzer*innen ihr oft hartes Leben dokumentieren: ein ebenso realer wie konzeptioneller Einblick in einen ganz anderen höfischen Alltag aus aller Welt.

Wäre Marie Antoinette ähnlich sensibel gewesen, statt Milchmädchen-Rechnungen aufzustellen und dem Adel Käse vom Landleben feilzubieten, wäre die Geschichte für sie wohl nicht so dumm gelaufen.

Antje Schiffers,  „Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben“ (seit 2000)

Die Revolte hat gefruchtet

Ach ja, zur historischen Einordnung: Als die Berater den Mächtigen im Rathaus von Leverkusen vor Jahren empfahlen, einen Aufstand von oben zu proben und den Kulturkuchen des Museums komplett selbst zu verschlingen, ging ein Aufschrei der Entrüstung durchs kunsthungrige Bürgertum. DIESE Revolte HAT dann doch mal gefruchtet: Inzwischen kommt, so hört man, selbst der Bürgermeister gern vorbei. Und es werden, wie oben ausgeführt, in Zukunft sogar größere Brötchen gebacken.

Die Spielzeit 22/23 sei hiermit also allen Bürger*innen zum Lustwandeln durch Gegenwartskunst dringlich anempfohlen. Und auf Wunsch bringt einen die Kutsche – vulgo: der Öffentliche Nahverkehr – sogar bis vor die Schlosstür. (31.08.2022)

Gerhard Theewens Wunderkammer, Museum Morsbroich, Leverkusen 2022

„22/23: spielzeit“ ist noch bis Mai 2023 im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen.

Anmerkung 1: Jaja: Wir wissen, dass Marie Antoinette nie gesagt hat, das Volk solle doch Kuchen essen, wenn es keine Brötchen habe. Das hat nicht mal Rousseau ihr in den Mund gelegt. Und außerdem war es Brioche.

Anmerkung 2: Auf Schloss Morsbroich können selbst Bäuer- oder Schäferinnen ein bisschen Marie Antoinette spielen und wenn schon nicht im Spiegelsaal von Versailles, so doch in seinem etwas kleineren Leverkusener Pendant heiraten. Und zwar seit kurzem am monatelang mühsam handgefertigten, auf sehr originelle Weise repräsentativen Ja-Tisch der Schweizer Künstlerin Andrea Wolfensberger. Nur so als Anregung.

Mooo-ment! Wie waren denn nun die „Morsbroicher Kunsttage 03“?

Wir hatten es ja schon beschrieben: Während des Auftaktwochenendes (16.09.-18.09.2022) gab es den Regenschadenszauber einer neidischen Wetterhexe! Aber es war trotzdem voll & toll. Die Party fand einfach zum Gutteil drinnen statt. Und der Sturm und der Regen gaben den Performances eine ganz eigene, Erfindungsgeist provozierende Note.

Und hier noch ein paar Bilder.

Und wie waren nochmal die „Morsbroicher Kunsttage 02“?

Schön war’s! Die „Morsbroicher Kunsttage 02“ (13.05.-15.05.2022) waren eine wundervolle Neuauflage der erst- und letztmalig vor rund 60 Jahren stattgefunden habenden gleichnamigen Veranstaltung. Kreativ, inspirierend, lecker. Und den Außenraum schon einbeziehend.

Und hier noch ein paar Bilder.

Das Museum Morsbroich in der KunstArztPraxis:
Morsbroich: Hexenhaus mit Schlossblick ist vermietet!
Morsbroich, zu vermieten: Hexenhaus mit Schlossblick!
Zukunft mit Einhorn: “spielzeit #1” in Leverkusen
“spielzeit #1” mit eröffnen: “Morsbroicher Kunsttage”
Reine Bildgebung (5): “Das Ensemble” in Leverkusen
Mehr Licht (3): Mischa Kuball in Leverkusen (Leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Museum Morsbroich: Jetzt spricht das Ensemble! (Leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)

Homepage des Museums Morsbroich

Museum Morsbroich: „spielzeit“, nächste Runde

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