Der Film vor den Bildern. Gregory Crewdson in Bonn
Im Kunstmuseum Bonn läuft gerade die fulminante Retrospektive mit 70 teils großformatigen Arbeiten des US-Künstlers Gregory Crewdson: ein Vertreter der „narrativen Fotografie“, dessen unheimlich cinemaskopische Bilder oft Jahre und bis zu hundert Helfer*innen zum Entstehen brauchen. Wir läsen gern den Film DAVOR.
Gregory Crewdson macht es Kunstgeschichtlern leicht: Wer seine Fotos mit dem durch Wissen verdorbenen Auge ansieht, der wird in ihnen Tausende von Bezügen zu Kunst & Film entdecken können.
Fliegen die Motten im Frühwerk nicht vor die Scheibe wie in einem Collage-Roman von Max Ernst? Sitzen diese einsamen Frauen mit ihren leeren Blicken nicht auf den Betten wie im Hotel bei Edward Hopper?

Wir können unser Wissen nicht wegwischen
Sehen die Kleinstadt-Straßen mit ihren offen stehen gelassenen Autos nicht aus wie nach einer Vogelschwarm-Attacke von Alfred Hitchcock? Und ist das Licht nicht oft so schaurig schön wie bei Vermeer – oder in „Poltergeist“?
Allein aus Gregory Crewdsons Bezügen ließen sich ganze Kataloge mit kunstgeschichtlichen Texten basteln.

Wir müssen gestehen, in diesem Sinne selbst kunstgeschichtlich verdorben zu blicken.
Wir sehen im Frühwerk Stephen Shore, Ruud van Empel. Das, was wir schon mal gesehen haben, legt sich wie ein Schleier über unsere Augen. Das ist ja auch gewollt. Gregory Crewdson macht keinen Hehl aus seinen Vorbildern, im Gegenteil: Er betont sie selber.
Auch wir Drei von der KunstArztPraxis können unser Wissen nicht wegwischen. Das finden wir schade. Denn hinter dem Schleier lauert bei Gregory Crewdson immer auch etwas ganz Eigenes, und das ist viel wichtiger als das, was uns den Blick verstellt.
Da sind wir uns sicher.
Foto oben: Gregory Crewdson, „Eveningside Tattoo“ (2021, Detail),
Kunstmuseum Bonn, 2025
Hach. Wieder sehen wie ein Kind!
Dieses Eigene ist das, was wir meinen, wenn wir bei Kunst, immer wieder einmal, von Geheimnis sprechen, von Verheißung. Von Poesie! Hach. Vor Gregory Crewdsons Fotos jedenfalls wünschte man sich, man könnte wieder sehen wie ein Kind.

Ach ja: Wenn Kunstgeschichtler über Gregory Crewdson sprechen, dann heißt es immer, seine Fotos seien keine film stills: Sie enthielten einen ganzen Film, dessen Handlung sich im Bild verdichte.
Gregory Crewdson selbst hat von „Single Frame Movies“ gesprochen, er macht es Kunstgeschichtlern leicht. Das klingt zwar schön & lässt sich gut zitieren. Wir sehen das trotzdem anders.
Wir finden, dass Gregory Crewdsons Fotos sehr wohl film stills sind – wenn auch anders als bei Cindy Sherman. In unseren Augen spulen Crewdsons Bilder nämlich die Schlusssequenz von Filmen ab, die nie gedreht worden sind!
Die bis auf dieses film still unsichtbar bleiben. Die aber nachgerade darum FLEHEN, mitgesehen zu werden.

Foto oben: Das eigentliche DAVOR, DAHINTER: DAS würden wir gerne
greifen können! Gregory Crewdson, „Twighlight“ (1998-2002, Detail),
Kunstmuseum Bonn, 2025

DAS ist ein Wissen – wir wollen einmal sagen: unschuldiges Wissen, vom flehentlich Mitzusehenden, das wir für Gregory Crewdsons Werke gerne hätten.
Viele Filme, open ends
Vielleicht kann diese Filme aber auch nur ein Dichter wirklich vorher sehen, während er Gregory Crewdsons Fotos betrachtet? Zu „Gregory Crewdson“ in Bonn jedenfalls wünschten wir uns einen Katalog aus Texten, die weniger die Bezüge zu Kunst & Film aufdecken als vielmehr die Filme VOR diesen Bildern nacherzählen: von Dichtern, die vorhersehen KÖNNEN.
Peter Handke trauten wir das zu. Botho Strauß. Nicht vielen, die noch nicht verstorben sind.
Oder sollte sich besagter Katalog sogar nur auf EINES der in Bonn gezeigten grandiosen Foto stürzen? Denn vor jedem Foto Gregory Crewdsons wurden ja sehr VIELE Filme nicht gedreht, in UNSEREN Augen ist das so. Und jedes film still von der Schlusssequenz dieser vielen ungedrehten Filme ist ein open end.
Vielleicht ist DAS das Geheimnis. Die Verheißung? Die Poesie? (11.01.2026)
Und hier noch schnell der Abspann der Schlusssequenzen ungedrehter Filme:
„Gregory Crewdson“ ist noch bis zum 22. Februar 2026 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Wer nicht hingeht, ist selber schuld.
Das Kunstmuseum Bonn in der KunstArztPraxis:
Der Schatten seiner selbst in Bonn: „From Dawn Till Dusk“
Blick durchs Schaufenster. Bruno Goller in Bonn
Reine Bildgebung 26: Bruno Goller in Bonn
Reine Bildgebung 23: Katharina Grosse in Bonn (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Der brennende Dornbusch. Katharina Grosse in Bonn (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
An der Schnittstelle: Louisa Clement in Bonn
“Menschheitsdämmerung” in Bonn: Der Sturm ist da (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Von den Dingen: Wiebke Siem im Kunstmuseum Bonn
Porno, Killer? Zum Lassnig-Bild-Verbot der DB in Bonn
Die Luft der Yoko Ono: “Welt in der Schwebe”
Im Ohr von Beethoven: “Sound and Silence” in Bonn
Gerhard Richter Retro: “Über Malen” in Bonn (2017)
Schönheits-OPs (1): Das Kunstmuseum Bonn


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