Atmen. Pulsen. Pochen. Kerstin Brätsch in Bonn
Indem sie ihre farbliche Abstraktionen als Körper in die Ausstellungsräume wachsen lässter, weckt Kerstin Brätsch die an sich ja platte Malerei mit „MƎTAATEM“ im Kunstmuseum Bonn zum Leben. Neben Neuproduktionen sind über 100 Werke der letzten 15 Jahre zu sehen. Die Arrangements sind pure Alchemie.
Die Älteren werden sich erinnern: Der letzte Marta-Preis der Wemhöner-Stiftung ging an Lena Henke, und wir Drei von der KunstArztPraxis hatten der Jury Lena Henke auf Einladung des Marta Herford höchstpersönlich vorgeschlagen! Darauf sind wir bis heute mächtig stolz.
Ende 2026 wird Kerstin Brätsch der aktuelle Marta-Preis überreicht, und wir können uns keine würdigere Nachfolgerin für Lena Henke denken. Denn Kerstin Brätsch macht tolle Kunst, die die – ihrem Wesen nach ja eigentlich fast platte – Malerei in Raum & Körper(n) weiterdenkt.

Dieses Fast-Platte-Malerei-in-Raum-&-Körper-Weiterdenken ist bei Kerstin Brätsch immer geistig ebenso sauber grundiert wie äußerst sinnlich ausgeführt.
Grandios pulsierend umgesetzt
Und ist im Kunstmuseum Bonn jetzt auch kuratorisch grandios pulsierend umgesetzt (Danke, Friederike Fast!).

In „MƎTAATEM“ kann man auf Bildern sitzen und durch Bilder gehen wie durch Zimmer. Da gibt es Malerei, die als Tapete mit abstrakten Felsen, Wolken und Gesichtern die hohen Wände symmetrisch überwuchert, wie eine zweite Haut.
Es gibt Malerei, die Schatten wirft. Die anderer Malerei als Sockel dient. Die Wege versperrt, Perspektiven öffnet oder monstergleich auch noch den kleinsten Zwischenraum beherrscht.
Andernorts gefriert Malerei zur abstrakten Landschaft: So wie bei „Fossil Psychics for Christa“, die Kerstin Brätsch mit Unterstützung des Stukkateurs Walter Cipriani geschaffen hat: „versteinerte skulpturale Pinselstriche“, wie Brätsch das nennt.
Foto oben: Kerstin Brätsch, „MƎTAATEM“ (Installationsansicht),
Kunstmuseum Bonn, 2025
Für Brätsch ist die „Fossil Psychics“-Serie auch eine Hommage an Steine: „ihre Präsenz, ihre Stille und ihre Fähigkeit, die Zeit zu konservieren.“ Wie der polierte Querschnitt durch Achate. Auch Natur ist Teil des malerischen Körpers.
Das hat eine visuelle Schönheit, die gerade dank der Abstraktionen Assoziationen weckt – und gleichzeitig beim betrachtenden Durchwandern über- und unterschwellig zu Reflexionen über sich selbst als Kunstwerk animiert.
Denken mit dem Knie in Reinkultur. Hach. So etwas gefällt uns Dreien von der KunstArztPraxis ja bekanntlich immer ganz besonders gut.

„Ich begreife Malerei als Organismus.“
Kerstin Brätsch
Ein Glück: Der Raum ist da
Beim betrachtenden Durchwandern von „MƎTAATEM“ jedenfalls war uns, als habe Kerstin Brätsch einen künstlerischen Kernspin-Tomographen mitsamt Sonar und Röntgenröhre angeworfen:
Auf dass wir staunenden Auges hineinschauen könnten in Herz & Lunge – ach, was sagen wir: in alle nur ERDENKLICHEN Organe der abstrakten Malerei.
Während die Bilder in großer Geste atmeten, pulsten und pochten, und zwar, ja: GANZHEITLICH. So zumindest erschien es uns.
Zum Glück ist Raum zum ganzheitlichen Atmen, Pulsen, Pochen dieser Werke im Kunstmuseum Bonn gegeben.

Foto oben: Kerstin Brätsch, „Atem“ (2024/2025),
Kunstmuseum Bonn, 2025
Mit „MƎTAATEM“ ist Kerstin Brätsch unserer Meinung nach etwas ganz Zauberhaftes gelungen: Sie hat dem Museums-Körper mit Farbe Leben eingehaucht wie Rabbi Löw dem Lehm.* Wobei ihr Golem klug ist und in Bildern zu uns spricht.
*dass dies bei den architektonisch doch recht dominanten Räumen
des Kunstmuseums Bonn in dieser Form nicht ganz einfach ist,
wollen wir zumindest kurz erwähnen.
Wir müssen das alchemistisch nennen
Wir können das nicht anders als alchemistisch nennen. Was ganz im Sinne Kerstin Brätschs sein sollte. Denn als eine Art Alchemistin versteht sich die Künstlerin offenbar auch.


Da nimmt es kaum Wunder, dass der von uns ja so geliebte objektive Zufall Kerstin Brätsch in einer Glaswerkstatt Restbestände einer Arbeit in die Hände spielte, die ein anderer Alchemist der Malerei 2009 für die Buntglasfenster des Großmünsters in Zürich schuf. Natürlich: Sigmar Polke.
„Ich habe seine Rest-Achate in meine eigenen Glasarbeiten eingebettet, wie eine Katze, die einen Teller sauber leckt“, sagt Brätsch. Allein für diese schöne Formulierung hat sich die Erwähnung der Anekdote schon gelohnt.
Auch Polke war ein Zauberer, der mit Malerei Räume füllte und Pavillons zu lebendigen Körpern machte! Wir wollten das als kleinen Exkurs aus gegebenem Anlass hier nur kurz ins Gedächtnis rufen.

Die Alchemie muss aber stimmen!
Zur Alchemie des Atmens, Pulsens & Pochens von Kerstin Brätschs Werken gehört nicht nur, dass sie ihren Malerinnen-Körper in gewisser Weise dadurch erweitert, dass sie mit anderen Künstler*innen oder Kunsthandwerkern kollaboriert.
Dazu gehört auch, dass Brätsch selbst nicht immer weiß, wohin der Prozess der – am Ende allerdings dann doch wieder bewusst gelenkten – Bildfindung führt.
Deutlich wird das bei den „Marmorierungen“, bei denen Kerstin Brätsch den gestischen Pinselstrich gegen übers Blatt laufende Tusche eingetauscht hat. Die Blätter bewegt sie mit dem Marmorier-Meister Dirk Lange gemeinsam hin und her.

Foto oben: Kerstin Brätsch, „MƎTAATEM“ (Installationsansicht),
Kunstmuseum Bonn, 2025

Für Brätsch ist dies vor allem eine Arbeit physikalischer Kräfte wie „Schwerkraft, Abstoßung und Anziehung“: eine Arbeit, die zudem von den Eigenschaften der verwendeten Materialien bestimmt wird.
Lang lebe Subjektivität & Autorschaft!
Dass da ja wohl einmal mehr die Frage nach Autorschaft und Subjektivität von der Künstlerin aufgeworfen werde:
Dieser Gedanke geistert da fast schon automatisch durch unsere drei Gehirne, wird aber gleich wieder – Pfft, pfft, Gedanke! – erfolgreich daraus verscheucht.
WIR glauben nämlich noch an Subjektivität & Autorschaft. Und zwar UNISONO.
Foto oben: Kerstin Brätsch, „MƎTAATEM“ (Installationsansicht),
Kunstmuseum Bonn, 2025
Wilder Tango für vier Arme?
Wir stellen uns das Procedere lieber als wilden Tango für vier Arme vor, bei dem Papier & Tusche jene Körper sind, die von besagten Armen im Rhythmus bewegt & tänzerisch verschmolzen werden wollen. Und wo vielleicht mal das eine und mal das andere Hand-Paar führt. Bis die Vorlage steht für das – nach dem Tanzen wie gesagt noch nachbereitete – endgültige Werk.
Bei DIESEM alchemistischen Werden würden wir im Atelier gerne einmal Mäuschen spielen.

Wenn nichts dazwischenkommt, dann wird Kerstin Brätsch den mit 25.000 Euro dotierten Marta-Preis Im November 2026 bei einem Festakt im Marta Herford offiziell entgegennehmen; damit verbunden ist eine Einzelausstellung in der dortigen Lippold-Galerie.
Hoch & weit vs. niedrig & Schlauch
Wir sind schon sehr gespannt, wie ihre skulpturale Malerei dort atmen, pulsen oder pochen kann. Nur eins ist klar:
Es wird ein anderes Atmen, Pulsen oder Pochen sein. Denn so viel wunderbaren Platz zum Atmen, Pulsen oder Pochen wie im Kunstmuseum Bonn werden Kerstin Brätschs Bilder in der eher schlauchig & niedrig ausgeformten Lippold-Galerie nicht haben.

Foto oben: Selbst zum Raum-Verstellen braucht man Raum!
Kerstin Brätsch, „MƎTAATEM“ (Installationsansicht),
Kunstmuseum Bonn, 2025

Wir werden auf jeden Fall im November nach Herford reisen. Und vielleicht werden wir sogar berichten.
Aber vorher werden wir sicher noch einige Male staunenden Auges und denkenden Knies durch Kerstin Brätschs hypnotische Bonner Farb-Körper wandern, die auf sehr wundersame Weise Reflexionen über ungeahnte malerische Möglichkeiten mit deren sinnlicher Präsenz in Raum & Körper lebendig verknüpft.
MƎTAATEM eben. (08.02.2026)
Kerstin Brätsch. MƎTAATEM“ ist noch bis zum 12. April 2026 im Kunstmuseum Bonn zu sehen.

Das Kunstmuseum Bonn in der KunstArztPraxis:
Der Schatten seiner selbst in Bonn: „From Dawn Till Dusk“
Blick durchs Schaufenster. Bruno Goller in Bonn
Reine Bildgebung 26: Bruno Goller in Bonn
Reine Bildgebung 23: Katharina Grosse in Bonn (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Der brennende Dornbusch. Katharina Grosse in Bonn (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
An der Schnittstelle: Louisa Clement in Bonn
“Menschheitsdämmerung” in Bonn: Der Sturm ist da (leider gefressen von der Unsichtbarkeits-Maschine)
Von den Dingen: Wiebke Siem im Kunstmuseum Bonn
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Schönheits-OPs (1): Das Kunstmuseum Bonn


Toller Beitrag! Danke! Da gehe ich auf jeden Fall hin. K.