Geschichten sammeln II: Herr Klewan erzählt
Im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster zeigt der Münchner Sammler Helmut Klewan gerade Teile seiner umwerfenden Sammlung. Wir konnten ihn zwar nicht überreden, sein Leben aufzuzeichnen. Aber vier Geschichten hinter den Bildern von Picasso, Giacometti, Ernst oder Buffet hat er uns trotzdem verraten.
Warum wir gebettelt haben, dass Herr Klewan sein Leben bitte bitte doch aufzeichnen solle, haben wir an anderer Stelle in der KunstArztPraxis schon erklärt – warum er es nicht möchte, auch. Wir haben bei unserer schönen Begegnung in Münster aber vier Geschichten von ihm aufgeschnappt, die wir den geneigten Lesenden als Erklärung fürs Betteln anbei präsentieren.
Die dazugehörigen Bilder sind noch bis zum 25. Oktober 2025 im Kunstmuseum Pablo Picasso im Original zu bestaunen. Das ist nicht mehr lange! Also: sputen, sputen, sputen.
Und nun voilà:
Alberto Giacometti, „Porträt von Henri Matisse“ (1954)
„Alberto Giacometti hat ja auch Henri Matisse porträtiert, da hat er immer gesagt: Das schaffe ich nicht, und Henri Matisse hat ihn immer beruhigt.
Da war ich dabei!
Als mein guter Freund Wieland Schmied, der damals Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München war, diese Zeichnung gesehen hat, da hat er gesagt:
Die kenne ich, da war ich dabei! Da hatte der Alberto schon drei Zeichnungen gemacht und in den Mülleimer geworfen, und bei der vierten hat er gesagt: Ah, die ist mir auch misslungen, die muss ich schon wieder wegschmeißen.

Da hat der Matisse gesagt: Nein, das kann nicht sein, du bist doch ein so guter Künstler, lass mich mal schauen. Und dann hat er sich die Zeichnung lange intensiv angeschaut und am Ende gesagt: Ja, du hast recht, die ist dir auch misslungen. Die musst du wegschmeißen.
Diese Geschichte hat der Wieland Schmied in der Sekunde, wo er das Bild gesehen hat, komplett erfunden.“
Pablo Picasso, „Akt und sitzender Mann“ (1972), Tusche auf Papier

„Ich habe erst spät begonnen, Picasso zu sammeln, mit Picasso habe ich mir Zeit gelassen. Der Kollegin Angela Rosengart verdanke ich dieses Blatt.
Das war so ein Zufall. Da saß ich in einer Auktion, und neben mir sitzt Angela Rosengart, die ich damals noch nicht kannte. Ihr Vater Siegfried hat ja das berühmte Museum gegründet, das Museum Sammlung Rosengart in Luzern. Und sie ist eine enge Vertraute vom Picasso gewesen.
Da würde ich noch einmal draufgehen
Und als das Blatt dann schließlich aufgerufen wird, da stupst mich die mir damals gänzlich unbekannte Angela Rosengart so an und sagt mit ihrem Schweizer Akzent: Ach, das ist doch ein ganz schönes Blatt, oder? Da würde ich doch noch einmal draufgehen.
Das habe ich dann auch gemacht, und mit 160.000 Pfund hab ich‘s dann auch gehabt. Das war 1983. So kam ich zu meinem ersten Picasso. Heute habe ich über hundert.
Und jetzt habe ich gerade gelesen, dass die Angela vor ein paar Wochen mit 94 gestorben ist.“
Max Ernst, „Porträt Gala“ (1926), Öl auf Leinwand

„Dieses Bild hat eine Million Pfund gekostet, und ich muss sagen: Es war mir eigentlich immer zu brav für den Preis.
Ich habe es nur kaufen können, weil ein paar Jahre vorher zwei Direktoren von Sotheby‘s aus London bei mir waren, und die haben mich um eine Giacometti-Skulptur gebeten, fast auf den Knien.
Bei Christie‘s gäbe es keine, das sei eine einmalige Chance! 500.000 Pfund haben sie mir geboten netto, spesenfrei.
Meine Frau hat geweint vor Freude
Da habe ich ihnen meine schwächste Giacometti-Skulptur mitgegeben: So ein Quader, aus dem etwas unbedarft da oben so ein Kopf rausgewachsen ist.
Die haben das bei Sotheby‘s dann aber wunderbar ausgeleuchtet, und das ging dann bei der Auktion in zehn Minuten hoch auf 1,5 Millionen Pfund. Da gab es Telefone aus Japan, ich saß mit meiner Frau in der ersten Reihe.
1,5 Millionen Pfund – für meine schwächsten Giacometti! Meine Frau hat geweint vor Freude.
Und dann habe ich gleich am nächsten Tag eine Million Pfund für Max Ernsts Gala ausgegeben. Sonst hätte ich das wahrscheinlich nicht gemacht.“
Bernard Buffet, „Le bar du Liberty’s“ (1950), Öl auf Leinwand

„Das ist ein legendäres Selbstporträt, denn Bernard Buffet, der kurze Zeit später so populär war, dass er ein Porträt von Charles de Gaulle für das Cover des „Time Magazine“ angefertigt hat, war damals Barmann in der „Bar du Liberty’s“, die heute nicht mehr besteht. Wie er das Bild gemalt hat, da war er 23 Jahre alt.
Zu dieser Zeit gab es ein legendäres Abendessen in dieser Bar, geschlossene Gesellschaft, da war auch der französische Unternehmer und Mäzen Pierre Bergé zugegen, der später vor allem als Partner und Mitbegründer des Modehauses von Yves Saint Laurent bekannt geworden ist. Pierre Bergé war Buffets Lebenspartner zu dieser Zeit.
Wo Buffet seine Frau kennenlernte
Und an diesem Abend hat Pierre Bergé den jungen Yves Saint Laurent kennengelernt, das hat mir ein Kollege erzählt. Das ist eine sehr schöne Geschichte.
Buffet hat in der Bar später übrigens auch seine Frau kennengelernt: Annabel Schwob de Lur, die Model, Sängerin, Schauspielerin und Autorin war und seine Muse wurde. Und die hat ihn in ein, zwei Wochen von homo auf hetero umerzogen.“
Anmerkung: Die Passage mit Annabel Schwob gefällt uns natürlich besonders gut, denn Annabel Schwob gehörte zur selben französisch-jüdischen Intellektuellenfamilie wie der Schriftsteller Marcel Schwob, der ja auch so einer unserer Praxisgeister ist. Aber das ist eine andere Geschichte und wurde ja auch schon andernorts erzählt.
Und weil „Grenzgänger der Moderne“ auch jenseits aller Geschichten hinter den Bildern einfach eine tolle Ausstellung ist: Hier noch ein kleiner Rundgang in 64 Fotos, als Entscheidungshilfe quasi. Nochmal voilà:
(11.10.2026)
„Giacometti, Picasso, Masson, Dubufett. Grenzgänger der Moderne. Die Sammlung Klewan“ ist noch bis zum 25. Oktober 2026 im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zu sehen. Das ist nicht mehr lange! Also sputen, sputen, sputen.
„Ich habe in München rund 200 Quadratmeter, vor zwölf Jahren bin ich mit 3.000 Euro Miete eingezogen, inzwischen sind wir bei 4.700 Euro monatlich. Ich habe keinerlei Einkünfte, ich gehe also sehenden Auges meiner Altersarmut entgegen. Da werde ich wohl einiges aus meiner Sammlung verkaufen müssen und kann mit Fug und Recht behaupten: Ich lebe von der Wand in den Mund.“
Helmut Klewan
Münster et al. in der KunstArztPraxis:
Geschichten sammeln I: „Grenzgänger der Moderne“
Wir heben einen Schatz oder: Münster, kauf Tilo Keil!
55 Jahre 68: Spurensuche: Wer hat Angst vor Tilo Keil?
Wider das Vergessen 1: William Turner zum 250.
Zum 50. Todestag: Hommage à Picasso


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