Das soll August Macke sein? Chunqing Huang in Bonn
Im Museum August Macke Haus präsentiert Chunqing Huang vier Gemälde- und Foto-Serien, die die Räume des Hauses auf eine bisher nie gesehene Weise ruhig machen. Wir konzentrieren uns hier auf ihre faszinierenden „Painter’s Portraits“, die auch unsere Idee von Bildwahrnehmung im Museumskontext intuitiv hinterfragen. Toll.
Als wir August Macke in seinem Bonner Atelier besuchten, war er gerade mal zehn Jahre alt und hatte, wie uns schien, doch schon sein ganzes Werk konzentriert verinnerlicht.
Er hing überm Kanapee und strahlte nur so vor Lebensfreude. Sein Teint war kräftig und gesund – ganz anders als beim etwas fahlen Feininger zum Beispiel –, die Haut wirkte frisch. Er war kein bisschen blass um die Nase, schon gar nicht in schwarz-weiß. Im Gegenteil.

Spiegelten sich da auf kleinster Fläche nicht geballt alle jene Farben wider, die wir von August Macke kannten?
Waren da vielleicht sogar Hüte? Standen nicht im Urwald der Striche Frauen vor Schaufenstern, Männer in Zoos, Kinder am Ufer? Wurde da im Pflanzendickicht geshoppt, flaniert, gelesen?
Möglicherweise, können wir nur sagen. Denn vielleicht hatten wir uns ja auch nur vom großen Namen auf dem Label neben dem Gemälde in die Irre leiten lassen.
Denn trotz all jener diagnostischen Talente, die man uns gemeinhin nachsagt: SO tief versenken konnten wir uns in diesen August Macke nicht. Da waren wir dann mit unserem Rezeptblock-Latein am Ende.
Bild oben: Chunqing Huang, „August Macke“ (2016),
Museum August Macke Haus, Bonn 2026
Und das, obwohl wir gern von Grund auf begriffen hätten, was da auf der Haut des Bildes – oder, besser vielleicht: unter seiner Haut? – so alles vor sich ging!
Aber ganz ausdeuten ließ sich dieser August Macke, wie bei guter Kunst zum Glück so üblich, für uns nicht.

„Nein, ich habe mir vorm Malen keine Künstler-Kataloge mehr angeschaut.“
Chunqing Huang
Was wir mit unseren diagnostischen Talenten nicht vermochten, ist Chunqing Huang mit ihren malerischen unserer Ansicht nach gelungen: Sie hat es geschafft, sich in August Macke zu versenken, sein Werk auf eine ganz eigene Weise zu abstrahieren. Dank eines Blicks, der nach innen weist.
Kein Katalog. Nur Bildgedächtnis
Aus ihrem Bildgedächtnis heraus hat die Malerin ihr „Painter’s Portrait“ geschaffen, hat „abgemalt“, was von Mackes Werken ohne die rationale Kraft der Analyse als Ab- und Ausdruck auf ihrer intuitiven Retina haften blieb. Als „Reflection“, die die Bonner Schau im Titel trägt. So irgendwie.
Vielleicht ist das etwas sehr Asiatisches, Meditatives? Da kennen wir uns kulturell nicht wirklich aus. Etwas sehr Faszinierendes ist es für uns als Betrachter auf jeden Fall.

Eigene Sicht, subjektive Auswahl
Genau hundert dieser „Painter’s Portraits“ hat Chunqing Huang zwischen 2016 und 2023 geschaffen, von denen 35 weitere im Neubau des Museums hängen: von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart.
Darunter sind Paul Klee, Pierre Bonnard, Oskar Kokoschka, Leiko Ikemura oder Gerhard Richter, aber auch eher unbekannte Größen wie Georg Tappert oder Fritz Bleyl.
Porträts der Künstler*innen als imaginäre Kondensate ihres Gesamtwerks. Eine ganz eigene, künstlerische Sicht. Und subjektive Auswahl. Der man sich selbst wieder nur subjektiv nähern kann.

Bild oben: Chunqing Huan, „Fritz Bleyl“ (2021, Detail),
Museum August Macke Haus, Bonn 2026
Kunstgeschichte hilft kaum weiter. Vielleicht aber das eigene Bildgedächtnis? Man muss schon eigenständig schauen können. Sehen lernen. Und stößt, wie schon gesagt, an reizende Grenzen.

Kunst kommt von Können. Aber wie?
Uns allen Dreien jedenfalls kam beim Anblick der „Painter’s Portraits“ sofort Robert Musils Disput um den Begriff der „Porträtähnlichkeit“ aus dem von uns hier immer wieder gern zitierten grandiosen „Mann ohne Eigenschaften“ in den Sinn.
Die „Porträtähnlichkeit“ mit ihrer fast schon kriminalistischen Vermessungstrchnik ist dem fotografischen Realismus verpflichtet und will – zum Lob des Künstlers? – aufs banalste beweisen, dass Kunst von Können kommt.

Für „Porträtähnlichkeit“ ist der „Wirklichkeitssinn“ verantwortlich. Aber der Mensch braucht den Möglichkeitssinn, sagt Robert Musil, ästhetisch und sozial.
Man muss in neuen, tiefen Bildern denken statt in der Backform, subkutan statt epidermisch. DAS ist die wahre Könnerschaft, die Lob verdient.
Die Moderne, der auch Musil entstammte, hat das verstanden: Genauso wie sein Zeitgenosse August Macke.
Und jetzt, auf eine Weise, die eine Brücke zur Moderne schlägt, aber zeitgenössisch bleibt, auch Chunqing Huang mit ihrer Kunst der, sagen wir: PorträtMÖGLICHKEIT.
Bild oben: Chunqing Huan, „Josef Eberz“ (2020, Detail),
Museum August Macke Haus, Bonn 2026
So reimen wir uns das zusammen.

„Der Mensch äußert sein Leben in Formen. Jede Kunstform ist Äußerung seines inneren Lebens. Das Äußere der Kunstform ist ihr Inneres.“
August Macke
Auf Chunqing Huangs „Reflections“ können wir nur reflektierend reagieren, in Möglichkeiten, sonst macht Betrachten keinen Sinn. Sonst bleibt von den Gemälden nur die Schönheit.
Und wir müssen uns fragen, wie wir uns zum Bild im Museumsraum verhalten wollen. Wollen wir vor jedem Gemälde rätseln, um welche Künstlerin und welchen Künstler es sich handeln könnte? Ist das ein Spiel?
Oder bringt das Label neben dem Gemälde, dieses ewige Ärgernis, in diesem Fall sogar erstmals Erkenntnis?
Und hätte UNSER innerer August Macke überm Kanapee vielleicht ganz anders ausgesehen?

Bild oben: Chunqing Huan, „Heinrich Campenden“ (2021, Detail),
Museum August Macke Haus, Bonn 2026

Das Painter’s Self-Portrait
Ach ja: Es gibt auch ein Selbstporträt von Chunqing Huang in Bonn. Vier Jahre nach dem letzten „Painter’s Portrait“ ist es entstanden, gehört also nicht zur Serie. Darauf legt die Künstlerin, aus guten Gründen, wert.
Dafür ist es am schönsten von allen in der Bonner Schau ausgeleuchtet. Aber nicht aus Eitelkeit.* Sondern, weil schon das Licht sagen soll, dass es – als „Painter’s Self-Portrait“ sozusagen – nicht dazugehört.
*eitel kam uns die Künstlerin nicht vor. Eher freundlich, bescheiden,
zugewandt. Für mehr Porträt sollen die Bilder sprechen.
Was sollen wir sagen? Wir durften Chunqing Huang ja kennenlernen. Wir haben auch die anderen Serien betrachtet, die im Museum August Macke Haus hängen, das Porträt der Künstlerin als ihre Ausstellung.

Textile Strukturen
Es gibt zwei fotografische Serien, von denen die eine die Stille und die andere urbane Flüchtigkeit sichtbar macht, und das in überaus malerischer, teils eben auch meditativer Anmutung.
Und es gibt „En vogue“, eine Serie, die sich auf Mode bezieht und mit einem speziell angefertigten, und beim Malprozess nicht abgesetzten breiten Pinsel auf der Leinwand seidene Bahnen zieht: Textile Strukturen: auch so ein Thema bei Chunqing Huang.
Der Strich, die Kurve, die Behandlung der Farbe, das Textile: All das spiegelt sich in unseren Augen auch ein wenig in Chunqing Huangs „Chunqing Huang“.
Von daher wagen wir in den Grenzen unserer versenkenden Wahrnehmung intuitiv zu behaupten: Auch dieses Möglichkeits-Selbstsporträt ist, wie überhaupt die ganze Schau, gut gelungen. (04.10.2026)

„Chunqing Huang: Reflections“ ist noch bis zum 31. Januar 2026 im Museum August Macke Haus in Bonn zu sehen. Einen kleinen schönen Katalog gibt es auch. Und noch etwas verdient an dieser Stelle Erwähnung: Wir haben die Räume des Bonner Museums noch nie so ruhig gesehen.
Das Museum August Macke Haus in der KunstArztPraxis:
Nur Augenweiden. Max Ernst & August Macke in Bonn
Wir machen mit! „August Macke & Friends“ in Bonn
Cole, ein Freund. Ulrike Theusner in Bonn


Kommentare
Das soll August Macke sein? Chunqing Huang in Bonn — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>