Im Bonner Hauptbahnhof hat die Deutsche Bahn die Hängung eines Werbeplakats zur aktuellen Ausstellung von Maria Lassnig im Kunstmuseum Bonn verboten. Das sagt viel über Lassnigs große Kunst. Aber vielleicht sagt es noch mehr über unser Verhältnis zur Welt und zum Ich, das sie in ihren komplexen Gemälden bespiegelt.

Die Deutsche Bahn in Bonn hat Angst. Vor einer alten Frau mit zwei Pistolen, um genau zu sein. Unbekleidet und schamlos sitzt ihr faltiger Körper im Weiß des Bildraums wie ein Bandit auf seinem Pferd im Wilden Westen. Eine Waffe hält sie sich an die Schläfe, eine andere zielt auf den Betrachter. Das hat in seiner absurden Ausweglosigkeit viel bitteren Humor, aber sicher weder Porno- noch Killerpotential.

Für die DB aber hat es zu viel davon. Im Bonner Hauptbahnhof jedenfalls darf das Kunstmuseum Bonn für seine Lassnig-Ausstellung mit dem Selbstporträt „Du oder ich“ (2005), das die österreichische Künstlerin mit 81 malte, nicht werben. Das Gemälde verstoße gegen die Compliance-Regeln der DB, heißt es von dort: Es könnte Gefühle verletzen.

Das hat kaum Wellen geschlagen in der Presse. Dabei ist dieser Akt des Eingriffs in eine unserer Meinung nach sehr kluge Motivwahl bei aller regionalen Beschränktheit ein kleiner Skandal, der als Symptom der Zeit ein paar Worte verdient.

Maria Lassnigs „Du oder ich“ (2005) in seiner natürlichen Umgebung, Kunstmuseum Bonn, 2022

Against All Odds?

Grundsätzlich ist es natürlich schön, dass Lassnigs Wesen aus purer Farbe die DB-Entscheider auch nach knapp zwei Jahrzehnten immer noch provozieren kann. Provokation ist ja eines der vornehmsten Ziele von Kunst generell, und es gibt diesbezüglich geringere Verfallsdaten. Aber es ist natürlich schlecht, wenn diese Entscheider daraufhin Anderen verwehren, sich ebenfalls von Lassnig provozieren zu lassen.

Wir leben offenbar in einer Zeit, in der Jeder Jeden vor allem Möglichen beschützen will. In Klassikern der Weltliteratur gibt es inzwischen ebenso Warnhinweise zu potenziell verstörenden Szenen wie im Vorspann von remasterten Krimis aus den Achtzigern. Man möchte gar nicht wissen, was aus denselben Gründen schon in den Giftschränken des Gutgemeinten verschwunden ist.

In ihrer gedanklichen Blöße bombt uns diese Vorsorge unserer Meinung nach allmählich zurück ins Biedermeier einer selbst oder fremd verschuldeten Unmündigkeit.

Augenöffner Malerei

Dabei könnte sich Jedermann auf dem Weg zum Zug von Lassnig auf sehr anregende Art und Weise die Augen öffnen lassen. Sogar übers Alltäglichste, vermeintlich Banalste, vor dem wir sie ja gern verschließen.

Gewalt zum Beispiel kommt ja vor: gegen Frauen, gegen Männer, sogar gegen sich selbst, und auch von Frauen oder Kindern: in heimischen Wohnzimmern, in der Ukraine, ja, wer könnte es bestreiten: im Bonner Hauptbahnhof. Es gibt unseren Körper, der ohne äußere Gewaltanwendung unweigerlich zerfällt, von Innen heraus, selbst wenn sich unser Geist dagegen sträubt. Und dann gibt es auch noch eine Welt, die uns nicht selten sogar dann bedrohlich erscheint, wenn sie sich friedlich gibt.

Zu all dem muss und sollte man sich irgendwie verhalten. Und mit den verfremdenden und auch etwas distanzierenden Mitteln der bildenden Kunst geht das nun mal, Interesse vorausgesetzt, oftmals selbst niederschwellig, teils aber auch tiefschürfend, besonders gut. Nur dafür muss man die Kunst, die sowas zeigt, halt erstmal sehen.

Maria Lassnig im Kunstmuseum Bonn, 2022

Natürlich sieht man auf Lassnigs Bild Gewalt und eine nackte Frau. Aber man sieht die Frau eben nicht als Objekt lüsterner Begierden, sondern bei allem Zweifel und aller Verzweiflung doch als unerhört selbstbewusstes Subjekt, das seinen Verfall im offenen Visier hat. Und man sieht eine Aggression und sensible Wut, die niemanden degradiert, sondern Fragen stellt nach Identität, Individualität, Abgrenzung und vielleicht sogar Geschlecht.

Das unterscheidet Lassnigs Gemälde von jenen bunten Bildchen der Reklame-Flatscreens und der Boulevardpresse, die in ihrer plakativen Sicht auf Sex & Crime – anders als Lassnigs Ausstellungs-Plakate – natürlich immer noch am Bonner Hauptbahnhof zu finden sind. Porno und Killer ist vor allem das.

Das Paradox des Bildverbots

Jeder Passant hätte diese simplen Erkenntnisse eigentlich schon beim Vorüberhasten zum Gleis mitnehmen können von Lassnigs Bild. Wer stehengeblieben wäre, hätte vielleicht sogar noch mehr gesehen. Und sich im Idealfall selbst im Spiegel seiner Themen erkannt:

Die innere wie äußere Zerrissenheit des Ichs zum Beispiel, von Geist und Materie, in einer immer komplexer werdenden Gegenwart. Die als bedrohlich empfundene Präsenz des „Anderen“. Die zwiespältige Wahrnehmung des eigenen Körpers, nicht nur im Blick auf die Vergänglichkeit. Und das lähmende Unvermögen, trotz des unbändigen Wunsches sein Innerstes, seine Gefühle und Befindlichkeiten adäquat nach außen zu kehren und hinlänglich darzustellen.

Auch von diesen alltäglichen emotionalen Verletzungen und Wunden, die wahrzunehmen die DB-Entscheider mit ihrem Abbildungsverbot im Bonner Hauptbahnhof in vorauseilendem Gehorsam an den Zeitgeist verhindern wollten, erzählt Lassnigs Kunst. Und das in ihrer Radikalität zu einer Zeit, als es die heutige Radikalität dieser Fragen im öffentlichen Bewusstsein so noch gar nicht gab.

Maria Lassnig, „Dame mit Hirn“ (um 1990), Kunstmuseum Bonn, 2022

Aber es ist ja noch viel besser: Lassnig stellt all diese Zerrissenheiten nämlich einfach nur da, und zwar in einer auch stilistisch brillanten Malerei. Sie gibt keine platten Antworten, sondern will uns mit ihren Bildern auf eine sehr sinnliche Weise dazu anregen, über uns nachzudenken: ebenfalls ein vornehmes Ziel von guter Kunst. Auch dafür sollte man ohne jede Form von Hindernissen Trommeln dürfen in unserer flachen Reklamewelt.

Und wieder mal: Die Unsichtbarkeits-Maschine

Im Bezug auf Joseph Beuys haben wir vor etwas längerer Zeit das Wirken der vielarmigen Unsichtbarkeits-Maschine auch im öffentlichen Raum beklagt. Es ist dieselbe Unsichtbarkeits-Maschine, die verhindert, dass wir an dieser Stelle unsere Fotos der tollen Lassnig-Schau im Essener Museum Folkwang vor fünf Jahren zeigen dürfen, was wir gerne täten – und die uns, quasi mit vorgehaltener Pistole, zwingt, unsere Bonner Bilder ebenfalls bald wieder vom Netz zu nehmen.

Für uns ist die Zensur am Bonner Hauptbahnhof ein weiterer Arm dieser Unsichtbarkeits-Maschine. Er verhindert, dass Menschen mit Lassnig in Berührung kommen, die nicht von sich aus den Denk- und Schutzraum des Museums suchen. Solche Menschen zu erreichen ist ja immer die Hoffnung. Und diese Hoffnung stirbt mit einer als Compliance oder wie auch immer getarnten Zensur zuerst.

Maria Lassnig, „3 Arten zu sein“ (2004), Kunstmuseum Bonn, 2022

„Machst ja manchmal schlimme Sachen,
Über die wir trotzdem lachen.
Denn du bist, wir kennen dich,
Doch nur Farb- und Pinselstrich.“

Paulchen Panther

Die Auseinandersetzung mit Gewalt und Nacktheit durch Farb- und Pinselstriche jedenfalls sollte man selbst dann nicht verbieten, wenn sie von Irgendjemandem irgendwann irgendwie einmal als verstörend empfunden werden könnte (was ja durchaus sein kann) – und vor allem nicht, weil man es via Hausrecht darf. Die lokale Beschränktheit der Aktion unterstreicht da ihre Willkür.

Eher sollte man die Chance nutzen, die Kunst im Umgang mit schwierigen Gefühlen bietet. Und da ist Verstörung, vulgo: Provokation ein zentraler, vielleicht sogar Heilung und Tröstung initiierender Aspekt.

Natürlich hat auch dieser Grundsatz seine Grenzen. „Du oder ich“ von Maria Lassnig allerdings hat da, wie wir finden, nicht einmal annähernd eine rote Linie überschritten.

Hellhörigkeit und Scharfsicht

„Wach bleiben“ lautet der Untertitel der Schau im Bonner Kunstmuseum. Auch das ist im Blick auf gegenwärtige Tendenzen und Ereignisse, die Hellhörigkeit und Scharfsichtigkeit verlangen, wie Gewalt, Geschlechtlichkeit oder Zensur, ein guter Rat.

Ein weiterer von uns wäre, sich die Retrospektive von Maria Lassnig mit ihren 40 Werken im Kunstmuseum Bonn unbedingt anzusehen. Denn das ist ein großer, vibrierender – und zum Teil tatsächlich immer noch verstörender – Genuss für Hirn und Auge. Beim Wachbleiben hilft das ungemein.

Deshalb kann man für die Bonner Schau eigentlich gar nicht genug Werbung machen. Vor allem und gerade mit „Du oder ich“. Vielleicht denkt der Bonner Hauptbahnhof darüber ja nochmal nach. (28.03.2022)

Für alle Kunstwerke Maria Lassnigs: © Maria Lassnig Stiftung / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die Ausstellung „Maria Lassnig. Wach bleiben“ ist noch bis zum 8. Mai 2022 im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Am Bonner Hauptbahnhof wird dafür nach Auskunft des Museums inzwischen mit einem anderen, offenbar als harmloser empfundenen Motiv geworben. Ändert aber nichts am Grundproblem.

Anmerkung: Wir haben die DB um eine Stellungnahme gebeten und sie im Hinblick auf Gewalt von einem Bahnsprecher auch bekommen. „Es geht es uns nicht darum, Kunst zu bewerten“, heißt es darin. „Es geht uns auch nicht darum, Motive mit Waffen grundsätzlich abzulehnen.Wir schauen uns solche Motive immer individuell an und lehnen sie ab, wenn Waffen explizit herausgestellt werden oder Betrachtende sie als bedrohlich empfinden könnten.“ Dazu haben wir oben ja schon fast alles gesagt. Hier wollen wir aber zumindest zu bedenken geben, dass es eigentlich keine radikalere Bewertung von Kunst gibt, als sie mit Unsichtbarkeit zu strafen.

Das Kunstmuseum Bonn in der KunstArztPraxis:
Im Ohr von Beethoven: „Sound and Silence“ in Bonn (2021)
Schönheits-OPs (1): Das Kunstmuseum Bonn (2020)
Gerhard Richter Retro: „Über Malen“ in Bonn (2017)

Homepage des Kunstmuseums Bonn

Sexuelle Gewalt in Bonn: Junge (17) belästigte zahlreiche Frauen am Hauptbahnhof
Bombe am Bonner Bahnhof: lebenslange Haft für Marco G. (SZ)
Gewalt gegen Bundespolizisten am Bonner Hauptbahnhof
Schlägerei nach Demo legt Bonner Hauptbahnhof lahm
Hauptbahnhof Bonn: Minderjähriger mit Messer in Gewahrsam genommen
usw. usf.

Porno, Killer? Zum Lassnig-Bild-Verbot der DB in Bonn

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2 Gedanken zu „Porno, Killer? Zum Lassnig-Bild-Verbot der DB in Bonn

  1. Guter Text, danke! Die Sätze zur Folkwang-Ausstellung habe ich nicht verstanden. Wer darf da was nicht zeigen?

    Antwort KunstArztPraxis: Herzlichen Dank, für Lob & Frage! Zur Frage: Wollten wir unsere Bilder der Essener Ausstellung hier zeigen, müssten wir für jedes darauf abgebildete Kunstwerk jeden Monat Geld bezahlen. Das wäre für unsere ehrenamtliche KunstArztPraxis ein logistisches & finanzielles Desaster. Oder, um es in seiner ganzen Absurdität auszudrücken: Dank der Unsichtbarkeits-Maschine können wir es uns schlichtweg nicht leisten, unsere eigenen Fotos zu zeigen. Deshalb müssen die Bilder leider im Medizinschrank bleiben.

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