60 Jahre Kunst-Banane. Ein Gurken-Plädoyer
Gerade feiert der „Bananensprayer“ Thomas Baumgärtel an sage und schreibe 40 Kunstorten des Niederrheins sein 40-jähriges Dienstjubiläum. Berühmt wurde er mit dem Sampling einer Frucht, die Andy Warhol 1966 erfunden hat. Uns macht das Rumbanane ratlos. Eine Polemik.
Wir sagen es nur ungern, aber an Bananen kleben Pech & Schwefel. Ihre Existenz im Discounter verdankt sich nämlich einem teuflischen System, das auf Ausbeutung, Umweltverpestung und Unterdrückung von Menschenrechten basiert.
Wenn wir ein Symbol für kriminellen Turbokapitalismus erfinden müssten, für sündhaften Konsum: Die Dessert-Banane (musa × paradisiaca) wäre erste Wahl. Wie Künstler ausgerechnet diese Frucht zur Inkarnation von sozialer Anarchie, kreativer Freiheit & kultureller Vielfalt verklären konnten, ohne dafür vom Publikum verlacht zu werden, ist uns ein Rätsel.
Aber: Sie haben es getan!
Aber sie haben es getan. Und vielleicht ist es kein Wunder, dass zwei Künstler hierbei den Rahmen bilden, denen Kunst nicht zuletzt Gelddruck-Maschine ist & war.

Andy Warhol war der erste. 1966 hatte er den Einfall, eine Litho-Fassung der musa × paradisiaca als Abziehbildchen auf das Cover des ein Jahr später gepressten Debüt-Albums „The Velvet Underground & Nico“ zu drucken.
Wer sie abzog, sah rosa Fleisch. Wer sie ungepellt beließ, kann auf Auktionen heute bis zu 110.000 US-Dollar machen.
Es ging nicht um Banane. Never.
Die Plattenfirma versprach sich durch den großen Künstler-Namen einen Verkaufs-Kick, Andy Warhol noch mehr Ruhm. Es ging schon damals um Kommerz & Selbstvermarktung. Nicht um Banane.

Foto oben: Andy Warhol & Sängerin Nico mit der Original-Banane des Covers von
„The Velvet Underground & Nico“ in seiner Factory, New York 1966 (Symbolbild)

Mauricio Cattelan war der vorerst letzte. 106 n. D.* hatte er den to-TAL verrückten Einfall, auf der Art Basel Miami Beach 2019 ein echtes Exemplar der musa × paradisiaca mit Panzerband an die Kojen-Wand zu kleben und zum Kunstwerk zu erklären.
*nach Duchamp
Kunst = Krypto (Beuys 2.0)
Sechs Jahre später verspeiste der chinesische Bitcoin-Milliardär Justin Sun vor laufender Kamera in Hongkong ein Cattelansches Exemplar, das er zuvor für 6,2 Millionen US-Dollar bei Sotheby’s in New York ersteigert hatte.
Nicht, ohne dabei die Konzept-Kunst des Italieners mit Blockchain-Währung zu vergleichen. Also Blase mit Blase.
Foto oben: Maurizio Cattelan (nach): „Comedian (Cucumber Edition)“ (2026).
Hieran hat die Hammer Sammlung Bloehme neulich für 75 Cent von uns die Rechte erworben

Und er hat ja recht: Auch im digitalen Turbokapitalismus kann heutzutage jeder Tech-Bro-Schnösel mit einer Idee fast für umme Fantastilliarden scheffeln. Und sich als geniales Wesen fühlen, das der verachtenswerten Masse niederer Bananenfresser in ihrer Matrix unendlich überlegen ist.
Früher war Kunst = Kapital. Heute ist Kunst = Krypto. Treffender als durch den hohlen Anarchismus der verspeisten Kunst-Banane kann man die Augenwischereien des jeweiligen Marktes kaum entlarven.* Ohne es zu merken, versteht sich. Selbstreflexion ist Technik Bros fremd.
*hohl ist der Anarchismus schon deshalb, weil Justin Sun ja gar nicht die verspeiste Banane ersteigert
hat, sondern für 6,2 Millionen die IDEE, eine x-beliebige Banane an die Wand zu pinnen – was eh
spinnert genug ist! Heißt aber: einfach vom Butler bei Erewhon in L.A. neue Banane kaufen lassen,
mit Panzerband an die Milliardärsvilla-Wand pinnen – und, hex hex: Kunstwerk wieder heile.
„Kunst ist eine Geldvernichtungs-Maschine.“
Mary Bauermeister, 2020
Seit ihn die musa küsste
Irgendwo zwischen Warhol und Cattelan steht, kunstgeschichtlich vielleicht etwas kleiner an Statur, Thomas Baumgärtel.
Mit Andy Warhol teilt er das Motiv, mit Maurizio Cattelan – zumindest ein wenig – den Sinn für öffentlichkeitswirksame Aktionen.
1986 hatte Baumgärtel während seines Zivildienstes in einem katholischen Krankenhaus in Rheinberg angeblich den Gedanken, eine Banane ans Kreuz zu nageln, um die Ordensschwestern zu schockieren: Gänsehaut..
Die von ihm heute so genannte „Ur-Banane“ ward geboren.
Seit ihn diese musa küsste, ist der „Bananen-Sprayer“ nicht mehr wegzudenkender Teil des rheinischen Kunstbetriebs.

Bild oben: Naja: Eigentlich hat ja Martin Luther die „Ur-Banane“ ans Kreuz geschlagen!
Aber wir wollen mal nicht päpstlicher sein als der Papst (Symbolbild)

Momentan sind 40 von Baumgärtels „Werkgruppen“ unter dem Motto „Freiheit für Kunst“ und dem Marketingeltangel-Titel „NiederrheinTour 2026“ in 40 Museen und Galerien NRWs zu sehen:
„Werkgruppen“, in denen die sympathische Frucht der Ausbeutung nicht immer, aber zumeist die meiste Zeit im Zentrum steht.
Da Thomas Baumgärtel seine Seele für eine Handvoll Dollar der turbokapitalistischen Unsichtbarkeit-Maschine überschrieben hat, dürfen wir nicht nur seine – irgendwie schon SEHR an Andy Warhols Fassung erinnernde – Variante hier nicht zeigen, sondern auch nicht sein ganzes, von ihm liebevoll „Œuvre“ genanntes Werk.
Foto oben: Gleichen einander irgendwie fast schon wie ein Ei dem anderen:
Kunst-Banane von Andy Warhol (rechts) und von Thomas Baumgärtel (Symbolbild)
Unsere verdammte Pflicht & Schuldigkeit
Aber wir als KunstArztPraxis-Künstler besitzen natürlich die anarchische Freiheit, die musa × paradisiaca baumgärteliensis zu beschreiben. Und auch die verdammte kreative Pflicht & Schuldigkeit, Unzeigbares zu visualisieren.
Vor allem, wenn es sich um derart verbotene Früchtchen handelt.
Auf der „NiederrheinTour 2026“ jedenfalls gibt es die musa × paradisiaca baumgärteliensis als Hakenkreuz-Verschnitt, Bananen-Berg und in Ukraine-Farben.
Es gibt sie als Rolling-Stones-Zunge, am Kreuz, als Brücken-Bogen oder als Gondel mit Snoopy auf dem Canale Grande. Es gibt sie als Bananenrepubliks-Adler, mit Dürers Hasen, dem Pissoir Duchamps und mit dem Hut von Joseph Beuys. Und wrapped à la Christo.
Es gibt sie auf Mülleimern, Koffern und Benzinkanistern, auf Scheiben & Schildern, Spaten & Schaufeln, Kartons & Tüten; als Sofa und Corona-Spritze, in Filz oder kinetisch mit Drehmoment.
Es gibt sie also immer & überall. Gut gemeint aber gähn.

Foto oben: Thomas Baumgärtels Banane mit Beuys-Hut;
hier in Joseph Beuys‘ Intuitions-Bananen-Kiste (Symbolbild)
Und auf dem Ausstellungsplakat zur „NiederrheinTour 2026“ ist die Licht bringende Fackel der New Yorker Freiheitsstatue, für Geschichts-Fans eigentlich selbst schon hinreichend Liberté-Symbol, durch eine offenbar Freiheit symbolisieren sollende Baumgärtel-Banane ersetzt.
Klar, dass wir das auch nicht zeigen dürfen.
„Wie viele Kunstorte werde ich bis Mitte nächsten Jahres adeln?“
Thomas Baumgärtel
Auf der „NiederrheinTour 2026“ wird man vom „Bananensprayer“ an seinen 40 Ausstellungsorten übrigens schon draußen vor der Tür in Empfang genommen.
Denn seit 1991 nutzt Thomas Baumgärtel seine von ihm so genannte „Originalbanane“* bekanntlich auch, um sie, mit oder gegen den Willen der jeweiligen Besitzer, an die Fassaden von Kulturstätten zu sprühen, die er für wichtig hält: „adeln“, wie er das nennt.
*ACHTUNG: „Originalbanane“ ungleich „Ur-Banane“!
Das sind völlig unterschiedliche paar Schuhe.
Derart wunderzuheilen vermögen WIR nicht!

5.000 Geadelte auf aller Welt sollen es inzwischen sein, darunter das Museum of Modern Art (MoMa) in New York, die Tate Modern in London oder das Peggy-Guggenheim-Museum in Venedig.
Institutionen also, die Thomas Baumgärtels Nobilitierung dereinst allesamt dringend nötig hatten.
Und tatsächlich: Mit der Banane an der Eingangstüre geht es besagten Institutionen schon deutlich besser! Puh. Wir fühlen wieder Puls.
Selbst Rezepte aus der KunstArztPraxis hätten derlei Wunderheilung nicht vermocht.
Und Rezepte aus der KunstArztPraxis vermögen bekanntlich sehr, sehr viel.
Foto oben: musa × paradisiaca baumgärteliensis an der Fassade der
Tate Gallery of Modern Art (Tate Modern) in London (Symbolbild)
Ansonsten ist es beim Baumgärtelschen Adeln natürlich so wie bei Auszeichnungen generell: dass sich im künstlichen Licht der ausgezeichneten Größen vor allem auch die – bisweilen nicht immer genauso großen – Auszeichnenden sonnen können.

„Ick bün all dor!“
Im Mai 2026 kam auch das denkmalgeschützte Haus Te Gesselen in Kevelaer, das älteste Wohnhaus von NRW, zu den Geadelten hinzu.
Weil es im Reigen der 40 Ausstellungsorte am Niederrhein neben dem phantastischen Œuvre Erwin Hapkes eben auch Thomas Baumgärtels – in unseren Augen nicht ganz so phantastisches – Frühwerk zeigt, müssen seine Bewohnerinnen jetzt für immer mit einem Abklatsch der „Originalbanane“ leben.
Es ist wie beim Hase und beim Igel: Wenn die Te Gesseler ab sofort am Wochenende nach Hause kommen, war Thomas Baumgärtel schon all dor.

Foto oben: Nur, um es noch einmal zu sagen & zu zeigen:
Erwin Hapkes Œuvre im Haus Te Gesselen ist phantastisch!
„Das Schönste am MoMa ist die Banane. Das Schönste an der Tate Modern ist die Banane. Haus Te Gesselen hat noch nichts Schönes.“
Andy Warhol (Zitat seit Mai ’26 veraltet)

„Die Banane wird zur universellen Signatur einer offenen Enzyklopädie der Transformation“, charakterisiert Thomas Baumgärtel seine musa × paradisiaca baumgärteliensis: in einer Form esoterischer Kryptik, die auf dem Kunstmarkt, für den sie gemacht ist, sicher gut ankommt.
Für alles – also für nichts?
Wir Normalsterblichen aus der KunstArztPraxis können diesen Satz in seiner Tiefe leider nicht zur Gänze erfassen, vulgo: Wir verstehen ihn nicht. Es sei denn, dass mit der „offenen Enzyklopädie der Transformation“ gemeint ist, dass die Schablone der Banane bei Baumgärtel prinzipiell für alles stehen kann. Also für nichts?
Nein, halt: Für EINES steht die Banane in unseren Augen, durch die Bank weg, schon: für Thomas Baumgärtel nämlich. Für uns hat der „Bananensprayer“ die musa × paradisiaca zur Selbstbeweihräucherungs-Marke transformiert. Zum Label, das nicht auf Kunst, sondern auf ihn selbst verweist.
In diesem Sinne ist die Banane tatsächlich eine Signatur. Ein „Baumgärtel fecit“. Wie bei Rembrandt, nur halt mit Schale.


Wo bleibt eigentlich das Eigentliche?
Wir jedenfalls sehen die Banane auf einem Bild oder an einer Wand und denken: „Soso, der Baumgärtel war auch schon hier!“ Und gehen weiter.
Über sicherlich tiefgreifende Kritik, die sich unter der rauen Schale im Fruchtfleisch verbergen mag, denken wir offen gestanden vorm Weitergehen eher weniger nach.
Will sagen: Für uns lenkt die Banane vom Eigentlichen, sofern dieses Eigentliche denn geben soll – und zumindest hin und wieder gibt es dieses in unseren Augen Eigentliche schon –, eigentlich eher ab.
„Ich glaube, das hat es noch nie gegeben – dass ein Künstler an 40 Orten sein Œuvre präsentieren kann.“
Thomas Baumgärtel
Wir wollen an dieser Stelle gar nicht auf die – Entschuldigung, unsere Meinung: Vermessenheit eingehen, die in dem Umstand zutage tritt, sein eigenes Dienstjubiläum, also sich selbst, mit 40 (in Worten: vierzig!) parallelen Ausstellungen feiern zu lassen.
Wir wollen auch nicht nach den Gründen forschen, die 40 (in Worten: vierzig!) Kultur-Institutionen am Niederrhein dazu brachten, bei diesem – Entschuldigung, unsere Meinung: Größenwahn mitzumachen – darunter wirklich renommierte Häuser wie das Museum Schloss Moyland oder das Museum Kurhaus Kleve.*
* dass diie WIRKLICH renommiert sind: Ja, das zeigt uns
schon am Eingang, tatatataaa, natürlich: die Banane!
Wir möchten aber trotzdem kurz darauf verweisen, dass das mit der Banane in unseren Augen auf Dauer, also über die Jahrzehnte betrachtet doch auch für ihren Schöpfer ziemlich langweilig werden muss? Und mit Street-Art, wie ihr Schöpfer meint, hat das in unseren Augen sowieso nichts mehr zu tun.

Umschulung zum Gurkensprayer?
Deshalb möchten wir Herrn Baumgärtel bei allem gebotenen Respekt und mit der uns eigenen Bescheidenheit untertänigst vorschlagen, es vielleicht doch einmal mit der heimischen Gurke zu versuchen. Die ist nämlich durch den monothematischen „Gurkenfotografen“ Ricardo Reuss noch nicht hinlänglich geadelt worden.
Es muss ja nicht gleich die von der AfD besetzte Spraywald-Gurke sein (‚tschuldigung, der musste raus).
Im Vergleich zur Banane ist die Gurke nämlich ein eher unschuldiges Gewächs, mit dem man, bei eigenem Anbau, sogar der Ausbeutung, der Umweltverpestung und der Missachtung der Menschenrechte im Turbokapitalismus ein Schnäppchen, äh: ein Schnippchen schlagen kann.

Foto oben: Für uns die bessere Banane: die Gartengurke (Cucumis sativus).
Ricardo Reuss, „Gurkenchristkind“ (1972), Sammlung Bloehme, Hamm 2025
Vielleicht wäre Rumgegurke statt Rumbanane ja tatsächlich eine gangbare Alternative? Ein paar Serviervorschläge haben wir in diesem Beitrag auf jeden Fall schon mal versteckt.
In diesem Sinne: Lang lebe der lautere Frutar(t)ismus! Für eine klimaneutrale Vegane Kunst (VA).
Bitteschön. Dankeschön. Ihre KunstArztPraxis (31.05.2026)
Erwin Hapke ist nur noch heute sowie am 7. und 14. Juni jeweils von 14:00 bis 17:00 Uhr im Dachstuhl von Haus Te Gesselen in Kevelaer zu sehen: ungelogen: wirklich phantastisch.
Ach ja: Die Arbeiten von Thomas Baumgärtel werden noch bis zur zentralen Finissage am 27. September im Museum Kurhaus Kleve zu diversen Zeiten an 40 diversen Orten ausgestellt. Infos unter 40 Jahre Bananensprayer. NiederrheinTour2026.
Da gibt’s dann auch mehr im Angebot als die musa × paradisiaca baumgarteliensis, auch Verdienstvolleres. Es ist ja nicht so, dass wir alles von Thomas Baumgärtel Banane fänden. Und auf sein humanitäres Engagement hinweisen möchten wir hier ausdrücklich auch.
Allerdings auch darauf, dass man fast alle Werke, sofern noch verfügbar, käuflich erwerben kann. Die „NiederrheinTour2026“ ist halt auch eine NiederrheinVerkaufsTour.

Gurken in der KunstArztPraxis:
159,2 Millionen für van Goghs „Gurkenmädchen“!
Ricardo Reuss: Der Fotograf der Gurke
Sommerloch-Porträts 6: Erwin Wurms Gurke
Arcimboldos 430. Todestag: Manifest des Frutar(t)ismus
Street-Art und Pseudo-Street-Art in der KunstArztPraxis:
Gekleisterte Botschaften: Der Street-Art-Künstler Tim Ossege
Woher kennen Sie Erwin Hapke, Mr. Brainwash?
Ein Tod verschwindet: Harald Naegeli in Köln
Harald Naegeli in Köln: Ein Tod verschwindet weiter
Keine Kunst! Was Richard David Precht vergaß
40 Jahre Bananensprayer. NiederrheinTour2026
Homepage von Thomas Baumgärtel


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