Die Lackkunst-AG. „Farbe, Farbe!“ in Wuppertal
In Tony Craggs Skulpturenpark Waldfrieden sind gerade 160 Lacktafeln zu sehen, die Willi Baumeister, Oskar Schlemmer und Franz Krause im Auftrag des Wuppertaler Fabrikanten Kurt Herberts schufen. Klingt öde, ist aber eine kleine Sensation. Denn die Lackkunst-AG nahm so einiges vorweg, was in der Kunst erst viel später kam.
Wir Drei sind keine Päpste, uns unterlaufen in der Praxis Kunstfehler – sogar bei unterlassenen Operationen. So sind wir nie ins Museum für Lackkunst in Münster gegangen, als Einer von uns dort studierte – und es das weltweit einmalige Haus noch gab.
Offen gestanden hat uns am Ende ausgerechnet jene zähe Lackschicht abgeschreckt, die der Gestalter Christian Ring als glänzend roten Teppich über die Freitreppe vor der klassizistischen Fassade extra für uns potenzielle Besucher ausgerollt hatte. Für uns roch glänzend roter Lack damals noch nach Lack und Leder.
Seit 2024 ist der von Ring mit Industrielack im BASF-Labor entwickelte Teppich aus dem Stadtbild verschwunden, zerstört. Das LWL Museum für Kunst- und Kulturgeschichte am Domplatz hat die weltberühmten Bestände übernommen. Einen Gutteil wohl ins Depot.

Das „Maltechnikum“ von Ehrenfeld
Dazu gehört auch die Sammlung asiatischer und europäischer Exponate, die der visionäre Wuppertaler Lackfabrikant Kurt Herberts (1901-1989) zusammengetragen hatte.
Eine wundervolle Initiative dieses fulminanten Menschen durften wir jetzt dank „Farbe, Farbe!“ kennenlernen.
1937 holte sich Kurt Herberts nämlich die von den Nazis als „entartet“ diffamierten, aus ihren Professuren gejagten und mit Ausstellungsverbot belegten Künstler Willi Baumeister und Oskar Schlemmer ins Haus, um mit ihnen in einem eigens eingerichteten „Maltechnikum“ auszuloten, was im Bereich der Lackkunst möglich sei.

Bild oben: Oskar Schlemmer, „Lackfarben, mit Spachtel abgezogen
und verlaufen, auf schwarz lackiertem Stahlblech“ (o.J.)

„Es ist also ein netter Verkehr und doch amüsant, wie diese Firma die Geister anzieht.“
Oskar Schlemmer (1940)
Gemeinsam mit dem Architekten Franz Krause bildeten die beiden den sogenannten Wuppertaler Arbeitskreis, der bis zur Zerstörung des Maltechnikums durch einen Bombenangriff im Juni 1943 im ständigen Austausch mit den Fachleuten des Unternehmens Versuchstafeln produzierte.
Lack-Aufträge anderer Art bekamen aber auch Künstler wie Georg Muche und Gerhard Marks, die ebenfalls von den Nazis ihrer Ämter enthoben und als „entartet“ gebrandmarkt worden waren. Wie schon gesagt: Kurt Herberts war ein fulminanter Mensch.

„Was ist Lack? Wo ist sein Ursprung? Was ist sein Wesen? Lassen wir ihn Formen bilden und Form werden, wozu ihn sein Wesen drängt.“
Oskar Schlemmer (1940)

Im Mittelpunkt der Untersuchungen des Maltechnikums stand die dynamische Gestaltung von Oberfläche: durch Farbverläufe von Lacken mit spezifischen Eigenschaften ebenso wie durch chemisch, physikalisch oder mechanisch initiierte Verwandlungs- und Verwesungsprozesse.
„Modulation und Patina“ eben, wie es eine vom Wuppertaler Arbeitskreis erarbeitete, aber erst 1989 gedruckte Firmenschrift im Titel fasste.
Wenn die von Kunstgeschichtler*innen oftmals eher floskelhaft benutzte Vokabel, dass Kunst irgend etwas „erforsche“, irgendwo Sinn ergibt, dann wohl damals, in Wuppertal, als Malerei und Materialwissenschaft sich kreuzten.
Foto oben: „Farbe, Farbe!“, Ausstellungsansicht,
Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2026
Kunst der Anwendung durch Anwendung der Kunst sozusagen.

Auch die Villa ist von Krause!
Nach dem Krieg entwarf Franz Krause für Kurt Herberts die wundervoll organische, inzwischen denkmalgeschützte Villa Waldfrieden, die Tony Cragg rund 60 Jahre später zum Zentrum seines Skulpturenparks machte – und in dessen Unterer Halle nun alle 160 erhaltenen Lack-Versuchstafeln zu sehen sind.
Gemeinsam mit der Rekonstruktion von Oskar Schlemmers 1941 im Maltechnikum geschaffenen und im Bombenhagel vollständig verbrannten „Lackkabinett“: einem visionären, komplett in Lack gestalteten Raumkunstwerk, das man dort jetzt wie eine Kunsthalle in der Kunsthalle begehen kann.

Foto oben: „Farbe, Farbe!“, Ausstellungsansicht,
Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2026
Hach, derart runde Geschichten sind ganz nach unserem Geschmack.*
*noch runder wäre UNSERE Geschichte natürlich gewesen, wenn die Lack-Tafeln
aus dem Ex-Museum für Lackkunst in Münster stammten. Aber sie gehören zum
festen Bestand des Kunstmuseums Stuttgart. Alles Runde braucht halt Ecken.


Drippen wie bei Jackson Pollock
Unter Zuhilfenahme von Spachtelmasse, Verdünnungsmitteln oder anderer Chemikalien wurde im Maltechnikum auf Aluminium, Holz, Karton, Glas und Stahlblech klecksographiert wie bei Max Ernst, abgedrückt wie bei Óscar Domínguez.
Da wurde mit einer eigens entwickelten Tropf-Apparatur gedrippt wie später bei Jackson Pollock, mit dem Feuer gespielt wie bei Alberto Burri und Otto Piene – oder verwischend gesprüht wie bei den Farb-Modulationen von Katharina Grosse.
Und als eine Detonation die Fensterschreiben sprengte, integrierte Willi Baumeister die Glasscherben wie ein object trouvé.
Foto oben: „Farbe, Farbe!“, Ausstellungsansicht,
Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2026

Wobei, wie später bei Mark Tobey, vor allem auch die – laut Oskar Schlemmer „natürlich unerreichbare“ – asiatische Lackkunst aus Kurt Herberts‘ Privatsammlung dem Wuppertaler Arbeitskreis als Studienobjekt diente.
Und zur theoretischen Vertiefung und zur Untermauerung der eigenen theoretischen Schriften seine ausgedehnte Fachbibliothek.*
*Fachgespräche fanden laut Willi Baumeister
oft im Luftschutzkeller statt.
„Es ist da, es ist nicht gemalt, man sieht keine Spuren des unglückseligen Malerpinsels und es erscheint wie ein Stück Natur, von einem Phänomen gesehen und gedacht.“
Oskar Schlemmer (1941)
Das alles ist eine ganz eigene Mischung aus Zufall und Lenkung, Werkstoffkunde & künstlerischem Können: in unseren Augen tatsächlich „ein Neues aus Lackgesetz und menschlichem Willen“ (Oskar Schlemmer).
In dem die „Eigenbildungskräfte“ des Materials und der künstlerisch-abstrakte Ausdruck sich die Waage halten sollen. Und sehr viel Informel und Abstrakter Expressionismus ist, wie bereits angedeutet, auch schon am Start.

Die absolute Lieblings-Tafel
Wir haben auch eine absolute Lieblingstafel, deren – hm, ja: Sukkulentenstruktur (?) durch ein gezieltes Verblassen der Farbe raffiniert mit Schärfe und Unschärfe spielt und dadurch einen fulminanten 3D-Effekt erzeugt.
Erstaunlicherweise stammt sie nicht von den beiden Malern der AG, sondern von Franz Krause, dem Architekten, der ohnehin der Experimentierfreudigste der Gruppe gewesen zu sein scheint.
Und als Architekt zwischen Bauhaus und Steiner hatte Krause eben auch ein verstärktes Interesse am geometrisch-organischen Ineinandergreifen von Struktur & Raum.

Foto oben: Unter dem Zauber liegt ödes Sperrholz: Versuchstafel von
Franz Krause (1941), Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2026

Diese Tafel könnte auch von Sigmar Polke stammen, dem großen Alchemisten der Achtziger- und Neunzigerjahre. Aber Polke hat in seinem Universum zwar Einiges erfunden, nur vermutlich keine Zeitmaschine.

Wie hat Franz Krause das gemacht?
Für unsere Lieblingstafel hat Franz Krause 1941 offenbar weiße Lackfarbe ins Zentrum eines anthrazitfarbenen, mit Hilfe eines Gitters entstandenen Hintergrunds gespritzt, um den zähen Klecks dann unter Einsatz von Luftdruck sanft nach außen zu treiben.
Dieses seltsame Gewächs, das sein Schöpfer mit „Erscheinungen auf Wasseroberflächen“ verglich, ist der lebende Beweis dafür, dass mittels ingenieurwissenschaftlicher Verfahrenstechnik pure Magie entstehen kann.
Wir können seine Entstehung zwar methodisch beschreiben. Aber entzaubern können wir es dadurch nicht.
„Farbe, Farbe!“, Ausstellungsansichten, Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal 2026
Ohne unsere Vorurteile hätten wir unsere Lieblings-Lacktafel gemeinsam mit ihren Kolleginnen übrigens schon vor über 20 Jahren bestaunen können:
2004 in der – nach besagter Schrift des Wuppertaler Arbeitskreises benannten – Ausstellung „Modulation und Patina“ im Museum für Lackkunst in Münster nämlich, wo Einer von uns studierte und es das weltweit einmalige Haus noch gab.
Aber diesen Kunstfehler konnten wir unpäpstlichen Drei dank der phantastischen Schau „Farbe, Farbe“ im Skulpturenpark Waldfrieden jetzt zum Glück ja wieder rückgängig machen.
Schon wieder so ein Kreis, der sich dankenswerter Weise schließt.

Foto oben: Christian Ring, „Lackfluss“ (2015),
Museum für Lackkunst, Münster 2018.
Und wir geloben nach dem Besuch dieser tollen Ausstellung hiermit feierlich, in Bezug auf Lackkunst NIE WIEDER so naiv zu sein wie damals, wegen eines roten Lack-und-Leder-Teppichs auf einer Freitreppe draußen vor der Eingangstür, in Münster. (18.10.2026)
„Farbe, Farbe! Willi Baumeister, Franz Krause, Oskar Schlemmer“ ist noch bis zum 3. Januar 2027 in der Unteren Halle des Skulpturenparks Waldfrieden in Wuppertal zu sehen. Parallel hierzu laufen zwei Ausstellungen mit Neuerwerbungen (Obere Halle) und, wie wir finden, besonders zauberhaft marmorierten neuen Arbeiten von Tony Cragg (Mittlere Halle).
Anmerkung: Noch etwas wollen wir erwähnen: Vor Corona war Einer von uns bei einer Gesellschaft gut im Geschäft, die die Materialwissenschaftler*innen des Landes in sich vereinte (von diesem Einen stammt auch der werkstoffkundliche Blick-Teil im Beitrag oben). Mit dieser Gesellschaft plante unser Einer unter anderem ein Buch, das sich mit der Geschichte des Werkstoffs in der Kunst seit der Höhlenmalerei beschäftigen wollte. Dann kam Corona und das Geld für solche Projekte kam der Gesellschaft abhanden.
Und jetzt erfahren wir durch die Recherche für „Farbe, Farbe!“, dass Kurt Herberts bereits 1938 in der unternehmenseigenen Wuppertaler Druckerei das Buch „10.000 Jahre Malerei und ihre Werkstoffe“ herausgegeben hat! Kurt Herberts war also auch der KunstArztPraxis 80 Jahre voraus! Was für ein fulminanter Mensch.
P.S.: „Modulation und Patina“ sowie „10.000 Jahre Malerei und ihre Werkstoffe“ (2. verbesserte Auflage) gehören inzwischen zum festen Bestand der KunstArztPraxis-Bibliothek.

Der Skulpturenpark Waldfrieden in der KAP:
Quasi Not-OP: Andreas Schmitten
Reine Bildgebung 11: Andreas Schmitten
Leunora Salihu: Empathie für Keramik
Reine Bildgebung 1: Joseph Beuys in Wuppertal (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Endlos neue Formen. Bei Tony Cragg im Atelier
Zum 80. Geburtstag: Being Markus Lüpertz
Homepage des Skulpturenparks Waldfrieden
Entstehungs-Doku zum Lack-Teppich von Münster


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