Wir sagen es schon, seit wir existieren: Kunst ist Therapie mit anderen Mitteln. Das sagt auch der mexikanische Künstler Pedro Reyes. Aber er sagt das viel besser. Weil er es in bewundernswerter Weise zeigt. Sogar zum Mitmachen! Momentan im Marta Herford. Beuys würde staunen.

An dieser Stelle müssen wir erst einmal ein Geheimnis loswerden, das wir noch Niemandem verraten haben: Einer von uns KunstArztPraxisÄrzten hat sich beim Gang durch „Sociatry“ bei einem blasphemischen Gedanken ertappt!

„Eigentlich hätte Joseph Beuys seinen ollen Filzhut an den Nagel hängen sollen“, hat besagter Einer nämlich gedacht. „Viel besser wäre es gewesen, mit einem Kollektivsombrero durch die Welt zu balancieren, wie Pedro Reyes ihn erfunden hat. Dann hätten ihn viele Menschen sicher besser verstanden.“

Pedro Reyes: „Collective Hat“ (2004), Marta Herford, 2022

Tatsächlich scheint uns der „Collective Hat“ (2004) aus gepressten Palmblättern das kopfbedeckende Sinnbild jener sozialen Plastik zu sein, die Beuys sich in seiner Filzhuteinsamkeit ausgedacht hat:

Wärmend und schützend verbindet er die Hirne und Köper von Menschen, die dank ihm nun freiwillig gezwungen sind, in einem kreativen Prozess in dieselbe Richtung zu gehen, also ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Wobei Jeder beim Vorwärtsschreiten ganz demokratisch auf die Taktung der Anderen Rücksicht nehmen muss.

Der Hut bringt also eine Gesellschaft im schulenden Prozess ganz konkret mittels Kunst voran. Wie toll ist bitte das.

Pedro Reyes, „Amnesia Atómica“ (2020), Marta Herford, 2022

Pedro Reyes hat offenbar einiges gelernt von Joseph Beuys, und zwar, wenn wir das richtig sehen, vor allem das Sympathische. Nicht nur das mit der sozialen Plastik, sondern auch das ganz speziell Poetische und das mit dem Augenzwinkern.

Den Hang zur politischen Aktion, vor allem im öffentlichen Raum. Die Beschäftigung mit den drängenden Zukunftsfragen der Menschheit. Oder den Gedanken, dass Kunst in gewisser Weise heilen – also für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft kathartisch wirken – kann.

Und die Vorstellung, dass dafür unbedingt der Austausch mit dem Publikum nötig ist: das Gespräch, das dem Gegenüber hilft, seine Erkenntnisse durch eigenständiges Denken selbst zu gewinnen. Aber das hatte Beuys ja seinerseits schon beim platonischen Sokrates abgeguckt.

„Ein soziales Experiment kann gleichzeitig
therapeutisch und unterhaltsam sein.“

Pedro Reyes

Und vieles in unseren Augen eher nicht so Sympathische fehlt bei Reyes. Die erdenschwere Ernsthaftigkeit zum Beispiel, auf die seine Jünger Beuys heutzutage gerne reduzieren. Das esoterische Heilige. Die hohe Schwelle. Stattdessen, bei Reyes: zumeist spielerische, einleuchtende Leichtigkeit.

Da sollte man sich vom Ausstellungstitel „Sociatry“, der das Gemeinschaftliche („socius“) und das Heilende („iatreia“) ebenso wie Latein und Griechisch etwas kryptisch verbindet, nicht abschrecken lassen.

Pedro Reyes, „Philosophical Casino“ (seit 2006), Marta Herford, 2022

Drinnen warten ohnehin Helfer in blauen Kitteln darauf, Besucher*innen mit Kunst zur Selbst- und Fremderkenntnis zu führen. Denn im Marta-Dom hat Reyes inmitten seiner Schau mit insgesamt rund 50 Zeichnungen, Skulpturen und Videos einen Parcours aus mehreren „Behandlungswegen“ abgesteckt, wo Jeder und Jede sich und sein/ihr soziales Verhalten hinterfragen kann.

Und das klingt hier didaktischer, als es an Ort und Stelle praktisch ist.

Die Geburt der Antwort aus dem Geist des Orakels

Im „Philosophical Casino“ zum Beispiel kann man sich Zitate großer Geister erwürfeln (oder erkreiseln), die mit dem Charme eines mäeutischen Orakels zur Selbstbeantwortung eigener, zuvor auf einem Zettel notierter Schicksalsfragen dienlich sind. Und das sind sie wirklich! Bei uns jedenfalls hat es funktioniert.

Pedro Reyes, „Museum of Hypothetical Lifetimes“ (seit 2011), Marta Herford, 2022

Und dank der „Goodoo“-Puppen ist es möglich, mittels angehängter Symbole über gute Wünsche quasi telepathisch und sehr positiv mit anderen Menschen in Verbindung zu treten. Wobei die Gute-Wunsch-Figuren an der Wand wiederum ein Sinnbild der sozialen Plastik ergeben.

Das ausgestellte Leben

Ein „Museum of Hypothetical Lifetimes“ animiert Besucher*innen, ihr Leben in den Räumen eines Miniatur-Modells über eine Riesenauswahl angebotener Objekte kuratorisch neu zu sortieren, um aus der erfrischend anderen Perspektive einer ganz persönliche Ausstellung über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – oder verpasste Lebensläufe – nachzudenken.

Wenn man denn mag. Denn auch das ist anders als bei Beuys: Wer nicht denken will, fliegt trotzdem nicht raus.

Pedro Reyes, „Citileaks“ (seit 2011), Marta Herford, 2022

Wegen seiner schlichten Raffinesse hat uns von allen therapeutischen Kunstbehandlungen „Citileaks“ besonders gut gefallen: ein vernetztes Flaschenpost-System, bei dem man sein eigenes Geheimnis auf einem zusammengerollten Papier an einem Seil in eine Flasche versenken kann und im Gegenzug ein anderes umseiltes Geheimnis aus einer anderen Flasche herausfischen darf.

Was wir uns noch nie verraten haben

Hätte also der eine KunstArztPraxisArzt seine Filzhut-Blasphemie in „Citileaks“ getaucht, statt sie hier vorschnell öffentlich auszuposaunen, dann hätte er vielleicht von einem anderen KunstArztPraxisArzt ein anderes Geheimnis erfahren.

Zum Beispiel, dass besagter anderer KunstArztPraxisArzt Pedro Reys‘ Aktion „Palas por Pistolas“ von ihrer entwaffnenden Idee her fast noch stärker findet als Beuys‘ „7000 Eichen“. So, jetzt ist auch das noch raus.

Pedro Reyes, „Palas por Pistolas“ (2008ff.), Merta Herford, 2022

Schusswaffen zu Schaufelblättern

Für „Palas por Pistolas“ hat Reyes in einem mexikanischen TV-Sender Bürger*innen in drei Werbespots dazu aufgerufen, ihre Waffen gegen Haushaltsgeräte einzutauschen – und aus jeder der 1.527 so zusammengesammelten Waffen das Metallblatt einer Schaufel gießen lassen, mit denen dann vor Schulen und Museen 1.527 Bäume gepflanzt worden sind.

Auch in Herford soll im Sommer ein Reyes-Baum gepflanzt werden. Spätestens dann wollen wir wiederkommen. Vor allem auch, um die „Citileaks“-Flaschen mit echten, also sehr persönlichen KunstArztPraxis-Geheimnissen aufzufüllen.

Da fallen uns nämlich ganz spontan ein paar ein, die wir unheimlich gerne heimlich verraten würden. (11.04.2022)

„Pedro Reyes. Sociatry“ ist noch bis zum 14. August 2022 im Marta Herford zu sehen.

Anmerkung 1: Vielleicht kommen wir im Sommer nicht nur ins Marta, sondern hier auch nochmal auf die Ausstellung zurück. Zu ihr gehört nämlich auch noch eine erwähnenswerte Installation aus Jeanshosenwippen des tschechischen Künstlers Robert Barta, der schon oft im Marta zu Gast war und den vor ein paar Ausstellungen entwickelten „Insel“-Gedanken fortschreibt. Zudem hat Pedro Reyes der italienisch-brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi (1914-1992) eine Bühne bereitet, die für ihre wegweisenden Entwürfe zum demokratischen Bauen 2021 posthum den Goldenen Löwen der ansonsten leider etwas uninspirierten 17. Architekturbiennale von Venedig erhalten hat. Wir waren da & sehr enttäuscht. (Aber Venedig war natürlich klasse.)

Anmerkung 2: Es gibt noch ein zweites Lieblingwerk von Pedro Reyes, das ebenfalls mit der Transformation von roher Gewalt in friedlich mahnende Kunst zu tun hat: „Disarm (Mechanized) II“ von 2014, bei dem sechs Musiker*innen im Verbund mit drei Schmieden zwei Wochen lang aus Waffen Musikinstrumente bauten. Alle 30 Minuten füllt sich das Marta mit ihrer Musik und erinnert so an die erschossenen Opfer. Beuys hätte auch das sicher gefallen.

Ein Ding gehört nicht in Marta, aber in unser persönliches „Museum of Hypothetical Lifetimes“. Findet Ihr es?

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