Der mit dem Blut malt. Villa Zanders: Peter Gilles
Mit blutigen Performances, bei denen gestandene Männer in Ohnmacht fielen, wurde der Kölner Künstler Peter Gilles (1953-2027) in den Achtzigerjahren berühmt. Heute ist er fast vergessen. Eine kleine, aber feine Schau seiner Zeichnungen will das ändern. Auch auf ihnen: Blut.
Für C.S. (1965-2016)
Von allen Künstler*innen, die wir in der KunstArztPraxis porträtieren durften, war Hermann Nitsch (1938-2022) mit Abstand der grimmigste. Übellaunig saß der Begründer des „Orgien Mysterien Theaters“ (OMT) vier Jahre vor seinem Tod im Osthaus Museum Hagen zwischen seinen blutbespritzen Bildern, unentwegt das Ohr am Handy.
Als er kurz davon abließ, fassten wir all unseren Mut zusammen und fragten ihn höflich, ob wir ihn denn fotografieren dürften. „Meinetwegen“, grummelte Hermann Nitsch eher ungehalten in seinen weißen Bart. „Aber ich werde keine Kapriolen für Sie machen. Auch keinen Handstand.“


Wie inkonsequent!!
Natürlich wissen wir nicht, was Peter Gilles Hermann Nitsch an unserer Stelle entgegnet hätte, aber vielleicht hätte er gesagt, dass doch sein ganzes OMT eine riesige Kapriole sei. „Da wäre ein Handstand auf einem Porträtfoto schon angemessen.“
Zu überdramatisch fand Gilles das mehrtägige Spektakel mit seinen hunderten Komparsen und dem vielen Schweineblut auf Schloss Prinzendorf in Niederösterreich: zu sehr Effekt, zu sehr auf die Masse von Mitspieler*innen ausgerichtet statt aufs künstlerische Ich.
Und überhaupt: Schweineblut! Wie inkonsequent!! Bei Peter Gilles musste es schon das eigene sein.
Bild oben: Natürlich mit eigenem Blut. Und der eigene Körper! Peter Gilles,
„o.T.“ (Anfang der Neunzigerjahre), Kunstmuseum Villa Zanders,
Bergisch Gladbach 2026; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

„Als das für mich am stärksten emotional aufgeladene Material empfinde ich meine eigene Körpersubstanz – mein Blut.“
Peter Gilles
Wenn wir es recht bedenken, hätten wir Peter Gilles eigentlich viel lieber als Hermann Nitsch porträtiert. Darf man seiner Lebensgefährtin Birgit Kahle Glauben schenken, dann war er freundlich im Umgang, dem Gegenüber zugewandt, sehr sanft, sehr ruhig, sehr tolerant, sehr tier- und kinderlieb.
Das kann man fast nicht glauben, wenn man diese mit gestischer Wucht aufs Papier gebrachten, oft erst auf den zweiten Blick erkennbaren menschlichen Körper in der vom Freund & Sammler Hartmut Kraft sehr schön kurierten Schau „Am Rande des Vulkans“ im Kunstmuseum Villa Zanders betrachtet: eine zerstörerische Wucht zumal, die bisweilen sogar das – bewusst dick gewählte – Papier zerriss.

Bild oben: Peter Gilles, „o.T. (Echse)“ (2004), Kunstmuseum
Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

„Meine künstlerischen Arbeiten sind Fragmente zur Klärung meiner Identität.“
Peter Gilles

Wie wir uns das zusammenreimen
Dass es der eigene Körper war, den Peter Gilles zu Papier gebracht hat, die eigenen Hände, die den Zeichengrund abtasten wie in der prähistorischen Cueva de las Manos in Argentinien: Dass es dabei immer um den Menschen Peter Gilles ging, um die Klärung seiner Identität im emotionalen künstlerischen Akt: Das ist beim Betrachten wichtig.
Ein wenig wirkt das so, als habe Gilles in diesen expressiven, emotional durch die eigene Körperlichkeit stark aufgeladenen, unfassbar frisch wirkenden Zeichnungen etwas tief in ihm Verborgenes aus seiner Seele nach außen gestülpt: etwas, was ebenso aggressiv wie verletzlich war.
Bild oben: Peter Gilles, „Il Mago“ (1995, Detail), Kunstmuseum
Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
So jedenfalls reimen wir uns das, immer noch ungläubig, zusammen.

Zeichnen unter Lebensgefahr
Peter Gilles hat sein Zeichnen und Malen mit Blut, Kohle, Graphit, Erde und Acryl immer auch als Performance begriffen, als einen Akt der Selbstbefragung, der als Prozess zu dem hinführt, was jetzt in Bergisch Gladbach hängt.
Hierfür hat er seine großen Zeichenrollen oder riesigen Leinwände ins Masca-Gebirge auf Teneriffa oder, auf Vulcano vor Sizilien, auf den Gran Cratere geschleppt, um sie durch Schwefelgas ansengen zu lassen.
Er ist auf den Stromboli gestiegen, um angesichts der Eruptionen zu zeichnen, unter Lebensgefahr, teilweise in Todesangst: der existentiellen Bedrohung wegen, die dann in die Bilder einfloss.

Foto oben: Zeichnen als Performance, Performance als Zeichnen:
Peter Gilles, „Hautnah“ (2004); © Birgit Kahle. Danke, Birgit Kahle!

Es war dies ein bis zur Bewusstlosigkeit getriebenes Ausloten der Grenzen des eigenen Bewusstseins unter extremsten Bedingungen. Teils bis zum Kollabieren. Mit dem eigenen Blut als Grundierung.
Wichtig für uns ist dabei, dass diese Kunst der Selbstbefragung auf dem Niveau der Eigenheilung nicht stehenbleibt, sondern dass sie Bilder produziert hat, die auf die Betrachter*innen überspringen.

„Bei der Begehung der Kraterzone habe ich bewust erlebt, wie sich existentielle Urängste äußern. Wie sich psychische Faszination und das Gefühl des Fliehenwollens zueinander verhalten.“
Peter Gilles

Keine Kapriolen, kein Handstand
Es gibt ein Selbstporträt von Peter Gilles, es ist einer ebenso lesens- wie sehenswerten Werkübersicht enthalten, die Hartmut Kraft zu seinen Zeichnungen, Gemälden und Performances parallel zur Ausstellung herausgegeben hat.
Es zeigt den Künstler im Krater des Stromboli: Die Todesangst ist ihm ins Gesicht gezeichnet.
Keine Kapriolen, kein existentieller Handstand: So gut, so nah am bedrohten, verletzlichen Ich hätten wir ein solches Porträt nicht hinbekommen.
Foto oben: Todesangst ins Gesicht gezeichnet: Peter Gilles im Schlot
des Stromboli. Danke, Hartmut Kraft und Birgit Kahle!
Und die in Bergisch Gladbach versammelten Zeichnungs-Porträts in ihrer beeindruckenden Expressivität sowieso nicht. (13.09.2026)
„Peter Gilles. Am Rande des Vulkans“, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026; © für die Kunst: VG Bild-Kunst, Bonn 2026
„Am Rande des Vulkans. Blut als Material in der Kunst bei Peter Gilles im Dialog mit Joseph Beuys, Felix Droese, Jenny Holzer, Birgit Kahle, Hermann Nitsch und Anna Sudermann“ ist noch bis zum 31. Oktober 2026 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.
Anmerkung: Wir hatten einen Jugendfreund im Sauerland, kürzlich ist er verstorben. Er war ein begnadeter Organist, in der Dunkelkammer leistete er Beachtliches, und in den frühen Achtzigerjahren, mit 16,17 Jahren, offenbar auf der Suche nach seiner eigenen Bestimmung, malte er mit seinem Blut. Stolz hat er uns diese Zeichnungen, die zum Teil gerahmt in seinem Jugendzimmer hingen, präsentiert. Damals fanden wir das degoutant und affektiert, es kam zum Bruch. Dass es ganz etwas anderes, etwas Existentielles war, was sich da Ausdruck suchte: Das haben wir erst vor ein paar Wochen dank Peter Gilles im Kunstmuseum Villa Zanders begriffen.
In diesem Sinn, C.S. (1965-2026): Entschuldigung. Post mortem.

Das Kunstmuseum Villa Zanders in der KunstArztPraxis:
Von Poe gelernt? James Ensor in der Villa Zanders
„Zeichenräume“ in der Villa Zanders: Eigene Gattung!
Papiertiger aus Acryl. Eckart Hahn in der Villa Zanders
Traum hinter Geste: Ruth Marten in der Villa Zanders
Mehr Babel war nie! Jenny Michel in Bergisch Gladbach (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Wie sagen wir’s den Bienen? “HONIG” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
In Brüchen denken: “Martin Noël – Otto Freundlich” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
33 Malantworten: Rolf Rose in der Villa Zanders
Mechtild Frisch: Aufschein im Verschwinden (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Katharina Hinsberg: Making-of “Linie im Raum” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Reine Bildgebung (8): “Still Lines” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Schönheits-OPs (3): Kunstmuseum Villa Zanders
Intuition statt Kochbuch. Ein Editionsgedicht
“Bibliomania” in Bergisch Gladbach: Buch als Körper (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Hede Bühl: Mit Strichen modellieren (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)


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