Wir, Gustave Courbet: „Maler und Rebell“ in Essen
Eigentlich hatten wir uns den Besuch von Gustave Courbet (1819-1877) im Museum Folkwang schon schweren Herzens abgeschminkt. Aber dann haben uns Niki de Saint Phalle und Jörg Immendorff in Düsseldorf dringend zugeraten und wir waren auf den letzten Drücker doch noch drin. Ein Glück.

Bekanntlich hat die KunstArztPraxis einige Hausgeister. Gustave Courbet ist einer davon.
Zwar wohnt er bei uns zerebral eher so im Keller, aber er kommt immer mal wieder zu uns hoch nach oben.
Wenn uns die nackte Verzweiflung packt zum Beispiel, oder ganz real die blanke Sinnlichkeit.
Oder der Furor natürlich, der politische. Wenn etwas faul ist im Staate wie in wurmstichigem Fallobst.
Gerade im wellenhaften Auf und Ab der Zeitenläufte tröstet uns Courbets materielle Gegenwärtigkeit immens. Weil wir erkennen, dass auch Größeres so ticken kann wie wir.
Bild oben: Sturz ins Abstrakte? Gustave Courbets Selbstbildnis
„Der vor Angst Wahnsinnige“ (um 1844). In Essen zu sehen

Deshalb hatten wir uns auf die Courbet-Ausstellung in Essen richtig gefreut.
Aber es kam halt immer etwas dazwischen, und als wir freitags dann mal konnten, teilte uns das Museum höflich mit, dass freitags ungünstig zum Fotografieren wäre. Weil: Die Massen begännen zu strömen.
Am besten Mittwochs um zehn
Am besten kämen wir unter der Woche gleich gegen zehn. Ab elf würde es auch unter der Woche voll. Hm, nicht nur für Fotos komplex, die Sache: auch fürs Schauen. Also schminkten wir uns Corbet in Essen schweren Herzens erstmal ab.

Aber dann waren wir bei Niki de Saint Phalle im Düsseldorfer Kunstpalast: noch so ein Blockbuster. Und da sprang uns dann ein Gipsmodell ins Auge, das uns Courbet telepathisch STANTE PEDE ins Gedächtnis rief.
Eigentlich handelt es sich um ein Flowerpower-Bühnenmodell für eine 1966 am Staatstheater Kassel realisierte Inszenierung der Pazifismus-Komödie „Lysistrata“ vom tollen Griechen Aristophanes, in der die Frauen Sex verweigern, damit die Männer endlich die Waffen strecken.
Aber uns kam natürlich sofort jener durch den Bildrand und das hochgeraffte Laken beschnittene Torso in den Sinn, den Corbet mit „Der Ursprung der Welt“ (1866) geschaffen hatte.

Foto oben: Gustave Courbet, „Der Ursprung der Welt“ (1866),
Museum Folkwang, Essen 2026


Kunst! Rebellion! Gesellschaft!
Und als wir danach durch die Retrospektive von Jörg Immendorff eine Etage tiefer schlenderten, fanden wir auf dessen „Adlerpartitur“ (1997) die Abbildung eines Courbet-Kunstbands auf dem Atelierboden neben einer abgebrannten Kerze.
Ein deutlicher Verweis auf Courbets berühmte Allegorie „Das Atelier des Malers“ (1855), in dessen Traditionslinie Immendorffs eigene Reihe von Atelierbildern eindeutig steht.
Für Immendorff war Courbet ja der vorbildliche Inbegriff eines Malers, der Kunst, Gesellschaft und Rebellion gegen die Politik seiner Zeit beispielhaft in sich verband.
Bild oben: Gustave Courbets Selbstbildnis, „Der Mann mit der Pfeife“
(um 1849, Detail), Museum Folkwang, Essen 2026

Da war uns schlagartig klar, dass sich Niki de Saint Phalle und Jörg Immendorff im Kunstpalast abgesprochen hatten, um uns unisono davor zu warnen, NICHT in die Essener Courbet-Ausstellung zu gehen!
Kunstbetrachtung als Séance
Es gibt ja diese kommunizierenden Röhren durch Museumswände, über Stockwerke, ja: über Standorte hinweg! Dieser objektive Zufall intensiver Kunstbetrachtung; diese Séance mit Künstler*innen über ihre Werke als Medium.
Dies hier war einmal mehr ein schöner Beweis dafür.
„Er ist wie ein römischer Maurer. Und doch ist er ein weiterer echter Maler. Es gibt niemanden in diesem Jahrhundert, der ihn übertrifft.“
Paul Cézanne

Genauso hätte auch ein Akt von Manet zu uns sprechen können, oder ein Meerbild von Monet. Die Kartoffelesser von Vincent van Gogh natürlich. Oder ein Frottage-Landschaft von Max Ernst.
Der Farbspachtelauftrag bei Paul Cézanne. Das Abbild des Fleischlichen bei Lucian Freud. Das dunkle Loch bei Anish Kapoor!
Aber es waren in unserem Fall in Düsseldorf halt gerade Niki de Saint Phalle und Jörg Immendorff über Lysistrata und „Adlerpartitur“ zum Warnen verabredet.
Deshalb jedenfalls sind wir auf den letzten Drücker dann doch noch ins Museum Folkwang gegangen. Und dafür müssen wir Niki und Jörg nun wirklich auf ewig dankbar sein.

Bild oben: Oder Grattage? Gustave Courbet, „Die Ruhe. Meerlandschaft“
(1865-1867, Detail), Museum Folkwang, Essen 2026

„Ich, Gustave Courbet“ ist die Ausstellung in Essen betitelt, aber sie könnte, wie wir finden, auch „Wir, Gustave Courbet“ betitelt sein.

Allein auf den zahlreichen Selbstporträts – nur Rembrandt porträtierte sich öfter – konnten wir diagnostisch schon deutlich mehr Iche* als bei uns erkennen.
*um mal mit Fichte zu sprechen
Einmal ist Courbet der inkarnierte Wahnsinn, dann wieder die personifizierte Empfindsamkeit, dann selbstbewusst bis zum dorthinaus.
Mal ist er Bohemien, mal Verwundeter, dann wieder Cellospieler – allerdings einer, der, verrät die Fingerhaltung augenzwinkernd, gar nicht Cello spielen kann.
Und ganz ohne sichtbare Iche, hinter seinem Attribut: der Pfeife, komplett verschwunden, malte Courbet sich auch.
Bild oben: Ceci n’est pas une pipe! Sondern Courbets „Selbstbildnis in
Gestalt einer Pfeife“ (1858), Museum Folkwang, Essen 2026

Und dann gibt es noch das Skandal-Ich, das profane Alltagsszenen monumental auf Formate blähte, die von Haus aus historischen, religiösen oder mythologischen Themen vorbehalten waren.
Das Jagd-Ich, das seine Leidenschaft für das einstmals nur dem Adel vorbehaltene Privileg des Tötens von Hirsch und Hase auf ebensolche Großformate bannte.
Das Alltags-Ich, das schlecht bezahlte Steinklopfer und schlafende Spinnerinnen in den Olymp seines meisterlichen Pinselstrichs erhob.
Und das Erfinder-Ich, das mit der hereingezoomten „Seelandschaft“ ein eigenes Genre schuf.

Bild oben: stammt vom Erfinder-Ich: Courbets Seelandschaft
„Die Woge“ (1870, Detail), Museum Folkwang, Essen 2026
Hach ja: Am Ende schwirrte uns beim Anblick aller dieser Iche wohlig der Kopf. Und wir waren schon ein wenig neidisch, in Personalunion nur über drei eigene zu verfügen.
„Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ in 85 Ausstellungsansichten, Museum Folkwang, Essen 2026
Ach ja: Wir waren dann tatsächlich mitten in der Woche drin, am Mittwoch gar, so wie uns angeraten, direkt um zehn.
Wir sind aber auch später nochmal wiedergekommen, weil uns der Hausgeist einfach nicht mehr losließ, und können deshalb sagen: Ja, es stimmt, was das Museum sagt, ab elf wird’s voll. Auch unter der Woche.
Wir bitten Niki de Saint Phalle und Jörg Immendorff hiermit ausdrücklich, dies den zu Unrecht Zögernden in Düsseldorf bei Betrachtungs-Séancen unbedingt telepathisch über die Stockwerke hinweg mitzuteilen. (25.10.2026)
„Ich, Gustave Courbet. Maler und Rebell“ ist noch bis zum 8. November 2026 im Museum Folkwang in Essen zu sehen – das sind leider nur noch 14 Tage! Also sputen, sputen, sputen. Möglichst mittwochs.
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