Papier als Star. „Paper Minds“ in Bergisch Gladbach
In „Paper Minds“ zeigt die Villa Zanders in Bergisch Gladbach 25 Positionen, die die visuellen Möglichkeiten des Werkstoffs Papier ins Zentrum rücken: von den Pionieren der Konkreten Kunst bis hin zur Gegenwart. Das hat sehr viel mit dem Museumsstandort zu tun. Und mit dem objektiven Zufall, den wir so sehr lieben.
Wir von der KunstArztPraxis haben ja immer wieder Schwerpunkt-Phasen, und seit wir im Skulpturenpark Waldfrieden unseren Kunstfehler in Bezug auf Lack wiedergutmachen durften, richten sich unsere sechs Argusaugen verstärkt aufs Material.
Wie die Konkrete Kunst, die nichts mehr abbilden möchte außer sich selbst – und das, woraus sie gemacht ist, auch. Vermutlich ist die Konkrete Kunst die werkstoffkundlichste Strömung der Kunstgeschichte.
Die Kuno Gonschior des Papiers
In Bochum hat uns diesbezüglich Kuno Gonschior mit seinen Punktlandungen aus Öl, Acryl und Malgel umgehauen, und was uns Kuno Gonschior in der Malerei ist, das ist uns seit „Paper Minds“ Isabelle Borges beim Papier.
Die gebürtige Brasilianerin verknüpft die mathematisch-rationale Kühle der Konkreten Kunst, die in den Fünfzigerjahren von Zürich, Ulm, Stuttgart und Paris nach São Paulo und Rio de Janeiro schwappte, mit der emotionalen, poetischen, ja: lebendigen Körperlichkeit des sehr stark von Künstlerinnen geprägten Neo-Concretismo ihrer Heimat.
Wie das aussieht, kann man nun im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach bewundern.
Hier hat Isabelle Borges unter Zuhilfenahme von Tape ortsspezifisch einen ganzen Raum mit ihren zwischen 2022 und 2025 entstandenen „Boxes“ aus Holz, Kunststoff, Papier und Farben überzogen: auch eine zweite Haut.

Foto oben: Installation von Isabelle Borges mit ihren „Boxes“ (2026, Detail),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Und jetzt kommt noch etwas ins Spiel!
Und hier kommt nun etwas ins Spiel, das wir noch mehr & schon viel länger lieben als den Blick aufs Material: der objektive Zufall nämlich.

Denn Isabelle Borges benutzt für ihre Installationen seit vielen Jahren Chromolux als Oberfläche: ein gussgestrichenes Premium-Spezialpapier, dessen einmalig glatter Metallic-Glanz sich einer speziellen Streichmasse aus Marmorpulver und Milcheiweiß sowie dem makellosen Auftrag durch einen beheizten Chromzylinder verdankt.
Wegen seiner außergewöhnlichen visuellen und haptischen Eigenschaften wurde Chromolux nach seiner Einführung 1958 zum Verpackungs-Star der Luxus- und Etiketten-Industrie.
Und dann eben auch von materialfixierten Künstler*innen wie Hendrik Czakainski, Manfred Eichhorn oder Isabelle Borges entdeckt.
Foto oben: Detail der Rauminstallation von Isabelle Borges,
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Chromolux is Coming Home
Und jetzt kommt’s: Denn wie es der objektive Zufall wollte, wurde ausgerechnet besagtes Chromolux vom Papierfabrikanten Johann Wilhelm Zanders in Bergisch Gladbach auf den Markt gebracht, der in der später zum Kunstmuseum umfunktionierte Villa Zanders aufwuchs!
Dass ihre Installation über Chromolux auf derart enge Weise mit dem Ausstellungsort verwoben ist, hat Isabelle Borges tatsächlich erst bei der Vorbereitung ihres Projekts für „Paper Minds“ in Bergisch Gladbach erfahren!
Ortsspezifischer und objektiv zufälliger geht es nun wirklich nicht.
„Paper Minds“ in 36 Ausstellungsansichten, Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026
Wie aus Fläche Raum entsteht
Ansonsten zeigt „Paper Minds“ anhand der eigenen Bestände eindrücklich, was sich künstlerisch aus Papier herausholen lässt, wenn man es einmal nicht als bloßen Untergrund-Träger für Farbe betrachtet.
Da wird nach Herzenslust & mit viel Augenmaß geschnitten, geschichtet, gefaltet, geprägt und durchlöchert, bis aus der reinen Fläche mittels geometrischen Strukturen, mittels Wiederholung und Variante, oft im Verbund mit Licht & Schatten, Raum entsteht.
Raum zudem, der sich je nach Perspektive beim Betrachten wandelt.

Foto oben: „Paper Minds“, Ausstellungssansicht,
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026


Netze, Gitter, Scherenschnitte
Da gibt es in mühevoller Handarbeit mit dem Skalpell gefertigte, wundervoll filigrane Netze, die ein bisschen an Fahrpläne erinnern (Fiene Scharp), und Scherenschnitte in 3D (Anne Behrens).
Natürlich ist bisweilen auch Farbe mit im Spiel (Frank Badur). Und etwas Alchemie fließt dank der unter Mithilfe mineralischer Salze entstandenen Gitter von Nora Schattauer auch mit ein.
Eine große Überraschung war dabei für uns, wie viel der späteren Licht-Installationen Micha Kuballs schon in seinen frühen, minimalistischen Papierarbeiten verborgen war.
Aber das sollte man sich vor Ort lieber selber mal anschauen.
Foto oben: Erwin Heerich, „Ohne Titel“ (1987),
Kunstmuseum Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2026

Darauf freuen wir uns jetzt schon!
Ach ja: 2021 musste die nunmehr Zanders Paper GmbH genannte Papierfabrik nach immerhin 192 Jahren ihren Geschäftsbetrieb einstellen. Dass ihr Lieblingsmaterial Chromolux nur noch in Restbeständen auf dem Weltmarkt verfügbar ist, hat Isabelle Borges auch erst in Bergisch Gladbach erfahren.
Inzwischen sind die letzten Chromolux-Maschinen der Marken CX6 und CX7 nämlich längst verschrottet. Das wissen wir von der ortsansässigen Künstlerin Iris Stephan, die Teile davon in ihr Atelier auf dem ehemaligen Fabrikgelände hinübergerettet hat – genauso wie alte Kantinentabletts und Regalfächer, Werkzeuge oder Schilder, die sie in den letzten Jahren zu Collagen, Installationen und Objekten verarbeitete.
Ab Februar 2027 wird Stephans Langzeitprojekt im Kunstmuseum Villa Zanders in der Solo-Schau „Überstunden im Fundbüro“ erstmals öffentlich vorgestellt: in gewisser Weise auch eine Form konkreter Kunst, die das Material zum Star macht.
Darauf freuen wir uns jetzt schon. (08.11.2026)
„Paper Minds. Konkrete Kunst aus Papier“ ist noch bis zum 4. April 2027 im Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach zu sehen.

Das Kunstmuseum Villa Zanders in der KunstArztPraxis:
Der mit dem Blut malt. Villa Zanders: Peter Gilles (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Von Poe gelernt? James Ensor in der Villa Zanders
„Zeichenräume“ in der Villa Zanders: Eigene Gattung!
Papiertiger aus Acryl. Eckart Hahn in der Villa Zanders
Traum hinter Geste: Ruth Marten in der Villa Zanders
Mehr Babel war nie! Jenny Michel in Bergisch Gladbach (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Wie sagen wir’s den Bienen? “HONIG” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
In Brüchen denken: “Martin Noël – Otto Freundlich” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
33 Malantworten: Rolf Rose in der Villa Zanders
Mechtild Frisch: Aufschein im Verschwinden (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Katharina Hinsberg: Making-of “Linie im Raum” (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Reine Bildgebung (8): “Still Lines” in der Villa Zanders (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Schönheits-OPs (3): Kunstmuseum Villa Zanders
Intuition statt Kochbuch. Ein Editionsgedicht
“Bibliomania” in Bergisch Gladbach: Buch als Körper (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)
Hede Bühl: Mit Strichen modellieren (leider Opfer der Unsichtbarkeits-Maschine)


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