Rakete im Kopf. „Zu den Sternen!“ in Remagen
In rund 100 Werken beleuchtet „Zu den Sternen!“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck unsere disparaten Weltraum-Bilder: Vom romantischen Sehnsuchts-Mond bis hin zum erschlafften Raketen-Phallus der Gegenwart. Wir denken dabei auch an Sigmund Jähn, dem KunstArzt3 die falschen Fragen stellte. Oder nicht?
Vor rund 20 Jahren ergab sich für unseren KunstArzt3 die glückliche Gelegenheit, recht lange allein mit Sigmund Jähn (1937-2019) zu plaudern, dem ersten Deutschen im Weltall.
Er konnte ihm viele Fragen stellen.
Bereitwillig sprach Jähn über Klaustrophobie in Sojus-Kapseln, Juri Gagarin als Vorbild und den Ost-Sandmann im Universum. Und über schwerelose Weltraum-Wanderungen in den Wassertanks der Sternenstadt Swjosdny Gorodok bei Moskau.
Aber eine Frage verärgerte ihn derart, dass er unserem Einen mit erhobenem Zeigefinger den guten Rat gab, die Russen auf dem Feld der Kosmonautik bloß nicht zu unterschätzen.
Danach war das Gespräch vorbei.

Foto oben: Hier steckt der Zeigefinger noch lässig im Jackett-Aufhänger:
Sigmund Jähn im Gespräch mit KunstArzt3, Bonn 2005; letzterer
ein wenig nachverwischt (er mag sich nicht auf Fotos sehen).
„Junger Mann, unterschätzen Sie mir die Russen nicht!“
Sigmund Jähn zu KunstArzt3, 2005

SOLCHE Fragen hätten wir gewünscht!
Die Unterschätzung der Russen und die Verärgerung des Kosmonauten mal hintangestellt, finden wir zwei Anderen von der KunstArtzPraxis, dass unser Einer Sigmund Jähn definitiv die falschen Fragen gestellt hat.
Ist es im All nicht unendlich öde? Haben Raketen Gefühle? Tickt das belebte Universum vielleicht queer?
Endete ein Exodus ins Extraterristische wie der von Elon Musk anvisierte, aber schon vom Expressionisten Wenzel Hablik erträumte nicht unweigerlich in Wolkenkuckucksheim? Und sind nicht ohnehin wir Erdlinge die wahren Aliens?
SOLCHE Fragen hätten wir uns von unserem Einen gewünscht.*
Foto oben: Wood & Harrison, „Bored Astronauts on the Moon“ (2011),
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026
*und vielleicht noch jene, ob nicht ohnehin die hehre Kunst allein wahrhaft
kosmisch sein könne. Aber dann wäre Sigmund Jähn sicher noch sauerer geworden.

Zum Glück gibt es im Arp Museum Bahnhof Rolandseck jetzt die Ausstellung „Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“, die Antworten auf diese entscheidenden Fragen zu geben sucht.
In rund 100 Werken aus Malerei, Skulptur, Fotografie sowie mithilfe von – teils speziell für die Schau geschaffenen – Rauminstallationen und Videoarbeiten von Künstlerinnen wie Yale Bartmann, Katharina Sieverding oder Dominique Gonzalez-Foerster führt sie mit einem Schwerpunkt auf die Zwanzigerjahre vor Augen, wie sich der Blick aufs All im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Foto oben: Lavinia Schulz & Walter Holdt, „Bühnenkostüm“ (Entwurf 1923),
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026

Dabei ist gerade der dargestellte Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Krisenstimmung und außerirdischen Utopie-Ideen schon ziemlich aktuell.
Nur an den großen – vielleicht ohnehin rein männlichen? – Raumfahrt-Legenden von Juri Gagarin über Neil Armstrong bis hin zu Sigmund Jähn ist die Ausstellung nicht wirklich interessiert.* Aber das wäre ja auch ein ganz anderer Fokus.
*deshalb sind wir weiter oben mäandernd in diesen
Krater textlich etwas hineingestoßen. Exkurs us, please!

„Das Universum ist eine Scheißgegend.“
Science Busters, 2015


Bestmöglich wegen Kunst!
Wahrscheinlich leben wir ohnehin noch immer auf der besten aller möglichen Welten: auch, weil wir mithilfe der Kunst und unserer Rakete im Kopf alle gemeinsam zu den Sternen reisen und die wichtigen Fragen stellen können.
Fragen, für die echte Kosmonauten wie Sigmund Jähn vielleicht sogar die falschen Ansprechpartner sind.*
*schön, dass ihr das endlich auch begreift,
Kollegen! Nach der Sache mit Yayoi Kusama
sollten wir eh mal langsam das Kriegsbeil
begraben. Euer KunstArzt3
Nicht zuletzt das machte uns die – im Übrigen von Direktorin Julia Wallner glänzend kuratierte – Schau in Remagen deutlich.
Foto oben: „Zu den Sternen!“, Ausstellungsansicht,
Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen 2026

Und während wir so unterm Arp’schen Kosmos wandelten, erschien vor unseren geistigen Augen plötzlich Elon Musk, wie er nach dem dritten Aufguss in der Sauna in weißem Bademantel und weißen Filzpantoffeln mit einem Glas Tequilla Sunrise in der Linken auf die Terrasse seiner Billionärs-Villa tritt:
Nur, um beim Anblick des spektakulärsten aller Sonnenuntergänge sehnsuchtsvoll seufzend daran zu denken, wie schön es jetzt wäre, auf dem Mars zu sein.
Oder, mit Aristophanes & Arthur Schopenhauer gesprochen: in Wolkenkuckucksheim.
„Muss ich schon hier an der Erde kleben – dann wenigstens nicht mit dem Hirn.“
Wenzel Hablik

Was wir Elon Musk nur raten können
Wir können Elon Musk indes nur raten, im Arp Museum mal nach jenem Marsianer Ausschau zu halten, der – vermutlich in größter Verzweiflung! – hinterm Haus mit Mona Schulzeks Raumkapsel notgelandet ist. Der könnte ihm schon was erzählen.
Oder gleich über jene Sende-und-Empfangs-Anlage Kontakt zu den Aliens aufzunehmen, die die ausgebildete Funkerin Schulzek etwas weiter unten hoffnungsfroh installiert hat.
Das echte Universum ist nämlich eine Scheißgegend. Allein die hineinprojizierten Träume der Künstler*innen sind, trotz vieler Zweifel, voller Wunder. (09.08.2026)

„Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht in der Moderne“ läuft noch bis zum 10. Januar 2027 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen.
Anmerkung: Während seines Gesprächs mit Sigmund Jähn war KunstArzt3 übrigens verdutzt, wie klein der Kosmonaut tatsächlich war: 1 Meter 67, um genau zu sein (wir haben recherchiert). In den Verklärungs-Windungen seines Hippocampus wohnte er nämlich seit Jahrzehnten mietfrei als Zwei-Meter-Riese. Und als solcher taucht er im Film „Good Bye Lenin!“ (2003) ja quasi auch auf.
Wir Drei von der KunstArztPraxis sprechen bei derlei Phänomenen diagnostisch übrigens gern von retrospektiver kosmonautischer Makropsie: eine Art mediales Alice-im-Wunderland-Syndrom, welches uns die Statur raumfahrender Helden aufgrund der mythischen Bilder, die wir von ihnen haben, stark vergrößert in Erinnerung ruft.
Mnemotechnisch ist das Weltall für den homo astronauta eine Streckbank.
Bonus-Track: „Outer Space. Faszination Weltraum“, Bundeskunsthalle, Bonn 2014
Appendix: David Fried in der Hammer Sammlung Bloehme
Im Dezember 2025 haben wir hier in der KunstArztPraxis einen Adventskalender mit Werken aus der Hammer Sammlung Bloehme zum Thema „Werden und Vergehen“ gemacht – Anlass war eine entsprechende, von uns kuratierte Ausstellung in Herrn Bloehmes Bibliothek. Türchen #13 war dem Düsseldorfer US-Künstler David Fried gewidmet, der uns schon mehrfach ins All entführte. Und sein Vater hat in New York sogar die NASA ausgetrickst.
Dieses 13. Türchen öffnen wir jetzt aus gegebenem Anlass noch einmal. Voilà:

Oft blüht die Kunst im Unscheinbaren. Bei guter Street-Art ist das manchmal so. Oder bei dem oben gezeigten Aufnäher der „Weightless Artists Assoziation (SPARTNIK)“: eine Edition (für Freunde) des Düsseldorfer US-Künstlers David Fried, der die Vereinigung (für Freunde) erfunden hat. Es war ein Geschenk; die Mütze hat Gastro-Sammler Bloehme dahinternähen lassen.
Von David Fried befinden sich drei Regentropfen-Bilder in der Hammer Sammlung Bloehme, die einmal ins opulente Wohnzimmer der Gastro-Villa sollen (daran arbeiten wir noch): David Fried hat sie nachts vom Atelierfenster aus mit einer 10.000- Watt-Lampe so hell erleuchtet, dass irgendwann die Polizei kam und wissen wollte, was da Anarchisches vor sich geht.
Wegen des starken Lichts sieht der Regenschauer aus wie die Perseiden hoch Zwanzig, also in apokalyptisch. Das finden wir richtig toll.


Woher kommt das Faible?
Das Faible für Weltraum und Astronautik erklärt sich bei David Fried übrigens familiär: Sein Vater hat in seinem Fotostudio in New York über Jahrzehnte alle Filme der NASA entwickelt & abgezogen, die die Astronauten von ihren Raum- und Mondausflügen zurück zur Erde brachten.
Nach jeder Mission kamen zwei NASA-Beamte mit einem Koffer zu ihm ins Studio, dessen Griff mit Handschellen am Handgelenk eines der NASA-Beamten befestigt war, und gaben ihm Weisung, wie viele Abzüge er von diesen Top-Secret-Negativen jeweils machen sollte. Und David Frieds Vater ist in die Dunkelkammer gegangen und hat jeweils einen Abzug mehr gemacht.
Und den hat er dann in schwereloser künstlerischer Anarchie für sich behalten.
Auf diese Weise ist im Rotlichtmilieu der Dunkelkammer ein hübsches Sümmchen illegaler Mond- und Erdfotografien zusammengekommen, die David Fried geerbt hat. Wir haben sie gesehen. (13.12.2025)


Anmerkung 2: Der Vollständigkeit halber sei dies hier auch noch vermerkt: Bei besagtem Treffen vor 20 Jahren sprach KunstArzt3 auch noch ausgiebig, wenn auch nicht ganz so ausgiebig wie mit Sigmund Jähn, mit Ulf Meerbold, dem ersten deutschen ASTROnauten im All (1983). Von DIESEM Gespräch ist ihm aber nur noch Herrn Meerbolds freundliche Bescheidenheit erinnerlich.
Anmerkung 3: Wir werden die Kosmonautik der Russen nie wieder unterschätzen. Versprochen, Sigmund Jähn. Mit Grüßen nach ganz weit oben.
Und, weil wir auch Reinhold „Reini“ Furrer (1940-1995), den Mann nach Ulf Meerbold, nicht vergessen wollen:
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendjemanden gibt, dem die Möglichkeit eröffnet wird, die Erde zu verlassen, den Kopf rauszustrecken in die Welt, dass der nicht spontan sagen würde: Ja.“
ReinHard „Reini“ Furrer
Das Arp Museum in der KunstArztPraxis:
Der Transformator. Günther Uecker in Remagen
Romantik in cold blood. Hausbesuch bei Axel Hütte
Reine Bildgebung 24: Kiki Smith im Arp Museum
Unser Totem: der Wolf. Kiki Smith in Remagen
Was die Natur vergaß: Christiane Löhr in Remagen (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Die Haut der Seele: Berlinde De Bruyckere in Remagen
Stella Hamberg: Kraft und Sinnlichkeit
Überall Tatoos: Franziska Nast in Remagen
Freiheit durch Weglassen: Rodin und Arp in Remagen
Wir sind geheilt! “Goldene Zeiten” in Remagen
Paula Modersohn-Becker in Remagen: Frau = Birke
Warum überflüssig? “Luxus und Glamour” in Remagen
Homepage des Arp Museums Bahnhof Rolandseck
Homepage von David Fried


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