„Grenzgänger“ in Münster: Wer sammelt die Geschichten?
Erst war Helmut Klewan Galerist in Wien und München, dann begann er selbst zu sammeln. „Grenzgänger der Moderne“ im Kunstmuseum Pablo Picasso zeigt nun rund 200 Werke seiner Sammlung, darunter Meisterliches von Picasso, Debuffet, de Chirico und Giacometti. Wir erzählen die Geschichten dahinter.
In unsrer Münchner Epoche lebten wir in einer Dreier-WG mit winziger Küche, über deren Tisch ein Plakat mit einer Zeichnung von Alberto Giacometti – damals unser Hausgeist – hing.
Im Urlaub tauschten wir unser Heim einmal mit der Wohnung eines Freundes aus Zagreb. Kurz darauf erhielten wir seinen verzweifelten Anruf.
Ob er das Giacometti-Plakat abhängen dürfe, bitte?, fragte der verzweifelte Freund. Seine Frau würde sich aus Angst vor „diesem entsetzlichen Gesicht, das die Küche zum Gefängnis macht“, weigern zu kochen.
„Es nimmt dem Raum die Luft zum Atmen“, habe sie gesagt.

Bild oben: Dieses Plakat einer Giacometti-Ausstellung
in Zürich hing jahrelang in unserer Münchner Küche.
Das ist wohl das, was wir in der KunstArztPraxis bisweilen als horror vacui artificiosi diagnostizieren.
„Giacometti sieht die Leere überall.“
Jean-Paul Sartre
Wir erwähnen diese Anekdote hier aus Gründen – und zwar, wie bei uns Usus, aus dreierlei:

Zum Ersten, weil uns die Geschichte vor Augen führte, wie wirkmächtig Giacomettis Kunst für jene ist, die den Käfig um die Figuren selbst da noch sehen können, wo Giacometti ihn ausspart. Und wie seine Figuren den Raum neu vermessen: selbst den jenseits des Werks.
Zum Zweiten, weil wir hier über die Sammlung von Helmut Klewan schreiben, der nicht nur die größte private Giacometti-Sammlung Europas besitzt, sondern in Münster gerade mehr Giacometti-Skulpturen zeigt, als Deutschlands größte institutionelle Giacometti-Sammlung, die des Lehmbruck Museums in Duisburg nämlich, besitzt.*
*nämlich doppelt so viele, also sechs.
Foto oben: Alberto Giacometti, „Der Käfig (Erste Version)“ (1950)
Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster 2026; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Der Sockel als Fahrstuhl
70 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen Giacomettis sind in „Grenzgänger der Moderne“ zu sehen.
Auch die erste Version von Giacomettis „Käfig“ (1950) – eine wundervolle Plastik, die das Problem des Sockels ganz eigenwillig löst und die Figuren wie im Fahrstuhl hebt – ist darunter.

Und zum Dritten erwähnten wir die Anekdote mit unserem Gefängnis-Küchen-Giacometti, weil es bei Helmut Klewan ebenfalls immer auch um die Anekdoten hinter oder mit den Bildern geht – das merkt man, wenn man sich, wie wir es durften, mit ihm unterhalten darf.
Man sammelt ja nicht nur Werke!
Als Sammler sammelt man ja nicht nur Werke. Man sammelt auch all jene Geschichten, die um diese Werke ihre Kreise ziehen wie das Wasser um einen in den See geworfenen Kiesel.
Oder wie Giacomettis suchender Strich um die im Käfig gefangene Seele.

Bild oben: Alberto Giacometti, Porträt von Annette“ (1962).
Auch in Münster zu sehen; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026


Wir könnten jetzt viel über die Ausstellung in Münster schreiben, die rund 200 Werke der Pariser Moderne vor allem von Alberto Giacometti, Pablo Picasso, André Masson und Jean Debuffet, aber auch von Giorgio de Chirico, Max Ernst, Dorothea Tanning, Toyen, Salvador Dali und René Magritte versammelt.
Über einige Werke, die wir besonders faszinierend finden.
Aber diesbezüglich lassen wir einfach mal die Bilder, vulgo: unsere Fotos sprechen. Hier schreiben wir lieber über den Sammler Helmut Klewan. Und über die Geschichten, die er mitgesammelt hat.
Foto oben: Meret Oppenheim, „Eine entfernte Verwandte“ (1966)
Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster 2026; © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

„Ich bitte um Nachsicht, ich werde ja schon Neunzig! In sieben Jahren.“
Helmut Klewan
Helmut Klewan gehört nämlich zu einer fast schon ausgestorbenen Galeristen-Gattung, wie wir sie nur aus dem Münchner Umfeld kennen, die es aber vielleicht auch irgendwo in Wien noch gibt.
Einer mit noblem Understatement, sehr charmant, ein Plauderer im besten Sinn, mit einem ganz speziellen, leicht bajuwarisch einfärbten Witz.
Er hat sie alle gekannt!
Einer, der Namen von berühmten Künstler*innen und Galeristen aus dem Hut zaubert, weil er sie alle gekannt hat, aber auch die von deren Frauen und Kindern, die er ebenfalls kannte. Und diese Namen sind ihm wieder Kiesel, die er ins narrative Wasser wirft, auf dass es in allen Köpfen seine Kreise ziehe.
Mäandernd. Hohes mit Profanem mischend. Die Pointe übers Faktum stellend. Von Anekdote zu Anekdote.

Für Journalisten, die nach Konkretem dürsten, um schnell wieder in die Schreibstube abzuwandern, ist dieses mäandernde Plaudern schwierig. Für den jedoch, der schwimmen will, ist es eine große Freude.

Und man kann einiges lernen
Beim Schwimmen im mäandernden Plaudern kann man auch einiges lernen über Künstler*innen und den Kunstbetrieb. Und übers Sammeln. Auch Interna.
Man kann sich aber auch einfach nur gut unterhalten fühlen.
Zum Beispiel: Wie die Tochter von Jean Dubuffet Isalmina („sie hatte eine sehr schöne Altbauwohnung“) Klewan einmal erzählt habe, dass das eisige Schweigen ihres desinteressierten Vaters beim Anblick ihrer Werke – der erste Anblick, nach 40 Jahren! – sie veranlasst habe, nach eben diesen 40 Jahren komplett mit dem Malen aufzuhören.
Bild oben: „Er war ein Rabenvater“ (Isalmina Dubuffet). Jean Dubuffet,
„Figur im roten Kreis“ (1961), Kunstmuseum Pablo Picasso, Münster 2026;
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Wie froh er sei, dass der Surrealist André Masson es noch erleben durfte, wie er, Klewan, im Sommer 1987 bei Sotheby’s in London eines seiner Hauptwerke für den damaligen „Weltrekordpreis“ von 200.000 Pfund („das wären heute vielleicht 1,5 Millionen“) ersteigert habe („kurz darauf ist er gestorben“).
Und wie Massons Sohn Diego („ein berühmter Dirigent“) bei ihm zuhause einmal „sehr aufmerksam“ einer Reggae-Platte des diktatorischen Massenmörders Idi Amin Dada („der hatte ja eine sehr gutmütige, warmherzige Stimme“) lauschte.

„Bis auf den mittleren Bruder Diego habe ich eigentlich die ganze Familie Giacometti kennengelernt, auch den einzigen Neffen Silvio. Es ist sehr schön, wenn man noch so private Geschichten kennt.“
Helmut Klewan

Wie er 1971 „bei Kornfeld, für 5.000 D-Mark“ seine erste Giacometti-Zeichnung erworben habe:
„Aber kurz darauf kam der Arnulf Rainer, ein großer Giacometti-Fan wie die Lassnig, der Nitsch hingegen konnte nichts anfangen mit ihm, und hat sie mir für 7.500 D-Mark wieder abgekauft.“
Hätte sie sie besser nicht versteckt!
Dass er ohne den Giacometti-Biografen James Lord („ein guter Freund“) gar keine so große Giacometti Sammlung hätte aufbauen können:
„Alles, was der Alberto in den Mülleimer hat werfen wollen, hat der James Lord wieder herausgefischt.“
Bild oben: Der hat ja immer alles vollgekritzelt! Giacometti-Zeichnungen
auf der von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre herausgegebenen
Zeitschrift „Le temps modernes“ (1955); © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Und wie Odette Giacometti („eine sehr elegante Dame“), die Frau von Alberto Giacomettis Bruder Bruno („mein ältester Freund“) immer dann, wenn Alberto im Sommer aus Paris zu Besuch kam, die sündhaft teuren Kunst-Kataloge vor ihm versteckte, weil: „Der Alberto hat ja immer alles vollgekritzelt!“
„Heute wäre ich froh, die Bücher nicht versteckt zu haben“, hat die Odette Giacometti zum Helmut Klewan gesagt.
„Die Odette, das war eine ganz nette. Sie ist sehr jung gestorben, hoffentlich passiert uns das nicht. 98 ist sie bloß geworden.“
Helmut Klewan
Und natürlich hat auch der Sammler Klewan eine eigene Anekdote, die im Wasser ihre Kreise zieht, und die geht so: Als er als junger Mann dem berühmten Picasso-Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler von seinen Plänen berichtet habe, sein Kollege zu werden, habe dieser ihm entgegnet, dann solle er nur nie auf die Idee verfallen, selbst zu sammeln! Das sei schlecht fürs Geschäft.
„Rückblickend betrachtet war das der schlechteste Ratschlag, dem ich gefolgt bin“, sagt Helmut Klewan.:“Ich hätte noch viel mehr sammeln sollen.“ Wer „Grenzgänger der Moderne“ gesehen hat, kann ihm da nur zustimmen.

So geht Sammeln schief!
Unsere Liebe zu Hausgeist Giacometti hat uns übrigens einmal dazu verführt, ein Bild von Max Uhlig zu erstehen: Das war noch, bevor wir den Aufbau der Hammer Sammlung Bloehme betreuen durften. Aber wegen Ähnlichkeit zu sammeln: Das geht schief.
Helmut Klewan hat einmal etwas gemacht, was auf den ersten Blick ein bisschen vergleichbar klingt, auf den zweiten Blick aber stimmig ist, nicht nur der Anekdote wegen:
Er hat einmal ein Bild gekauft, dass in jedem De Chirico-Lookalike-Wettbewerb den ersten Platz gemacht hätte*, aber von einem anderen Maler stammt.
*und zwar noch VOR De Chirico!
Bild oben: Ein bisschen wie Giacometti, aber ganz anders:
Max Uhlig, „Frauenkopf nach K.“ (1989)
Vom spanischen Surrealisten Óscar Dominguez nämlich. Auch dieses Bild ist – in dem in unseren Augen atemberaubendsten Raum der Schau – in Münster zu sehen.
Das war pure Rache!
Gemeinsam mit André Breton und Paul Éluard beteiligte sich Dominguez 1946 an einer Ausstellung in Paris, die 20 gefälschte De Chiricos zeigte: eine Aktion aus purer Rache, weil de Chirico zuvor dem Surrealismus abgeschworen hatte.
Wir wissen nicht hundertprozentig, ob Helmut Klewans gefälschter de Chirico dieser Ausstellung entstammt, wir haben da lieber nicht nachgefragt. Wir hatten zu viel Sorge, uns diese hübsche Anekdote, die in unseren Köpfen immer noch Kreise zieht wie das Wasser um einen in den See geworfenen Kiesel, zu versauen.

Bild oben: Óscar Dominguez‚„Metaphysisches
Interieur mit Fischen“ (1945/1946); © VG Bild-Kunst, Bonn 2026


Ach ja: Wir haben Helmut Klewan sicher ein halbes Dutzend mal vor Ort mit unserem Vorschlag genervt, sein Leben von Jemandem aufzeichnen zu lassen, der Kreise entmäandern kann; all diese wunderbaren Anekdoten.
Er hat uns gesagt, er habe schon ein paar Aufsätze über seine Begegnungen mit Künstlern geschrieben – das reiche.
Wir finden eigentlich nicht, dass das reicht, Herr Klewan, wir sagen das jetzt zum letzten Mal. Unsere Begegnung im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster war der Beweis dafür.
Jetzt sind Sie weg aus Münster, Herr Klewan. Jetzt hängen da nur noch diese grandiosen Bilder. Aber: Wer sammelt die Geschichten? (06.09.2026)
„Hier in Münster wird meine Sammlung so elegant wie noch nie präsentiert, da lacht mir das Herz, wenn ich das sehe. Ich habe eine neue biologische Herzklappe gekriegt vor zwei Jahren, vom Chefarzt im Klinikum in Heidelberg, das ist der Neffe eines meiner Galeristen-Schüler. Der hat mich gefragt: Willst du lieber Rind oder Schwein? Ich habe mich für Schwein entscheiden, das Schwein ist uns Menschen näher als das Rind. Schweine sind sehr intelligente Tiere, die leider das Pech haben, dass sie so gut schmecken.“
Helmut Klewan
„Giacometti, Picasso, Masson, Dubufett. Grenzgänger der Moderne. Die Sammlung Klewan“ ist noch bis zum 25. Oktober 2026 im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen.
Anmerkung 1: Wir haben einen guten Freund, der auch in München Galerist ist: An den hat uns Helmut Klewan erinnert. Zufällig ist dieser Freund, wie wir in Münster von Helmut Klewan erfahren haben, auch ein guter Freund von Helmut Klewan, der ihm, was wir allerdings schon wussten, kurz vor Ausstellungsbeginn eine Zeichnung von Günther Brus verkauft hat. Helmut Klewan sammelt ja auch die Wiener Aktivisten, die er sehr früh, in den 1970er Jahren, auch gehandelt hat. Schon wieder so ein Kreis.
Anmerkung 2: Und um auch die Geschichte mit dem Giacometti-Poster in unserer München Küche und dem Besuch aus Zagreb kreisrund zu machen: Dazu passt, dass wir im Winter 2016 im prachtvollen Kunstpavillon von Zagreb unsere bisher beste Giacometti-Ausstellung sahen – während im Ledeni Park auf dem König-Tomislav-Platz vorm Mueumsbau die Schlittschuhfahrer*innen ihre Kreise zogen.
Alberto Giacometti in der KunstArztPraxis:
Der Mann aus Gips. Alberto Giacometti in Brühl (leider Opfer der Unsichbarkeits-Maschine)
Münster et. al. in der KunstArztPraxis:
Wir heben einen Schatz oder: Münster, kauf Tilo Keil!
55 Jahre 68: Spurensuche: Wer hat Angst vor Tilo Keil?
Wider das Vergessen 1: William Turner zum 250.
Zum 50. Todestag: Hommage à Picasso
Homepage des Kunstmuseums Pablo Picasso Münster



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