Wladimir Putin liest gern Comics, wir haben ein Beweisfoto. Dabei sollte er lieber in Köln ukrainische Kunst anschauen. Das heilt! Deshalb unsere herzliche Einladung zu „Worth Fighting For“. Aber nicht nur an größenwahnsinnige Diktatoren: auch an lupenreine Demokraten.

Im Weltbild Wladimir Putins muss ja offenbar alles eher plakativ und leicht verständlich sein. Da passt, dass der Despot in seiner Freizeit nicht „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi liest, sondern Comics.

Für uns ist das die einzig logische Erklärung für jenes rätselhafte „Z“, mit denen der Aggressor seine Panzer im Februar 2022 in die Ukraine rollen ließ. Denn ähnliches hat vor rund 60 Jahren schon mal ein Tyrann gemacht: in der Comic-Reihe „Spirou und Fantasio“ des von uns seit Kindertagen sehr verehrten André Franquin.

Putin im Banne des Zyklotrop

Dort gibt es den übergeschnappten Zyklotrop, der mit Hilfe einer hypnotisch gleichgeschalteten Armee, lähmenden Strahlen und blubbernder, rückwärts gewandter Propaganda versucht, die Welt zu unterjochen. Und dessen willenlose Truppen nutzen Fahr- und Fliegzeuge mit einem „Z“.

Es würde uns schwer wundern, wenn sich Putin Zyklotrop NICHT zum Vorbild genommen hätte. Denn woher sonst kämen der Wunsch zur Gleichschaltung, die lähmenden Strahlen, die blubbernde Propaganda und diese abstruse Idee?

Putin liest Franquin; © Russian Presidential Press and Information Office/TASS/KAP
André Franquin: „Der Plan des Zyklotrop“, Rummelsdorf 1960, © A. Franquin/Editions Dupuis

Leider liest Putin offenbar selbst Comics nicht zu Ende. Sonst wüsste er nämlich, dass schon Zyklotrop erfahren musste, wie unglaublich stark der Freiheitswille und der Mut von Menschen sein kann. So, wie es der waschechte Diktator gerade in der Ukraine erfährt. Wie wir alle es erfahren, auch wenn es sogar hierzulande Manchem nicht in den Kram passt.

Was hat das mit mir zu tun?

Deshalb ist es gut, dass jetzt in Köln eine Ausstellung läuft, die ukrainische Gegenwartskunst mit Werken aus dem Rest der westlichen Welt – unter anderem von unseren Lieblingskünstler*innen Berlinde De Bruyckere, Marlene Dumas, Francis Alÿs und Luc Tuymans! – in Dialog setzt. Da kann man viel lernen darüber, wie vielschichtig auch ihre ukrainische Kolleg*innen auf den Krieg, auf Flucht und Vertreibung reagieren.

Und man kann erfahren, wie viel von dem, was gerade in der Ukraine passiert, mit uns, mit Europa und seiner Geschichte, mit westlichen Werten und westlicher Kultur zu tun hat.

Nikolay Karabinovych, „Якнайдалі / Even Further“ (2020), Köln 2022
„Worth Fighting For“, Installationsansicht, Köln 2022

„Worth Fighting For“ ist eine Kooperation zwischen dem vom ukrainischen Oligarchen Wiktor Pintschuk gegründeten PinchukArtCentre für Gegenwartskunst in Kiew und dem Museum für Gegenwartskunst (M HKA) in Antwerpen. Dass die in sieben thematische Räume unterteilte Schau in einem riesigen alten Autohaus in Köln stattfindet und nicht in den heiligen Hallen eines Museums, erhöht ihren atmosphärischen Reiz.

Wir durften beim Aufbau mit dabei sein. Und wir werden sicher noch ein paarmal hingehen. Wegen der herausragenden Qualität der gezeigten Werke. Vor allem jener der uns bis dato gänzlich unbekannten ukrainischen Künstler*innen.

Dank öffentlicher Gelder

Lange stand auf der Kippe, ob sich die Schau finanziell überhaupt würde stemmen lassen. Dass es dank Spenden und öffentlicher Gelder geklappt hat, und dass die von uns seit der documenta 15 eher kritisch beäugte Kulturstaatsministerin Claudia Roth fast zur Eröffnung gesprochen hätte (sie musste krankheitsbedingt leider absagen), ist da ein wichtiges Zeichen.

Dass die Zusage erst Mitte Oktober kam und die Realisierung deshalb schon logistisch ein wahrer Kraftakt wurde, lassen wir deshalb hier einmal unkommentiert.

Vlada Ralko, “проєкт «Експонати»/ The Exhibits” (2021), Köln 2022
„Worth Fighting For“, Installationsansicht, Köln 2022

Im Grunde geht es uns ja so wie Putin: Wir wissen viel zu wenig über die Ukraine, die der Diktator als geeinte Nation durch seinen Angriffskrieg in letzter, grausamer Konsequenz vielleicht erst kreiert hat. So jedenfalls erschien es uns in vielen Gesprächen mit Menschen aus Kiew oder Odessa, denen das Thema vorher irgendwie egal war.

Und wir wissen viel zu wenig über die Kunst eines Landes, das nicht nur in der kriegerischen Jetztzeit, sondern auch für seinen hoffentlich bald beginnenden demokratischen Neuaufbau kritische Künstler*innen als vierte Gewalt bitter nötig hat.

Wie wir das grundsätzlich meinen, haben wir an anderer Stelle ja schon dargelegt.

Hüseyin Bahri Alptekin, „Tremor, Rumour, Hoover “ (2001), Köln 2022
Daniil Revkovskiy und Andriy Rachinskiy, „Clanking, Dispute, Hammering And Gurgling“ (2020)

Auch das macht „Wort Fighting For“ einmal mehr deutlich: Dass es in der Ukraine momentan ja nicht zuletzt darum geht, eine lebendige, bunte, unabhängige, Europa zugewandte Kultur mit einer langen Tradition zu zerstören – eine auf dem Kiewer Rus fußende Tradition, die auf dem jetzigen Staatsgebiet der Ukraine ihren Anfang nahm und die der rückständige, oligarchische Egomane Putin durch die komplette Vernichtung des ihm Fremden für sich allein reklamieren möchte.

Deshalb könnte man Vieles, was heute eindeutig als russisch gilt, ebensogut ukrainisch nennen. Müsste man aber in der besten aller möglichen Welten weder noch.

„Keiner hat mich richtig lieb!“

Zyklotrop

Dieses engstirnige Denken muss man gerade mit Kunst bekämpfen, mit Werken wie diesen, die zum Teil extra für diese zunächst in Kiew gezeigte Ausstellung geschaffen worden sind. Denn wir von der KunstArztPraxis glauben ja schon von Berufs wegen an die heilende Kraft der Kunst: wohltuende Medizin auch gegen undemokratische, korrupte, imperialistische & propagandistische Phantasmen  – als Gegengift vielleicht sogar wirksam in jenen Diktatoren-Köpfen, denen sie zumeist entstammen.

Nicht immer was für schwache Nerven

Wir wollen deshalb Putin dringend raten, nach Köln zu kommen und sich das anzuschauen. Zum G20-Gipfel hat er sich ja nicht getraut, aber „Worth Fighting For“ ist wirklich augenöffnend & lohnenswert! Er dürfte sogar auf unserer KunstArztPraxis-Couch oder im Wartezimmer übernachten, und wenn er reden möchte: Wir wären da!

Denn so manches Werk, vor allem auch in der angeschlossenen Ausstellung zu den aktuellen russischen Kriegsverbrechen, ist nichts für schwache Nerven.

Barbara Kruger, „We Are Not What We Seem“ (1988), Köln 2022
„Worth Fighting For“, Installationsansicht, Köln 2022

Diktatorische Unkultur ist plakativ schwarz-weiß und somit gut in klugen Comics aufgehoben. Kultur aber ist komplexe Vielfalt. Für diese Vielfalt lohnt es sich zu kämpfen, wie gerade in der Ukraine. Das ist die Botschaft der gesamten Kölner Schau. Aus unserer Sicht gerne (und im Idealfall ausschließlich) so wie dort, in „Worth Fighting For“, also mit den Mitteln der Kunst.

Mehrstimmig, subtil, erschreckend, überraschend, verstörend. Und das von A bis Z. (21.11.2022)

„Live in peace or leave the galaxy!“

Mary Bauermeister

Making-of „Worth Fighting For“

Gemeinsam mit der Parallel-Ausstellung zu russischen Kriegsverbrechen ist „Worth Fighting For“ noch bis zum 14. Dezember 2022 in der alten Opelwerkstatt in Köln (Oskar-Jäger-Straße 97-99) zu sehen.

Anmerkung: Gerade erzählt eine ebenfalls überaus sehenswerte Ausstellung des Fotografen Tobias Zielony im Marta Herford unter anderem von der lebendigen Jugendszene Kiews im hybriden Krieg seit 2014, den der reale Krieg inzwischen ersetzt hat: Seine Protagonisten sind teils selbst zu Soldaten geworden. Auch darüber werden wir berichten.

Homepage von „Worth Fighting For“

Appendix: Zyklotrop und Putin, indirekt in Ost-Berlin vereint

Zwei Tage nach Fertigstellung des obigen Textes waren wir gestern (20.11.2022) auf der 48. Kinder- und Jugendbuchmesse in Oldenburg, und wie es der wieder einmal schier unglaubliche objektive Zufall wollte, wurden wir dort mit Flix bekannt. Wie wir erst jetzt erfuhren, war ihm 2018 als erstem deutschem Comic-Zeichner die Ehre zuteil geworden, ein Spirou-und-Fantasio-Geschichte zu schreiben und zu zeichnen, „Spirou in Berlin“: ein originelles, witziges und detailverliebtes Heft, das wir hier unumwunden empfehlen wollen. Und das, obwohl Spirou, Fantasio und Franquin für uns untrennbar miteinander verbunden sind.

Darin kommen weder Zyklotrop noch Putin persönlich vor, wohl aber Zyklotrops mit einem „Z“ gekennzeichnete Fahrzeuge: Mit einem davon fliegen die Helden 1989 über die Mauer am Brandenburger Tor nach Ost-Berlin. Der Band spielt also zu einer Zeit, in der Putin mit dem Spitznamen „Giftzweig“ und einem Ausweis der Stasi in der Tasche als KGB-Offizier in der DDR bekanntlich jenes Propaganda-Handwerk erlernte, von dem er offenbar erst heute als Kriegstreiber und Menschenschlächter richtig zehrt. So fügte sich also tatsächlich in Oldenburg für uns alles oben kurz zuvor in Köln Geschriebene zusammen: Putin und Zyklotrop indirekt in einem Spirou-und-Fantasio-Band im geteilten Deutschland vereint.

Zur Rundheit der Geschichte gehört für uns auch, dass uns Flix auf unseren Wunsch hin eine Zyklotrop-Figur in unser sofort vor Ort erstandenes Exemplar von „Spirou in Berlin“ gezeichnet hat. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

„Worth Fighting For“: Putin, komm nach Köln!

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