Joseph Beuys hat Wilhelm Lehmbruck viel zu verdanken. Das hat er selbst gesagt. Und das zeigt auch die tolle Ausstellung „Alles ist Skulptur“ im Lehmbruck Museum in Duisburg. Weil dazu aber trotzdem alle wieder über Beuys schreiben, schreiben wir jetzt mal über seinen Lehrer.

Vielleicht wollte Lehmbruck sein Publikum zu Lebzeiten ja nicht überfordern. Bei seinen akademischen Werktiteln jedenfalls stapelte er seltsam tief. Das illustrieren auch jene Werke, die momentan in der Ausstellung „Alles ist Skulptur“ im Lehmbruck Museum in Duisburg zu sehen sind.

In seinen manieristisch langgestreckten Figuren zeigt uns Lehmbruck ja gar keinen „Emporsteigenden Jüngling“ (1913), er zeigt uns das Emporsteigen. Der „Torso der Sinnenden“ (1913/14) ist ein Sinnbild des eigentlichen Sinnens. Und „Der Gestürzte“ (1915/16) ist, mit der erdrückenden Last des Ersten Weltkriegs auf dem Rücken, das geknickt Gestürzte selbst.

„Lehmbruck – Beuys. Alles ist Skulptur“, Lehmbruck Museum, Duisburg 2021

Zeitlos wesentlich

Im Grunde war Lehmbruck ein großer Sichtbarmacher des unsichtbaren Wesentlichen. Das wollten damals viele sein, vor allem viele seiner expressionistischen Nachfolger. Aber anders als bei ihnen wirkt dieses Wollen bei Lehmbruck bis heute nicht gewollt. Weil schon damals zeitlos und nicht geleitet vom schnöden Trend.

Das haben wir bei unserem Besuch von „Alles ist Skulptur“ erstmals begriffen. Vor allem im direkten Kontrast zu den Werken von Joseph Beuys.

„Ich möchte meinem Lehrer Wilhelm Lehmbruck danken.“

Joseph Beuys

„Das Hörende, das Sinnende, das Wollende

Vielleicht war dieses Wesentliche ja auch gemeint, als Beuys vom „inneren Klang“ der Skulpturen seines Lehrers Wilhelm Lehmbruck sprach? Von dem, was andere Sinne berührt als das Sehen?

Gesprochen hat er darüber im Januar 1986, elf Tage vor seinem Tod, selbst schon zur eigenen Skulptur ausgezehrt, vor Lehmbrucks „Großer Sinnender“, in seiner beeindruckenden Rede zur Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg.

Dort hat Beuys seine erste Begegnung mit Lehmbrucks Werk anhand einer Abbildung in jungen Jahren als eine Art Erweckungserlebnis beschrieben, das ihn aus der vorgezeichneten naturwissenschaftlichen Bahn geworfen und erst zum Künstler habe werden lassen:

„Alles ist Skulptur“ sei ihm damals beim Betrachten des Fotos durch den Kopf geschossen. Dieser Gedanke habe ihn letztlich sogar zu seiner Idee der sozialen Skulptur hingeführt.

„Skulptur ist das Wesen der Dinge,
das Wesen der Natur,
das, was ewig menschlich ist.“

Wilhelm Lehmbruck,
Wilhelm Lehmbruck: „Torso der Sinnenden“ (1913/14), Lehmbruck Museum, Duisburg 2021

Der Bezug zur sozialen Skulptur geht uns offen gestanden etwas weit. Von einer „Schwellensituation des plastischen Begriffs“ (Beuys) jenseits des Plastischen spürten wir auch in Duisburg wenig. Denn bei Lehmbruck bleibt die Skulptur ja Skulptur. Die Schwelle führt eher vom Konkreten in die Abstraktion.

Selbst da, wo Bewegung und Reduktion unglaublich innovativ sind – beim „Gestürzten“ liegt die Erdenschwere keineswegs im Gewicht des Materials, sondern gerade in der „schwerelosen“ formalen Gestaltung der Idee –, bleiben die Kategorien „klassisch“. Und das grandiose Revolutionäre bescheiden nach innen gerichtet und andächtig in sich versunken.

Die Welt ein bisschen besser machen

Auch das eint die in Duisburg gezeigten Werke – trotz aller Weiterentwicklungen beim Schüler Beuys: Der berühmte Filzanzug ist immer noch ein konkretes dreidimensionales Objekt mit klar umrissenen Konturen und von einer sozialen Plastik meilenweit entfernt.

© aller Beuys-Werke: VG Bild Kunst, Bonn 2021

So kann man in der Gegenüberstellung in Duisburg schön beobachten, wo die Ähnlichkeiten zwischen Lehmbruck und Beuys im Skulpturalen liegen – auch jenseits aller eher plumpen biografischen Bezüge (Niederrhein, Krieg, Erfahrung einer Schwellenzeit). Im Wunsch zur „Vergeistigung“ des Materiellen vor allem, zur energiegeladenen Transformation ins Gedankliche hinein.

Und damit natürlich doch auch ein wenig im Wunsch, mit Kunst den Menschen und die Welt da draußen etwas besser zu machen.

Die Seele mit der Zeichnung suchen

Nach dem Besuch der – im Übrigen wundervoll kuratierten – Ausstellung bleibt für uns zudem bemerkenswert, dass Beuys in seiner berühmten Rede die Zeichnungen Lehmbrucks völlig ausgespart hat. Dabei sind hier, im Tastenden, Suchenden des intuitiv gesetzten Strichs, die Bezüge zu Lehmbruck fast bis zur Verwechselbarkeit offensichtlich.

Aber das Offensichtliche wollte Beuys uns ja nirgendwo zeigen. Auch dies hat der Schüler mit seinem Lehrer gemein. (09.08.2021)

„Lehmbruck – Beuys. Alles ist Skulptur“ läuft nach bis zum 1. November 2021 im Lehmbruck Museum Duisburg. Dann schließt auch die Ausstellung „Beuys – Lehmbruck. Denken ist Plastik“ in der Bonner Bundeskunsthalle, die größer und spektakulärer ist. Die intimere in Duisburg gefällt uns aber trotzdem besser. Und außerdem gehört Lehmbruck auch beim Thema „Skulptur und Denken“ unseres Erachtens unbedingt zuerst genannt.

Joseph Beuys in der KunstArztPraxis:

Intuition statt Kochbuch. Ein Editionsgedicht
Reine Bildgebung (1): Joseph Beuys im Skulpturenpark Waldfrieden (leider schon gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Joseph Beuys und die Unsichtbarkeits-Maschine
Joseph Beuys reloaded (I): Der Mensch
Joseph Beuys reloaded (II): Jeder Mensch ein Künstler?
Joseph Beuys reloaded (III): Der Lehrer
Joseph Beuys reloaded (IV): Der Zeichner
Joseph Beuys reloaded (V): Beuys für Sammler
Joseph Beuys reloaded (VI): Warum Beuys heute noch?

Homepage des Lehmbruck Museums Duisburg
Homepage der Bundeskunsthalle Bonn

Beuys, der Schüler: „Alles ist Skulptur“ in Duisburg

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.