Für ihr Ausstellungsdebüt als Marta-Direktorin präsentiert Kathleen Rahn zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder Teile der Museumsbestände in den großen Gehry-Galerien: ihre persönlichen „Perspektiven der Sammlung“. Aus dieser Inventur lassen sich Visionen entwickeln! Wir erläutern das an drei Fahrrädern.

Wenn wir ein Fahrrad im Museum sehen, kommt uns unweigerlich Andreas Slominskis Quelle-Rennrad „Ohne Titel“ von 1991 in den Sinn: ein über und über mit abgewetzten Tragetaschen behängtes und durch ein Kabelschloss gesichertes Objekt, das der Künstler, wie man damals munkelte, einem echten Obdachlosen abgekauft haben soll. Der Direktor des MMK Frankfurt, Jean-Christophe Ammann, zeigte es uns 1993.

Ein zusammengesammeltes Leben war im Museum zum Stillstand gekommen, und wir fragten uns instinktiv, ob nicht die museale Ironie (Rennrad! Kabelschloss!) zynisch sei oder sich Slominski gar schuldig gemacht habe. Denn es war ja nicht sicher, ob der Obdachlose den neu gewonnenen Reichtum in eine bessere Existenz investiert – oder alles komplett versoffen hatte.

Fahrräder, die Geschichten provozieren

Insofern waren wir dem Fallensteller Slominski auf den Leim gegangen, denn wir waren augenblicklich mit gesellschaftlich relevanten Aspekten konfrontiert, die auch unsere eigenen Vorurteile betrafen. Bis heute ist uns solche Kunst am liebsten: eine, die als Vehikel in uns Fragen auslöst, statt Antworten zu geben. Oder Geschichten provoziert.

Geschichten, die uns hinaustragen in die oft ja ungerechte Welt. Oder hineintragen in die eigene Phantasie. Zu einem Fahrrad Patrick Tuttofuocos, das in der Ära Nachtigäller fürs Marta erworben wurde, haben wir an anderer Stelle eine solche Geschichte einmal aufgeschrieben.

Susanne Albrecht, „Fahrrad umwickelt, angelehnt“ (2015), Marta, Herford 2022

Momentan steht wieder ein Fahrrad im Marta, diesmal von der Künstlerin Susanne Albrecht. Es gehört zur Ausstellung „Perspektiven einer Sammlung“, mit der die neue Direktorin Kathleen Rahn die Museumssammlung aus ihrer Sicht teils kritisch hinterfragt.

Ein Rennrad ist es nicht. Vielleicht ist es sogar ein Damenrad? Das kann man nicht sehen, denn das Gefährt ist beinahe gänzlich von einer lähmenden Bänderwulst überwuchert. Uns macht das ganz hibbelig.

Im Eröffnungsjahr des Museums 2005 war das Objekt Teil einer Aktion, bei der Albrecht auf dem Weg zum damals hoch umstrittenen Gehry-Neubau allerlei Gegenstände mit Stoffen in den Marta-Farben Pink, Blau und Grau umhüllte. Nachtigällers Vorgänger, der Gründungsdirektor Jan Hoet, kaufte es damals an.

Zwei Bikes, zwei Sammelwege

In der Folge ließ Hoet die Marta-Sammlung durch den Erwerb repräsentativer Werkkomplexe wachsen; Robert Nachtigäller hingegen wählte Exponate aus den Wechselausstellungen des Hauses. So sammelte das Museum unter seiner Ägide Spuren der eigenen, flüchtigen Historie, was in unseren Augen ein viel charmanterer, innovativerer kollektiver Gedanke ist.

Inzwischen lagern rund 500 Werke von 170 Gegenwartskünstler*innen im Depot – fast drei Viertel davon sind männlich.

Nun ist Kathleen Rahn Direktorin, und sie muss sich überlegen, wie das Marta in ihrer Ära – und nach wie vor ohne Ankaufs-Etat! – sammeln soll. Auch, um neue Publikumsschichten zu erschließen. Und alte zurückzugewinnen. Vielleicht globaler? Partizipativer? Multimedialer?

Weiblicher auf jeden Fall, schon jetzt: Katja Novitskovas Skulptur „Approximation (Biobanks)“ von 2022 gehört seit diesem Jahr zum Inventar: dank der Schenkung zweier Brüder aus Herford, von denen einer einmal – wir lieben objektive Zufälle! – auch unser langjähriger Gönner war.

Erstes Zeichen der Vision?

Wie Albrechts Fahrrad, so ist auch Novitskovas „Approximation (Biobanks)“ in der Ausstellung vertreten: vielleicht als erste Annäherung an eine neuen Sammlungs-Vision. Ansonsten hat Kathleen Rahn erst einmal Inventur gemacht und sich angeschaut, was das Depot an künstlerischem Hausrat bereits zu bieten hat. Und das ist offensichtlich eine ganze Menge.

Kathleen Rahn vor Katja Novitskovas „Approximation (The Apocalypse many Horsemen)“ (2020)

30 Positionen hat Rahn ausgesucht und auf 1.200 Quadratmetern Ausstellungsfläche ausgebreitet – wobei ihr ein ausgeglichenes Verhältnis der Geschlechter wichtig war. Und teils offenbar auch der Blick über den europäischen Tellerrand.

Uns hat dabei erstaunt, wie viele der Kunstwerke das Sammeln, teils auch das Bewahren und Archivieren – und das Recyceln – selbst thematisieren. Tamara Grcics Fotos vollgestopfter Flohmarkthändler-Autos. Asta Grötings Abgüsse zerschossener Berliner Hausfassaden. Das gehäutete Regenschirm-Skelett der Mutter von Surasi Kusolwong aus Bangkok. Kaari Upsons Mülleimer-Tüten-Plastik. Oder Pascale Marthine Tayous Skulptur, die sich einer Müllsammlerin aus Kamerun verdankt.

Und dann gibt es auch einige Vehikel, die unter den „Perspektiven der Sammlung“ symbolisch den Weg in die Zukunft zu weisen scheinen. Panamerenkos grandioses Luftschiff „Papaver“ (2002) im Marta Dom zum Beispiel, das mit seinem Pedalantrieb (!) nur darauf wartet, zu phantastischen Fahrten in unentdeckte Gebiete aufzubrechen. Oder der 50 Meter lange „Läufer“ (2016) von Nevin Aladağ, der zwar weder fliegen noch laufen kann, im Gehry-Bau aber eine Brücke in den Himmel nach draußen schlägt.

Surasi Kusolwong, „Mother with umbrella“ (2004), Marta, Herford 2022

Aus diesem Blickwinkel scheint uns Albrechts umwickeltes Fahrrad ein schönes Sinnbild zu sein für den Status Quo des Marta, der sich in „Perspektiven einer Sammlung“ widerspiegelt: Es ist im Hier und Jetzt zum Stillstand gekommen. Es ruht sich aus, aber es muss wieder in die Gänge kommen, vielleicht in eine neue Richtung radeln. Damit das zusammengesammelte Leben des Marta ein bewegtes bleibt.

Und das geht buchstäblich nur durch (befreiende) Entwicklung. So platt sind wahre Bilder manchmal.

Wir wünschen uns eine Performance!

In diesem Sinne fänden wir es schön, wenn Susanne Albrecht nochmal ins Museum käme, um das Damenrad (?) aus der lähmenden Bänderwulst des Marta-Gründungsjahrs wieder auszuwickeln – sie wohnt ja quasi um die Ecke. Wir stellen uns da eine Performance vor, die Starre dramatisch in Dynamik überführt und dabei mit Getöse den Bogen schlägt von Jan Hoet über Roland Nachtigäller bis in die Ära Rahn.

Auch mit den freigewordenen Stoffbändern ließe sich Symbolisches, leicht Verständliches machen: auch solches, das sich auf die Verknüpfung von Herfords traditioneller Textilindustrie mit möglichen neuen Kunstankäufen bezieht. Aber das sind natürlich auch wieder nur so Geschichten, die Albrechts Kunstwerk in uns provoziert.

Weil es genauso eine Fragestellungs-Falle ist wie Andreas Slominskis Obdachlosen-Rennrad mit seinen Hausrats-Sammel-Taschen im MMK. (14.11.2022)

Patrick Tuttofuoco: „Velodream (Massimiliano)“ (2001)

“Perspektiven einer Sammlung – Inventur und Vision” ist noch bis zum 15. Januar 2023 im Marta Herford zu sehen. Zur Ausstellung gibt es auch ein sehr hübsches Magazin, das im Museumsshop erhältlich ist.

Anmerkung: Wir hätten Slominskis Fahrrad aus dem MMK Frankfurt hier ebenfalls gern abgebildet. Aber die Unsichtbarkeits-Maschine hält ihre Klauen drauf.

Appendix: Wie die KunstArztPraxis dem Marta beim Sammeln helfen durfte

Wir haben es ja schon gesagt: Das Marta hat keinen Ankaufs-Etat. Es ist auf Schenkungen, Mitgliedsbeiträge und Spenden aus dem Freundeskreis angewiesen, der sich zum Glück auf die Vorschläge der Direktion und des Teams verlässt. Oder auf die Wemhöner Stiftung, die alle zwei Jahre den mit 25.000 Euro dotierten Marta Preis ermöglicht. Mit der Auszeichnung ist eine Ausstellung sowie die Entwicklung eines Kunstwerks verbunden, das dann in die ständige Marta-Sammlung wandert.

Anfang des Jahres hatten wir die große Ehre, als Teil einer Findungskommission zwei Künstlerinnen für den Marta Preis 2022 vorschlagen zu dürfen. Unter unseren Vorschlägen war auch die grandiose Lena Henke, die die Jury dann doch tatsächlich für den Marta Preis 2022 ausgewählt hat! Darauf sind wir schon ein wenig stolz. Und schon arg gespannt, welches Kunstwerk Henke für die Sammlung schafft.

Und natürlich freuen wir uns schon sehr darauf, über die Ausstellung von Lena Henke im kommenden Jahr im Marta Herford berichten zu können. Hach, so viel Freude.

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