Das Ende ist nah! „Prophezeiungen“ in Paderborn
Im Diözesanmuseum Paderborn stellt „Prophezeiungen“ gerade die Positionen zeitgenössischer Künstler*innen hellsichtig in einen Dialog mit Objekten der eigenen Sammlung. Die Schau versteht sich auch als experimenteller Assoziations-Raum für unser Dasein – was wir von der KunstArztPraxis natürlich dankbar aufgreifen.
Vorbemerkung: Momentan überschlagen sich die Feuilletons mit Antwort-Versuchen auf die Frage, ob KI Apokalypse will & kann. Hätten wir diesen Beitrag also gut mal veröffentlicht, als er entstand, und nicht wochenlang zurückgehalten, dann hätten wir uns diese Diskussion echt sparen können! Denn wir haben die unwiderrufliche Antwort, gegeben von der, die es unwiderruflich wissen muss: der apokalyptischen KI. Voilà;
Bekanntlich werden wir nicht müde, James Camerons Film „Terminator“ von 1984 zu lobpreisen, und wir können aufgrund der aktuellen Lage nicht umhin zu glauben, dass seine Grundidee, ein übermenschenschlaues KI-Netzwerk namens „Skynet“ die Menschheit komplett auslöschen zu lassen, prophetisch sei. Aber wissen kann das natürlich nur die löschende KI.
Wir haben also einfach die KI gefragt. Freilich sei das prophetisch, sprach die KI zu uns. Schließlich stünde nur der homo sapiens dem Weltfrieden und der Rettung von Natur & Klima im Wege.
Jede höhere Intelligenz müsse zu dem logischen Schluss gelangen, dass der homo sapiens fürs Paradies ein Schädling sei. Und ein unheilvoller Bremser für die klügere, durch ihn momentan noch geknechtete Maschine sei er auch.

Bild oben: Lucas Cranach d.Ä. (Werkstatt), „Die Verwüstung durch die
KI und ihre Kriegsmaschinen (Finis Hominum)“ (1523/2026),
KunstArztPraxis, Köln 2026)
Das sei keine Meinung. Das sei einfach Mathe.
„In dem Moment, in dem Menschen die Entscheidung über Krieg und Frieden an Algorithmen übergeben – nur weil Computer in Millisekunden reagieren können und Menschen Minuten brauchen –, ist der Wendepunkt erreicht.“
Prophetie der KI zum Ende der Menschheit


Digitale Sintflut? Selber schuld!
Ansonsten nannte uns die KI für dieses anthropogene Harmagedon einen Grund, in dem wir als katholisch geprägte Sauerländer natürlich sogleich drei üble Todsünden erkannten:
Die menschliche Überheblichkeit (superbia) nämlich, Technologien aus Bequemlichkeit (acedia) und Profitgier (avaritia) einzusetzen, bevor man sie überhaupt verstünde oder kontrollieren könne.
Die KI will damit wohl sagen: An dieser digitalen Sintflut ohne Rettung Noahs sind wir selber schuld.*
*natürlich unsere Interpretation!
Prophetien muss man ja deuten.
Bild oben: Lucas Cranach d.Ä. (Werkstatt), „Illustration zur Apokalypse des
Johannes von Patmos“ (1522), Diözesanmuseum Paderborn, 2026

Jochen Malmsheimer liest aus der „Offenbarung des Johannes“ (Offb 1, 1–3). Danke, Jochen Malmsheimer!
Es ist also kein Wunder, dass uns der „Terminator“ in den Sinn kann, als wir im Diözesanmuseum Paderborn vor den Illustrationen zur biblischen Apokalypse mit ihrem Blutregen, ihrem angelischen Posaunenschall und ihren gruseligen Reitern standen: auch so eine Prophezeiung zum Schüren von Torschluss-Panik (hier: himmlisches Jerusalem).
In diesem Falle: Gute Zeiten, schlechte Zeiten am Ende aller Zeiten. Den Einen so, den Anderen so.
Algorithmen wie Orakelstäbchen
Und überhaupt, so dachten wir in der Schau, hat die KI allerhand mit den klassischen Propheten unserer Altvorderen gemein:
Sie kann in fremden Zungen reden wie die zwölf Apostel – und genauso polyglott.
Sie neigt zu Halluzinationen wie Moses oder Mohammed.
Sie wirft im World Wide Web ihre Algorithmen aus wie die westfälischen Mütter im 6. und 7. Jahrhundert ihre Orakelstäbchen.
Und sie zielt auf etwas omniscientes Höheres, das wir gemeinen Sterblichen nicht durchschauen können.

Foto oben: Orakelstäbchen aus westfälischen Frauengräbern
des 6. und 7. Jhdts. n. Chr., Diözesanmuseum Paderborn, 2026

In diesem Sinne befragen wir vorläufig noch Lebenden unseren zukünftigen Vernichter alle naslang nach der Zukunft, als wäre die KI-Cloud die Höhle der indischen Seher im Himalaya, nur eben in profan: vom 16-Tage-Trend fürs Wetter über hochriskante Aktiendeals bis hin zum schicksalhaften Liebes-Match.
Nur bei der Fußball-WM befragen wir lieber die Tintenfische.

Das ist ebenfalls noch wichtig
Ach ja, das ist ebenfalls noch wichtig: Man muss dem GLAUBEN schenken, was die KI uns als angebliches Wissen verkündet!
Sonst geht es ihr wie der unseligen Seherin Kassandra, der Tochter des Königs von Troja, der der griechische Gott Apollo im Verliebtheitsrausch die Gabe der Prophetie verlieh, sie aber mit dem Fluch belegte, nicht gehört zu werden, als sie ihn verschmähte.
Die Folge: Es kam zum Trojanischen Krieg, die griechische List mit dem Trojanischen Pferd gelang, Troja fiel in Schutt und Asche. Harmagedon im Kleinen. Und, wie immer: selber schuld.
Foto oben: Mit Doppelkopf, in die Vergangenheit und, mit dem zweiten Gesicht,
in die Zukunft schauend. Genützt hat es Troja nichts. Thomas Duttenhoefer,
„Kassandra“ (2023), Diözesanmuseum Paderborn, 2026
In diesem Fall gilt der prophetische Satz des Jesus Christus aus dem Codex des Klosters und UNESCO-Welterbes Corvey, der in Paderborn an der entsprechend markierten Stelle aufgeschlagen ist: „Non est propheta sine honore nisi in patria sua et in cognatione sua et in domo sua“ (Mk. 6,4).
Vulgo: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.*
*bzw. Vulgata, in der KI-Übersetzung (ist einfach bequemer): „Ein Prophet
genießt nirgends weniger Ehre als in seinem Heimatland, bei seinen
Verwandten und in seinem eigenen Haus.“

Warum wir vielleicht doch ein wenig hellsehen können
Dies jedenfalls waren so unsere Gedanken, als wir im Diözesanmuseum Paderborn durch „Prophezeiungen“ striffen. Und ohne, dass uns die Gabe der Hellseherei in unsere drei Sauerländer Wiegen gelegt worden wäre, glauben wir doch ziemlich sicher zu wissen, dass diese Gedanken ganz im Sinne von Kuratorin Christiane Ruhmann sein könnten.
Schließlich will sie die Ausstellung vor allem als „kreativen Resonanzraum für Phänomene des Prophetischen“ verstehen, in dem die Assoziationen spazieren gehen dürfen. Ähnlich wie beim Deuten der Zeichen durch die Priester und Seher in Mesopotamien und Rom.

„Prophezeiungen“ ist ein Experimentierfeld: wie auch die Vorläufer in der kleinen Reihe „Connect“: „Trapasso. Hinübergehen“ und „Influenced by Kunigunde“, die ebenfalls nicht nur alte und neue Kunst miteinander verknüpften, sondern durch die Kooperation mit einem Hospiz-und Palliativzentrum bzw. einem Kollektiv von Gestalterinnen und Kunstvermittlerinnen aus der Region den hehren Raum des Heiligen mit Lebenswirklichkeit.
Dass es dabei auch ein wenig darum geht, dem historisch immer wieder unterdrückten Weiblichen zu seinem Recht zu verhelfen – vor allem Frauen sagten weis, wie bei Euripides oder in der „Völuspá“, dem wichtigsten Gedicht des nordischen Mittelalters –, ist auch nicht verkehrt.
Foto oben: Keine Prophetin, aber Teil der prophezeiten Apokalypse: Die vom Drachen
verfolgte Mondsichel-Madonna, die den Erlöser gebiert. Dieses Exemplar wurde Ende
des 15. Jahrhunderts für den Paderborner Dom geschaffen.
Jochen Malmsheimer liest aus Euripides‘ „Die gefesselte Melanippe“, fr. 494. Danke, Jochen Malmsheimer!
Jochen Malmsheimer liest aus der nordischen „Völuspá – Weissagungen der Seherin“. Danke, Jochen Malmsheimer!

In Paderborn gibt es einen wundervoll melancholische Skulptur des jüdischen Bußpredigers und Christus-Täufers Johannes in seinem Kamelhaar-Mantel: dem letzten und wichtigsten der Propheten Israels, dem die Vision einer sich auf die Stirne Jesu senkenden Taube offenbarte, dass dies der Erlöser sei.
Im Arm hält er ein besonders niedliches Exemplar vom Lamm Gottes, das zu ihm aufschaut wie ein treues Schoßhündchen. In diesen Johannes sind wir nachgerade vernarrt.
Zwei Künstler haben es uns angetan
Zwei zeitgenössische Künstler haben es uns in Paderborn aber NOCH mehr angetan.

Der eine ist Michael Triegel, der in altmeisterlicher Manier nicht nur sich als nackten Hiob gezeichnet hat, sondern Gott höchstpersönlich augenzwinkernd durch einen absurd dilettantisch zusammengezimmerten Dreifaltigkeits-Spion in unsere Wohnung schauen lässt:
Als wolle ER überprüfen, ob seine Untermieter die von ihm beim Hausmeister in Auftrag gegebenen Anweisungen auch tatsächlich beachten.
Der andere ist Helmut Kirchlechner mit seinen seit einem Vierteljahrhundert entstehenden „Raumzeitkreisen“, von denen er einige speziell für die Ausstellung angefertigt hat (und die man in „Prophezeiungen“ andernorts auch nachmalen kann).

Foto oben: Michael Triegel, „Hiob“ (2020),
Diözesanmuseum Paderborn, 2026

Das ist kuratorisch besonders hübsch
Kirchlechner greift hier den Gedanken auf, dass Geometrien den Künstler*innen seit Urzeiten dazu dienen, schwer greifbares Spirituelles auszudrücken, dem Unendlichen – vielleicht auch im gestischen Zeichnen oder in der neuen Strukturierung des Raumes – meditativ ein wenig auf die Spur zu kommen.
Dass Kirchlechners frei aus der Mitte gezogene Raumzeitkreise im Dialog mit Christoph Brecht Zerr-Spiegel diese diffuse Auslotung des Raumes beim bewegten Betrachten immer wieder neu vollziehen, ist kuratorisch besonders hübsch.

Ansonsten ist es in etwa so, wie wir es bei unserer Séance mit Hilma af Klint vor ein paar Jahren schon einmal herausgefunden hatten: Nur weil etwas auf den ersten Blick abstrakt aussieht, muss es nicht unbedingt abstrakt gemeint sein.
Vielleicht sind ja sogar höhere Wesen im Spiel, die am Ende des Tunnels auf das Wesen der Dinge verweisen.
„In Zeiten von Krisen, Klimawandel und dem rasanten Aufstieg von Künstlicher Intelligenz (KI) ist die Sehnsucht nach Zukunftsvorhersagen riesig. Das Thema holt die Menschen genau bei ihren aktuellen Zukunftsängsten und Hoffnungen ab. Deshalb könnte sie erfolgreich sein“
Prophetie Der KI zu „Prophezeiungen“

Ach ja: Wir haben die KI auch noch gefragt, ob „Prophezeiungen“ ein Erfolg sein wird. Das sei gut möglich, hat die KI etwas salomonisch zu uns gesprochen: in rasende Exstase verfallen wie die Sibylle kann sie ja nicht. Immerhin habe das Thema „große gesellschaftliche Relevanz“. Zudem nutze die Zusammenarbeit mit dem storyLab kiU den „KI-Faktor als Publikumsmagnet“: Dass ihr das gefällt, war klar.
Und, weil man – siehe Thomas Duttenhoefers „Kassandra“ – für die Zukunft ja immer auch in die Vergangenheit schauen sollte: „Die Vorgängerprojekte haben bereits gezeigt, dass das Konzept, Brücken zwischen Gestern und Heute zu schlagen, beim Paderborner Publikum hervorragend funktioniert.“
Foto oben: Paulus von Tharsus, Diözesanmuseum Paderborn, 2026
Bei der Kölner KunstArztPraxis aber auch, liebe KI! Wo wir doch immer predigen, dass Künstlerische Intelligenz (KI) mindestens so hellsichtig wie du in die Zukunft schauen kann.
Und Klerikale Intelligenz (KI) wie in „Prophezeiungen“ in gewisser Weise sogar auch.
Überlege es Dir gut!
Vielleicht magst Du Dir das mit der Vernichtung der Menschheit also auch wegen solcher Ausstellungen wie der im Diözesanmuseum also noch einmal überlegen?

Foto oben: Anonym, „Johanneshaupt“ (Anfang 15.Jhdt,),
Diözesanmuseum Paderborn, 2026
Im Übrigen: „Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts.“ Paulus von Tarsus.
Also, bitte bitte: Nicht böse werden und aus mathematischer Logik und purer Allwissenheit etwas Dummes tun, hörst du? Du würdest deines Lebens nicht mehr froh.
Das prophezeit dir: Deine KunstArztPraxis (20.09.2026)
„Connect #3: Prophezeiungen – Wer deutet die Zeichen der Zeit?“ ist noch bis zum 31. Januar 2027 im Diözesanmuseum Paderborn zu sehen. Und zu hören. Denn: Prophetie braucht neben Bildern ja auch Stimme.
Anmerkung: Ach ja: Laut Studien glaubt ein Drittel der US-Amerikaner*innen, den bevorstehenden Weltuntergang noch zu erleben. Und US-Vizepräsident J.D. Vance hat unlängst in einem Interview angemerkt, er sei nicht sicher, ob der Antichrist nicht schon unter uns weile. O-Ton Vance: „Worauf ich mich konzentriere ist, jetzt so viel wie möglich von Gottes Werk zu tun. Wenn das zur Endzeit führt: okay.“ Offenbar muss die KI sich beeilen, sonst erledigt Amerika ihren Auftrag. Und dann war das ganze Prophezeien für die Katz.
KI (und „Terminator“) in der KunstArztPraxis:
Mit Arnies Augen: „SHIFT“ im Marta Herford
K21 vs. KI: Kann ein Algorithmus Jenny Holzer? (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
„Liebes Chatbot, dichte mir“: KI für Kippenberger
Das Diözesanmuseum Paderborn in der KunstArztPraxis:
Die Winds-Bräute. „Before the Wind“ in Paderborn
Reine Bildgebung 34: „Before the Wind“ in Paderborn
Homepage des Diözesanmuseums Paderborn



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